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Das Potenzial ist da, die Arbeit auch: Eine Analyse der ersten Saison der Pure ETCR

Svenja König

Svenja König

Pure-ETCR-Cupra

"Aller Anfang ist schwer" - das gilt höchstwahrscheinlich auch für die erste Saison einer jeden Rennserie. Die Pure ETCR hat ihr Debütjahr am Sonntag erfolgreich beendet. Als erste Elektro-Tourenwagenserie mit mehreren Herstellern schrieb sie damit Geschichte - und mit ihr Mattias Ekström (Cupra), der sich zum Meister krönte. Wir nehmen Jahr 1 der Pure ETCR unter die Lupe.

Zu Beginn präsentierte sich die Serie mit einem revolutionären Rennkonzept, das schon vor dem Saisonstart kontrovers diskutiert wurde. Nichtsdestotrotz entstanden spannende Rennwochenenden, die in einem Herzschlag-Meisterschaftsfinale gipfelten. Wie der Pure ETCR eine Saison ohne gravierende Schwachpunkte gelang, welche Hürden vor dem zweiten Jahr dennoch auf die Meisterschaft warten, und wie die einzelnen Teams performt haben, analysieren wir in diesem Beitrag.

Verdiente Meister: Cupra von Beginn an top

Der spanische Automobilhersteller Cupra räumte sowohl in der Fahrer- als auch in der Konstrukteursmeisterschaft den Titel ab - und das, so die einhellige Meinung im Paddock, vollkommen verdient. Dreimal nahmen Cupra-Piloten den Titel "König des Wochenendes" entgegen. Die Spanier waren schon beim Saisonauftakt in Italien das Maß der Dinge und konnten dieses Momentum auch während der restlichen Saison aufrechterhalten.

Trotz allem hatte man als Zuschauer gegen Saisonende das Gefühl, als sei der Vorsprung auf Hyundai und Romeo Ferraris kleiner geworden, denn zuletzt hoben sich lediglich Mattias Ekström und Mikel Azcona vom Rest des Feldes ab. Zwei Fahrer, die kaum unterschiedlicher sein könnten, die nur eine beeindruckende Pace im Auto eint. Zweifelsohne geht Cupra auch als Favorit in die Saison 2022, doch das Team sollte die immer stärker werdende Konkurrenz nicht aus den Augen verlieren.

Romeo Ferraris' starke Verbesserung & die Verpflichtung von Philipp Eng

Romeo Ferraris schloss sich vor Saisonbeginn als letztes Team der Elektroserie an und ist außerdem der einzige Rennstall, der formal keinen Hersteller im Rücken hat. Noch in Vallelunga sah es so aus, als wäre die Alfa Romeo Giulia nicht annähernd auf dem Geschwindigkeitsniveau der Konkurrenz aus den Häusern Cupra und Hyundai. Zuletzt jedoch in Pau-Arnos, einer Strecke, die eine ähnliche Charakteristik wie Vallelunga aufweist, präsentierte sich das Team stark und stellte einmal mehr unter Beweis, wie sehr sich Romeo Ferraris im Saisonverlauf verbessert hat.

Analog zu Optimierungen am Auto verbesserte sich die italienische Tuning-Schmiede auch in der Fahrerbesetzung. Mit Philipp Eng hatte das Team ab dem dritten Rennen neben Luca Filippi einen weiteren Topfahrer an Bord, der konstant um die ersten Plätze mitfuhr und bei seinem Debüt in Dänemark sogar auf Anhieb "König des Wochenendes" wurde. Schlussendlich überholte Romeo Ferraris sogar noch Hyundai in der Teamwertung. Daumen hoch für die Steigerung im Saisonverlauf.

Hyundai gut - aber zum großen Coup reichte es nie

Last but not least: Hyundai. Die Südkoreaner wurden zum tragischen Helden der Pure-ETCR-Saison 2021, die trotz des steten Siegeswillens erst beim letzten Lauf den großen Wurf landen konnten. An Kampfgeist mangelte es dem Team von Sebastian Loeb Racing jedoch in keiner Sekunde.

Während Jean-Karl Vernay bis zur letzten Sekunde um die Meisterschaft kämpfte, obwohl er zuvor kein Wochenende gewonnen hatte, ließ sich Teamkollege Farfus bei der Suche nach Lücken auf der Strecke immer wieder in vermeidbare Unfälle verwickeln. In Ungarn kollidierte er mit Mattias Ekström, in Frankreich wurden ihm nach einem Crash mit Luca Filippi Meisterschaftspunkte abgezogen. In Italien versuchten er und sein Hyundai-Teamkollege Tom Chilton über geringere Reifendrücke Boden auf Cupra gutzumachen - und wurden mit einem Reifenschaden und dem frühen Aus bestraft.

Auch wenn in dieser Saison vielleicht nur ein Quäntchen Glück zum Titel fehlte, hat Hyundai über den Winter einiges zu tun, um wieder näher an Cupra und Romeo Ferraris heranzukommen. Am Ende der ersten Saison bleibt nur Platz 3 für Hyundai - mit einem Punkt Rückstand auf Romeo Ferraris.

Power-up gehört zum Erfolgskonzept

Was nach der Pure-ETCR-Debütsaison aber ebenfalls sicher ist: Die Serie ist nicht die Formel E. Der Versuch, auf einem Stadtkurs in Kopenhagen ein spannendes Rennen auszutragen, scheiterte. Einzig Luca Filippi konnte am ganzen Wochenende ein Überholmanöver gegen Mattias Ekström setzen. Dafür machte sich die Zusatzleistung "Power-up" auf den permanenten Rennstrecken mehr als bezahlt. Das Feature erhöhte die Fahrzeugleistung in den Battles für 40 Sekunden auf 450 kW und stand ab dem zweiten Wochenende in jedem Rennen zur Verfügung. Das Power-up sorgte für tolle Manöver, insbesondere am Hungaroring oder im spanischen Aragon, und gehört schon jetzt wie der Attack-Mode der Formel E zur DNA der Serie.

Im Saisonverlauf wurde außerdem deutlich, dass die Autos nicht nur enorm schnell - wenn man sie lässt -, sondern auch technisch zuverlässig sind und durchaus harte Zweikämpfe zulassen. Einzig der Renneinsatz von Goodyear-Straßenreifen stellte sich über die Saison hinweg als Herausforderung für Fahrer und Teams heraus. Die Einsatzbeschränkungen der Pneus führten zu Performance-Unterschieden, wenn sich ein Team früher entschied, einen neuen Reifen aufzuziehen.

Online-Einschaltquote lässt Luft nach oben

Die Pure ETCR übertrug ihre Sessions hauptsächlich auf YouTube und startete ab dem zweiten Rennen zusätzliche Livestreams auf Twitch. Lediglich die Finals (Ungarn ausgenommen) wurden auf Eurosport 2 bzw. im Eurosport Player übertragen. Da für Pay-TV-Angebote keine Einschaltquoten erhoben werden, ist unklar, wie viele Personen die Rennen tatsächlich verfolgten. Auf YouTube erreichten die Rennsessions meist circa 1.000 Menschen - Zusammenfassungen und Highlights maximal halb so viele. Auf Twitch wurden beispielsweise in Pau-Arnos nur die Pressekonferenzen übertragen und nicht die eigentlichen Sessions - dementsprechend schlecht sahen auch die Aufrufzahlen aus.

Hier lässt die Serie für kommende Saisons eindeutig noch Luft nach oben. Allerdings profitiert sie durch die Übertragung von Eurosport auch vom starken Kommentatorenteam um Martin Haven und Matt Neal - zumindest im internationalen Feed. Beide kommentieren sonst die "große Schwester" WTCR und leisteten über die gesamte Saison einen großen Beitrag zu unterhaltsamen Übertragungen.

Neben den Streams liefert die Pure ETCR zu jedem Rennen ein Livetiming und aktuelle Ergebnisboards, die das Arbeiten mit der Serie auch für uns Medienvertreter:innen unkompliziert machen. Entscheidungen der Stewards müssen allerdings nach wie vor bei der Serie angefragt werden. Diese wurden in Ungarn und Pau-Arnos immerhin von den Kommentatoren in den Sessions aufgegriffen.

Meinung von Svenja König: Rennformat liefert spannende Rennen, aber mehr Vielfalt möglich

Mit einem Knall ging die erste Pure-ETCR-Saison in Pau-Arnos zu Ende. Dies scheint auf den ersten Blick keine besondere Errungenschaft zu sein. Allerdings sind die Macher:innen der Pure ETCR auch nicht die Ersten, die sich an einer elektrischen Tourenwagen-Serie probieren. Man denke nur an das quasi ausgestorben Projekt der Electric Production Car Series (EPCS), der es trotz wiederholter Versuche noch nicht gelang, ein Rennen auszutragen. Der Pure ETCR gebührt zudem Respekt dafür, bereits in der ersten Saison zwei Hersteller und eine Tuning-Schmiede mit je zwei Topfahrern "an Bord" bekommen zu haben.

Aufgestellt hat sich die neue Serie mit einem neuen radikalen Rennformat, das bei einigen Fans und Medienvertreter:innen aufgrund seiner Komplexität für viele Diskussionen sorgte. Knapp fünf Stunden pro Rennwochenende investiert man gern, wenn die Action auf der Strecke stimmt. Das hat bei der Pure ETCR auch zum Großteil geklappt. Dabei verbindet die Serie klassischen Tourenwagensport - also klassische Tourenwagenfahrer auf klassischen Strecken und mit klassischen Rennen - mit einem modernen Konzept, welches mit seinen kurzen Rennen wie für den elektrischen Motorsport gemacht ist. Lässt man den Historic Grand Prix in Kopenhagen aus, entstanden tolle Battles auf der Strecke, wie man sie sich in manch anderen Serien wünscht. Lediglich bei den 1-gegen-1-Duelle am Rennsamstag kam selten Spannung auf. Hier sollte die Pure ETCR noch kreativer werden und entweder neue Disziplinen im 1-gegen-1 einführen oder die zweite Battle-Runde komplett überdenken.

Allerdings wird das Potenzial zur Abgrenzung anderer Rennserien kleiner. Denn klar ist auch, dass in Zukunft weitere Rennserien wie die FIA Electric GT, die WRX oder eine Elektro-DTM, aus dem Boden sprießen werden, von denen sich die Pure ETCR abheben muss. Wichtig ist, das Momentum der ersten Saison mit all seinen Erfolgen, Misserfolgen und Learnings mitzunehmen, und im nächsten Jahr als FIA-Weltcup noch stärker zurückzukommen. Dazu ist es essenziell, spätestens zum Start der dritten Saison mit einem weiteren Hersteller aufzufahren und mehr Autos ins Feld zu bekommen. Hier könnte man auch auf das bewährte Kundensport-Programm der Hersteller zurückgreifen. Fakt ist: Die Pure ETCR hat das Potenzial, eine der großen Serien im elektrischen Motorsport zu werden. Trotzdem liegt noch viel Arbeit vor dem Veranstalter, den Teams und den Fahrern.

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