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Kommentar: Warum man Roborace eine Chance geben muss

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Eingefleischte Motorsport-Fans werden von der Konzeptidee wie ein Schlag getroffen: Die neue Roborace-Serie soll schon ab der dritten Formel-E-Saison als Feeder-Serie Rennen mit autonomen Fahrzeugen austragen. Man will, so der Plan, eigenständig eine künstliche Intelligenz programmieren, mit der die Roboter-Autos ohne Fahrer auf die Jagd nach dem Sieg gehen.

Doch kann Motorsport ohne Fahrer funktionieren? Die Zuschauer feuern seit dem Zeitalter der Römer bei Rennen menschliche Fahrer an - verliert dieser Sport nun seine Daseinsberechtigung? Und am wichtigsten: Wie steht es um die Sicherheit der Zuschauer, wenn etwas schief läuft? Was maßt sich Roborace damit an?

Roborace hat wohl noch mehr Gegenwind als die Formel E, als sie in ihren Kinderschuhen steckte. Die Stimmen der Kritiker sind laut, schließlich rüttelt die Serie an den Grundsätzen des Motorsports. "Manche Leute mögen keine Revolutionen, aber das sind gewöhnlich die, die zurückbleiben", erklärte Formel-E-Geschäftsführer Alejandro Agag bereits im Rahmen einer Pressekonferenz. Doch wie stehen die Sterne für Roborace wirklich? Ein Kommentar.

Mehr Möglichkeiten als in anderen FIA-Serien

Zugegeben, der Ansatz ist radikal. Während die Formel E noch Parallelen zu anderen FIA-Serien aufweist und unter anderem Technologien aus der Formel 1 nutzt, entstand Roborace aus der Feder einer Investmentfirma, die zuvor keine Erfahrungen im Motorsport hatte. Die Welt hat etwas wie Roborace noch nie gesehen.

Doch dadurch öffnen sich alle Türen für die Serie. Das Potenzial ist riesig: Man kann mit Innovationen auf dem Gebiet der KI-Software rechnen, die mit keinem anderen Wort als "bahnbrechend" zu beschreiben sind. Die eigentlichen Stars der Serie werden die Ingenieure sein. Es wird kein Rennen geben, an dem nicht etwas an den Kodierungen geändert wurde: Die Performance eines Teams wird sich damit von Rennen zu Rennen ändern.

Auch um die Geschwindigkeiten sollte man sich keine Gedanken machen. Die Batterien der vollelektrischen Renner sollen so leistungsfähig sein, dass in den etwa 60-minütigen Rennen Geschwindigkeiten von mehr als 300 km/h möglich wären. Kinetik-Gründer Denis Sverdlov fürchtet bereits, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung für die Fahrzeuge nötig werden wird.

Roborace könnte, wenn alles gut läuft, der WEC gar den Titel als technologisch fortschrittlichste Serie ablaufen. Für die Teams bestehen, aufgrund von ungeschriebenen FIA-Regeln für Autos ohne Fahrer, alle Möglichkeiten. So wären Drehmomentverteilung, aktive Aufhängungen, aktive Aerodynamik (bei der sich Flügel dem Luftstrom anpassen und zusätzlichen Abtrieb generieren, ähnlich wie bei Red Bulls "Flatterflügel" 2012), DRS oder Starthilfen im Rahmen des Denkbaren.

Das autonome Fahren funktioniert außerdem unter allen denkbaren Bedingungen. Während in anderen Serien Rennen bei starkem Nebel, schlechten Lichtbedingungen oder monsunartigen Regenfällen abgesagt werden würden, machen solche Extrembedingungen Roborace nichts aus. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass so etwas jemals passieren wird - schließlich will man die Technologie vor möglichst vielen Zuschauern im Formel-E-Umfeld demonstrieren.

Die Pflicht zur Straßentauglichkeit

Für die Roborace-Renner besteht die inoffizielle Pflicht zur Straßentauglichkeit. Die Teams werden, das ist garantiert, bei hohen Geschwindigkeiten mit verschiedensten Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wenn man diese durch Forschung und Entwicklung beseitigt, heißt das automatisch, dass die Performance bei geringen Geschwindigkeiten ebenso verbessert wird.

Eines dieser Probleme wird die Verarbeitungszeit von Informationen sein. Bei 300 Stundenkilometern müssen die Computer deutlich schneller die Sensorendaten auswerten und in eine Aktion umwandeln als bei 50 km/h. Diese Erfahrungen, Algorithmen und Entwicklungen, die zur Sicherheit der Serie beitragen werden, werden zu 100 Prozent in Änderungen in Straßenfahrzeugen umgesetzt, da sie dort ebenso wie auf der Rennstrecke benötigt werden. Roborace-Fahrzeuge werden damit zu "straßentauglichen Rennwagen".

Unbegrenzte Interaktion mit den Fans

In der Formel E hat man verstanden, wie man mit den Fans umgeht. Auch davon kann Roborace profitieren - und das Konzept ausweiten. Sverdlov schlug bereits vor, dass Fans über das Aussehen des Chassis entscheiden könnten. Diese wüssten schließlich am besten, wie ein Rennauto auszusehen hat. Das wirklich Wichtige passiert auf Software-Basis, sodass man den Fans die Freiheit über das Äußere lassen könnte.

Man würde die Vorschläge gemeinsam mit der Expertise von Fahrzeug-Designern verknüpfen und so das Aussehen der Autos festlegen. Auch auf dem Social-Media-Gebiet gibt es, abgesehen vom FanBoost, den man ebenso in Roborace nutzen könnte, nahezu endlose Möglichkeiten. Wie wäre es beispielsweise, wenn du bei einem Online-Quiz gewinnst und dein Twitter-Nutzername für das nächste Rennen auf das Auto lackiert wird?

Zudem wird es, das steht schon fest, ein eigenes Fan-Team geben. Dabei sollen Programmierer aus aller Welt, die sich noch nicht im Motorsport engagieren konnten, gemeinsam an der Software und den Algorithmen schreiben und als Zuschauer-Team auf die Strecke gehen.

Die restlichen Fans könnten ihr Team zudem finanziell unterstützen und damit die Entwicklung vorantreiben. Serie und Zuschauer werden so eng wie in keiner anderen Serie verwoben sein.

Roborace ist kein Motorsport

Zu guter Letzt gilt außerdem: Roborace ist kein Motorsport. Per Definition steht "Sport" in den meisten Fällen nämlich im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen. Roborace hat zwar Motoren, ist aber kein Sport.

Vielmehr ist die Serie eine reine Demonstration von Technologie, die die Automobilindustrie hervorgebracht hat. Volvo, Google, Audi, Mercedes, Infiniti, Tesla, Volkswagen, Honda, Nissan - die Liste der aktuellen autonom fahrenden Hersteller ist lang. Frei nach dem Motto "What wins on Sunday, sells on Monday" könnten wir möglicherweise schon bald einige dieser Konstrukteure in der Roborace-Serie antreten sehen. Auch Studenten-Rennställe aus Universitäten könnten teilnehmen.

Die Idee steckt noch in ihren Kinderschuhen. Bereits jetzt ein Urteil über den autonomen "Sport" zu fällen, wäre schlichtweg verfrüht und überstürzt. Man muss ihm eine Chance geben und es gibt vieles, was für die "Revolution Roborace" spricht. Aber manche Leute mögen halt keine Revolutionen. Und das sind gewöhnlich die, die zurückbleiben.

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