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"Der ultimative Traum ist Le Mans" - Delfter Hochschulteam auf der Jagd nach dem H24-Wasserstoffrenner

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Zandvoort-Hydrogen-Racer-Forze-Delft

Seit dem ersten Formel-E-Rennen sind zahlreiche weitere Motorsport-Projekte entstanden, die ausschließlich auf elektrische Antriebe setzen (zur Übersicht). Zunächst waren in den Autos meist Batterien verbaut, doch spätestens seit dem Renndebüt der "Mission H24" im Mai 2022 spielen auch Wasserstoff-Brennstoffzellen eine Rolle im E-Rennsport. Die französische Mannschaft bekommt jedoch schon jetzt Konkurrenz - von einem Team ambitionierter Student:innen aus den Niederlanden.

Für den wasserstoffelektrischen Rennsport war der 10. Mai 2022 ein Meilenstein. Beim Rennen des Le Mans Cup in Imola (Italien) absolvierte der LMPH2G genannte Brennstoffzellen-Prototyp von Mission H24 seinen ersten kompetitiven Renneinsatz (siehe Bild). Eines Tages soll das Fahrzeug am berüchtigten 24-Stunden-Rennen von Le Mans teilnehmen, wenngleich nach mehreren Verzögerungen nicht vor 2025 mit einer Premiere an der Sarthe zu rechnen ist.

Das Le-Mans-Cup-Rennen, bestritten von Langstrecken-Routinier Stephane Richelmi, war allerdings nicht das erste Mal, dass ein Wasserstoff-Prototyp im Wettbewerbsumfeld eingesetzt wurde. Im Rahmen der in den Benelux-Ländern organisierten "Supercar Challenge" nahm schon 2017 ein Wasserstoff-Renner an einem Lauf teil.

Eingesetzt wurde er von einem Student:innen-Team der Technischen Universität Delft in den Niederlanden. Die Mannschaft, die als "Forze Hydrogen Racing" antritt, will nun Jagd auf die Mission H24 machen.

"Der schnellste Wasserstoff-Rennwagen der Welt"

Seit dem kompetitiven Debüt entwickelten die rund 60 Hochschüler:innen das damals "Forze VII" genannte Fahrzeug gemeinsam mit ihren Professor:innen mehrfach weiter. 2018 wurde die Technologie erstmals in ein LMP3-Chassis von ADESS verbaut und in "Forze VIII" umbenannt. 2022 will die Truppe mit dem "Forze IX" die nächste Entwicklungsstufe erreichen: Das neue Auto soll zum "schnellsten Wasserstoff-Rennwagen der Welt" werden.

"Wir möchten alles 'verdoppeln', wenn man so will", vergleicht Teammanager Coen Tonnaer das neue Auto mit dem Vorgängermodell. Im Interview mit 'e-Formel.de' führt er aus: "(Der Forze IX) hat zwei Brennstoffzellen statt einer, vier statt zwei Tanks, vier statt zwei Elektromotoren und so weiter. Die Standard-Leistung soll von 105 auf 240 kW steigen, die Boost-Power von 220 auf 600 kW. Und all das bei quasi unveränderten Fahrzeugdimensionen."

Technische Leistungsdaten der Wasserstoff-Autos

Kategorie "Forze IX" (2022) "Forze VIII" (2018) "LMPH2G" (seit 2018)
Höchstgeschwindigkeit 300 km/h 210 km/h 300 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h) 3 s 4 s 3,4 s
Max. Leistung (Standard) 240 kW (326 PS) 105 kW (143 PS) 250 kW (340 PS)
Max. Leistung (Boost/KERS) 600 kW (816 PS) 220 kW (299 PS) 480 kW (653 PS)
Anzahl Brennstoffzellen (700 bar) 2 1 1
Anzahl Antriebsstränge 4 Elektromotoren 2 Elektromotoren 4 Elektromotoren
Antriebsart Allradantrieb Heckantrieb Heckantrieb
Gewicht 1.600 kg 1.250 kg 1.420 kg
Maße (Länge x Breite) 5.190 x 1.900 mm 4.750 x 1.900 mm 4.710 x 1.070 mm

 

Dank des Boosts, bei dem über einen kurzen Zeitraum Superkondensatoren entladen werden, sollen Höchstgeschwindigkeiten bis etwa 300 km/h möglich sein. Mit dem Forze IX möchte es das Student:innen-Team ab 2023 unter anderem mit den GT3-Verbrennern in der Supercar Challenge aufnehmen und nicht mehr nur um Klassen- sondern auch um Gesamtsiege kämpfen.

Die Zusammenstellung des jungen Teams ist für Tonnaer "eine große Herausforderung". Nicht nur müssen anfängliche Wissenslücken überbrückt werden - allein für die Onboarding-Phase ist ein halbes Jahr vorgesehen -, auch wechselt das Kernpersonal alle zwei Jahre. Schließlich endet das freiwillige Projekt für viele der angehenden Ingenieur:innen für Brennstoffzellen, Antriebsstränge, Mechanik, Fahrzeugdynamik, Software, Simulation oder Aerodynamik, wenn sie ihre Studiengänge abschließen. Auch Tonnaer kam über sein Maschinenbau-Studium an das Team.

"Einige unserer Alumni arbeiten inzwischen in der Formel 1. Bei Mercedes, AlphaTauri, Red Bull und so weiter", sagt der Niederländer. "In den Ingenieursabteilungen haben alle großes Interesse am Motorsport und sie machen oft in diesem Feld weiter, nachdem sie uns verlassen. Gelegentlich helfen sie auch weiter bei uns aus, um ihren Nachfolgern unter die Arme zu greifen."

"Für alle weiteren Ressourcen brauchen wir aber auch Partner und Zulieferer, die uns mit Komponenten, Finanzen oder Dienstleistungen unterstützen", so Tonnaer. Seit 2021 kooperiert der Rennstall unter anderem mit Hyundai bei der Entwicklung der Brennstoffzellen-Technologie. Hauptsponsor des Teams ist Shell, die zudem Schmierstoff-Know-how aus der Formel E beisteuern.

Längerfristig möchte das Forze-Team die Supercar Challenge jedoch verlassen. "In der GT-Klasse würden die Rennen eine Stunde dauern", sagt Tonnaer über den angestrebten Wechsel in die höchste Leistungsklasse der Benelux-Serie. "Danach wären längere Rennen das Ziel, zum Beispiel in der ELMS oder NLS. Da gibt es ein paar Optionen. Der ultimative Traum ist aber natürlich, in Le Mans dabei zu sein!"

Duell der H2-Prototypen? "Wüsste gern mal, wie ihre Rundenzeiten sind!"

An der Sarthe könnten die Studierenden womöglich auch dem Mission-H24-Team begegnen. Doch die Mannschaft von der Delft-Universität scheut vor der französischen Konkurrenz nicht zurück - ganz im Gegenteil.

"Es ist cool, dass es auch andere machen! Sie können sicherlich ziemlich wettbewerbsfähig sein, aber ich wüsste gern mal, wie ihre Rundenzeiten im Vergleich zu denen sind, die wir mit dem Forze IX setzen werden", gibt sich Tonnaer kämpferisch. "Wer weiß, vielleicht sehen wir uns eines Tages auf der Strecke?"

Theoretisch wäre ein Duell der Wasserstoff-Prototypen schon bald möglich. Der Forze-IX-Bolide soll in den kommenden Monaten auf dem Prüfstand getestet werden, ehe bei langsamen und schnellen Fahrten auf der Teststrecke erstmals die Systeme in einer Karosserie verbaut werden. Das Renndebüt ist schließlich für April 2023 geplant.

Kurz darauf dürfte die Einarbeitungsphase des neuen Personals beginnen. Schließlich soll das Projekt ab 2024 mit neuen Ingenieurstalenten fortgeführt werden. Tonnaer wird die Mannschaft dann wohl nur noch als Alumnus unterstützen - seine Abschlussarbeit steht an.

Hinweis: Dieses Interview entstand im Rahmen einer Pressereise auf Einladung von Shell Recharge.

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