E-Serien

Augusto Farfus nach Pure-ETCR-Auftakt: "Motorsport muss für die Leute zu Hause gemacht sein"

Svenja König

Svenja König

Augusto-Farfus-Pure-ETCR-Vallelunga

Vor gut zwei Wochen ging das erste Rennwochenende der Pure ETCR zu Ende. Offiziell begann die Geschichte der neuen Tourenwagenserie mit dem Lauf in Vallelunga, doch für die Verantwortlichen, Fahrer und Teams hatte der Saisonauftakt einen Vorlauf von etwa 20 Monaten. e-Formel.de hat in Italien mit Augusto Farfus gesprochen, der uns einen Einblick in die Vorbereitung auf das Debüt der neuen E-Serie gegeben hat. Außerdem spricht er über das anspruchsvolle Fahrzeug und die Entwicklung des Motorsports.

Der ehemalige DTM-Pilot war von Anfang in das ETCR-Programm von Hyundai involviert, die sich als zweiter Hersteller nach Cupra der Serie anschlossen. "Ich ziehe meinen Hut vor Hyundai, die sich dieser Herausforderung angenommen und ein Team aufgestellt haben", sagt der Brasilianer. "Sie gehörten zu den Ersten, die ein Auto hatten, waren also sozusagen einer der Pioniere auf dieser neuen Reise und haben viel in diese Serie investiert. Die Rennserie jetzt hier zu sehen, was daraus geworden ist, und was wir aufgebaut haben, fühlt sich wirklich toll an."

"Alles, was man hier heute sieht, hat einen sehr langen Weg hinter sich", erklärt Farfus. "Als Hyundai sich entschieden hat, der Serie beizutreten, gab es sehr viele Herausforderungen. Das ist die erste vollelektrische Tourenwagen-Rennserie mit verschiedenen Herstellern, Autos und Technik. Wir alle mussten uns überlegen, wie wir das schaffen und wie wir es den Leuten zeigen können. Denn es gibt immer noch viele Menschen, die sagen, Elektroautos seien langweilig. Und wir werden alles geben, um zu zeigen, dass der fehlende Motorsound das kleinste Problem ist."

"Gemeinsamer Einsatz von Cupra, Hyundai, Romeo Ferraris & Williams"

Eine der größten Herausforderungen sei gewesen, den Antriebsstrang und die Batterie von Williams Advanced Engineering in drei verschiedene Autos einzubauen und daraus ein funktionierendes System zu schaffen. "Ein Auto um etwas herum zu bauen, das einen großen Einfluss auf die Performance hat, was du aber nicht anfassen darfst, ist eine sehr große Herausforderung für jeden Ingenieur."

Dabei hatte jeder Hersteller natürlich unterschiedliche Präferenzen. "Wir hätten gern einen anderen Crash-Control-Sensor gehabt als Cupra, und die wollten wiederum die Leistung anders auf die Straße bringen als Romeo Ferraris", erinnert sich Farfus. "Man kann das so einfacher beschreiben: Du gibst jedem eine Zutat und bittest dann drei Leute, ein Essen daraus zu machen. Und der eine sagt dann, er hätte gern mehr Salz und der andere lieber weniger. Genauso war es mit diesem Auto."

"Denn sobald Williams die Einheit in unser Auto gesetzt hat, gab es Probleme, und wenn sie die Einheit in den Cupra gesetzt haben, haben sie andere Probleme gefunden. Und dann haben sie manche Sachen für Alfa verändert, was bei uns wieder ein Problem aufgeworfen hat. Das war ein gemeinsamer Einsatz von Hyundai, Cupra, Romeo Ferraris und Williams, das Auto hierher zu bringen, und ich denke das sollten wir noch mehr hervorheben. Denn was wir hier sehen, ist die Arbeit von ungefähr 20 Monaten von jedem Hersteller."

Auf der Rennstrecke hätten sich dann neue Probleme ergeben, die vorher nicht absehbar waren: "Es gab Testtage, wo wir insgesamt fünf Runden am Tag gefahren sind - da gab es Probleme mit den Ladestationen, dem Auto und so weiter. Wir mussten dann erst mal schauen, was wir eigentlich beheben müssen. Das war eine große Herausforderung."

"Mit Abstand das schwierigste Auto, das ich je gefahren bin"

"Dieses Auto ist mit Abstand das schwierigste Auto, das ich je gefahren bin", sagt Farfus. Die Rennwagen der Pure ETCR haben eine Leistung von maximal 500 kW und dabei 800 Nm Drehmoment. "Zusätzlich fährt man sie mit Allwetterreifen, bei denen Goodyear in der Herstellung einige Kompromisse machen musste, damit sie auf trockener und nasser Strecke funktionieren. Daher sind auch die Reifen sehr schwer zu fahren."

"Dazu haben wir auf der schnellen Runde gesehen, dass alle Fahrer beim Bremsen Fehler gemacht haben, weil das Auto so anspruchsvoll ist. Wenn du in anderen Rennautos fünf Meter zu spät bremst, kriegst du die Kurve trotzdem noch. Wenn du in diesem Auto fünf Meter zu spät bremst, bist du raus - Arrivederci."

Die Trainings- und Testmöglichkeiten auf der Rennstrecke sind an einem Rennwochenende sehr begrenzt. Es gibt zwei Trainingssessions am Freitag. In Vallelunga konnte dabei nur eine schnelle Runde auf dem langen Layout gefahren werden. Am Samstag wurde mit weniger Leistung auf der kurzen Strecke gefahren. "Wir wussten also nicht, wie die Strecke aussieht, wie schmutzig sie ist, als wir heute früh auf unsere schnelle Runde gegangen sind", so Farfus.

"Kinder wollten lieber das Formel-E-Rennen sehen, weil es viel ruhiger ist"

Die größte Kritik erntete die neue Serie für ihr außergewöhnliches neues Rennformat, was insbesondere den Rennsamstag in viele zehnminütige Sessions unterteilte. "Ich gebe auch zu, dass es hier an der Rennstrecke recht entzerrt wirkt", meint Farfus, "aber das liegt auch daran, dass wir hier die einzige Serie sind. In Budapest fahren wir gemeinsam mit der TCR, da wird es viel mehr Action geben."

"Ich denke, man muss aber unterscheiden zwischen der Show, die man hier an der Rennstrecke sieht und dem, was die Fans zu Hause sehen. Der Motorsport muss für die Leute zu Hause gemacht sein. Nur wenn die Leute zu Hause begeistert sind, dann wird es die Serie pushen, denn selbst wenn du zu einer richtig großen Rennstrecke gehst, hast du vielleicht 30.000 Zuschauer. Zu Hause am Fernseher hast du mehrere Millionen. Und wenn die eine kompakte 20-minütige Session mit viel Action zu sehen bekommen, dann ist es richtig."

"Auch dafür kann ich ein Beispiel nennen: Top Gear, die britische TV-Sendung. Ist es schöner, Top Gear zu Hause zu schauen, oder während es aufgenommen wird? Das geht Stunden... Erst wird draußen aufgenommen, dann etwas im Studio, und es gibt viele Cuts. Am Ende wird es auf 40 spannende Minuten zusammengeschnitten."

Dabei sind sich sowohl die Fahrer als auch die Verantwortlichen bewusst, dass sich der Motorsport und seine Fans verändern. Vor diesem Hintergrund haben sie die Rennen angepasst. Der ehemalige DTM-Pilot spricht aus Erfahrung mit der eigenen Familie: "Früher wollten die Fans einen schreienden V12 sehen, aber unsere ganze Generation verändert sich. Ich bin mit meinen Kindern zum Formel-1-Rennen in Monaco gegangen, aber sie wollten - unabhängig vom Rennen - viel lieber das Formel-E-Rennen sehen, weil es viel ruhiger ist."

Bis zum zweiten Rennen in Aragon haben die Teams eine deutlich kürzere Vorbereitungszeit, denn schon am zweiten Juli-Wochenende (9. bis 11.) findet das zweite Rennen der Pure ETCR in Spanien statt.

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