Extreme E

Tiefgehende Analyse zum ersten Rennwochenende der Extreme E in Saudi-Arabien: Das war gut, das nicht!

Timo Pape

Timo Pape

X44-Car-on-Hill-Extreme-E-Debut

Die Extreme E hat ihr erstes Rennwochenende hinter sich gebracht. Beim Desert X Prix am Wochenende in Saudi-Arabien kürte sich das deutsche Team Rosberg X Racing zum Sieger. Eine neue Rennserie - besonders mit den zahlreichen Besonderheiten der Extreme E - auf die Beine zu stellen, verdient Respekt. Gleichzeitig lief jedoch auch einiges nicht rund. Eine kritische Analyse.

Ein Elektro-SUV, das mitten in der Wüste eine 100 Meter lange Düne mit 45 Grad Gefälle herunterrast - spektakuläre Bilder hat die Extreme E an ihrem Rennwochenende definitiv geliefert. "The Drop" hat das Zeug dazu, sich im Elektromotorsport einen legendären Ruf wie "Eau Rouge" in Spa-Francorchamps aufzubauen. Daumen hoch für das Streckenlayout in Al-'Ula.

Grundsätzlich darf man Alejandro Agag und den treibenden Kräften hinter den Kulissen gratulieren, dass sie die abenteuerliche Idee Extreme E in weiten Teilen so umgesetzt haben, wie sie es vor zwei Jahren beinahe träumerisch ankündigten: Mit einem Schiff zu den entlegensten Rennorten der Erde, um dort mit geschlechtergemischten Teams Rennen zu fahren. Dazu einige der weltbesten Offroad-Fahrer:innen und Persönlichkeiten wie Hamilton, Rosberg, Button und Co. an Bord zu holen - Respekt dafür. All dies wussten wir natürlich schon vor dem Auftaktwochenende.

Agag hat wie schon vor sieben Jahren beim Start der Formel E bewiesen, dass kühne Träume wahr werden können. Gemeinsam etwas völlig Neues erschaffen - diese Aufbruch-Stimmung haben wir tatsächlich zuletzt im Herbst 2014 in Peking gespürt. Am vergangenen Wochenende erneut, selbst am TV. Genauso wie damals die Formel E hatte die Extreme E an ihrem Auftaktwochenende allerdings auch mit einigen Problemen zu kämpfen und hat sie zum Teil nicht zufriedenstellend gelöst.

Chaos beim Sportlichen Reglement

Allen voran sorgten die mehrfachen Regelanpassungen im Vorfeld für Unverständnis bei Fans und Medien. Noch schlimmer war jedoch die mangelnde Kommunikation - sowohl im Vorfeld als auch am Rennwochenende selbst. Dass es auch weiterhin kein öffentlich einsehbares Reglement gibt, um sportliche Formate, technische Details oder Entscheidungen der Rennleitung zu überprüfen, hatten wir bereits vor dem Desert X Prix kritisiert.

Einen Tag vor dem Shakedown gab die Extreme E dann bekannt, entgegen der ursprünglichen Pläne nur noch mit drei statt vier oder fünf Fahrzeugen pro Rennen anzutreten. Rennen sollte es jedoch plötzlich nur noch am Sonntag geben. Für den Qualifying-Samstag entschied sich die Extreme E für ein Einzelzeitfahren. Warum? Wurde nicht kommuniziert.

Erst im Laufe des Samstags wurde klar, dass der aufgewirbelte Staub und die damit verbundenen Sichtverhältnisse beim Fahren der Grund für diese grundlegende Entscheidung war. Tatsächlich sahen die Fahrer:innen fast nichts mehr, wenn sie innerhalb von ca. 25 Sekunden Abstand hinter einem anderen Auto herfuhren. Die Sicherheit war somit nicht mehr gewährleistet, die Entscheidung nachvollziehbar. Ja, man kann natürlich auch im Vorfeld darauf kommen, dass in einer Wüste Staub aufgewirbelt wird. Trotzdem will ich dies niemandem vorwerfen. Es war nun mal das erste Rennen, da kann man nicht jede Unwägbarkeit vorhersehen. Und aus Fehlern darf man lernen.

Agag mit neuen Ideen: "Es wird definitiv ein paar Anpassungen geben"

Die Frage ist nur, wie es nun weitergeht. Vielleicht wird es auf den übrigen Strecken nicht ganz so staubig wie in Al-'Ula sein, aber wer weiß? Zeitfahren funktioniert, das haben wir gesehen. Rennen mit Duellen waren hingegen nicht möglich - nur bis zur ersten Kurve, solang alle Pilot:innen noch nebeneinander fuhren. Dann ließen die Hinterherfahrenden bewusst einen Abstand von mindestens 25 Sekunden, um überhaupt heil anzukommen. Die ersten 30 Sekunden eines Rennens waren wirklich spannend, die zehn Minuten danach jedoch meist zum Gähnen langweilig. Kann die Extreme E also grundsätzlich weiter mit Kopf-an-Kopf-Rennen planen? Es bleibt spannend.

Alejandro Agag hat am Wochenende bereits einen Alternativplan entwickelt, den er während der Pressekonferenz nach dem Rennen kundtat: "Eine Idee ist, auch am Sonntag ein Zeitfahren zu veranstalten, aber auch mit drei Fahrzeugen gegeneinander. Als wir im Januar hierherkamen, gab es nicht so viel Staub. Hier hat sich die Temperatur seit unserem letzten Besuch allerdings stark verändert - im Senegal hingegen weniger. Wir werden in den Senegal reisen und mit SUVs checken, wie viel Staub dort aufgewirbelt wird. Ich werde mir so viele Meinungen wie möglich einholen, und dann werden wir eine Entscheidung treffen. Es wird definitiv ein paar Anpassungen geben."

Gemischtes Duell sorgte für Brisanz - Agag will deshalb Duelle auslosen

Der einzige Moment, an dem im späteren Rennverlauf noch einmal Spannung aufkam, war das geschlechtergemischte Duell zwischen Claudia Hürtgen und Kyle LeDuc im "Shoot-out": Der US-Amerikaner knabberte den zuvor herausgefahrenen Vorsprung von Mattias Ekström Stück für Stück ab und erreichte die Deutsche schließlich kurz vor dem Ende der Runde. Das Duell endete bekanntlich in einem schweren Auffahrunfall aufgrund fehlender Sicht.

Dass sich die Spannung am Wochenende über weite Strecken in Grenzen hielt, empfand womöglich auch Agag so. Zumindest erklärte er nach dem Rennen noch eine weitere Idee, die Einzug ins Reglement halten könnte: "Einer der aufregendsten Momente des Wochenendes war, als Kyle Claudia gejagt hat. Leider kam es zum Unfall, aber das ist eben Racing. Ich habe darüber nachgedacht, ob wir nicht in allen Rennen auslosen sollten, wer (zuerst) fährt. Damit es zu gemischten Duellen kommt. Sonst passiert das, was wir meistens gesehen haben: Erst kommen alle Männer, dann alle Frauen. Ich werde darüber nachdenken, es ist bisher nur eine Idee", so der Extreme-E-Gründer und -chef.

Leistungsreduktion, um Batterie nicht zu zerstören

Nach dem ersten Qualifying am Samstag drosselte die Extreme E überraschend die Leistung aller Fahrzeuge auf 225 kW. Immerhin hierzu gab es ein offizielles Dokument der Rennleitung. Warum? Wurde nicht kommuniziert. Mit wie viel Leistung die Autos vorher unterwegs gewesen waren, ist allerdings bis heute nicht bekannt. Schenkt man den Grafikeinblendungen während der Übertragung Glauben, dürften es 320 kW gewesen sein.

Und wie viel hat überhaupt der "Hyperdrive" bewirkt, der den Fahrer:innen für vier Sekunden pro Runde mehr Leistung bereitstellte? Ist ebenfalls nicht bekannt, da nicht kommuniziert. Es ist davon auszugehen, dass er im Qualifying 1 die Leistung von 320 auf den Maximalwert von 400 kW erhöhte. Reine Spekulation. Wie viel es am übrigen Wochenende war, wissen wir nicht. Einen Unterschied hat der Boost aber wohl ohnehin kaum gemacht, da sich selbst der Leistungsunterschied zwischen 225 und 320 kW nur wenig in den Rundenzeiten widerspiegelte.

Erst nach dem Finalrennen (!) verriet Agag höchstpersönlich, warum die Leistung überhaupt gedrosselt worden war: Die Batterie von Williams Advanced Engineering wurde zu heiß, deshalb wollte man einem Schaden vorbeugen. Vorher hatte es dazu kein einziges offizielles Wort gegeben. So wurde im Social Web spekuliert, die Fahrzeuge seien schlichtweg zu schnell gewesen, und die Extreme E hätte nach den zwei Überschlägen am Samstagmorgen nicht riskieren wollen, noch mehr Autos zu verlieren. Dem war nicht so.

Technische Schwächen am Odyssey 21

Überhaupt offenbarte das Einheitsfahrzeug der Extreme E, der Odyssey 21, einige Schwächen. Vor allem die Servolenkung sorgte für Frust bei Teams und Fahrer:innen. Carlos Sainz sr. ereilte das Problem bereits am Freitag im Shakedown. Am Samstag war Chip Ganassi Racing an der Reihe, und ausgerechnet im Finale am Sonntag erwischte es auch noch X44.

"Wir hatten ein Problem mit der Servolenkung", erklärte Sebastien Loeb, der beim Finalstart für X44 im Auto saß, im Rahmen der Pressekonferenz nach Rennschluss. "Es trat erst im Finale auf - vorher war alles perfekt. Es war das ganze Rennen über schwierig, das Auto in der Spur zu halten." Der neunmalige Rallyeweltmeister ordnet das Problem als Kinderkrankheit ein, fordert jedoch auch von Spark: "Wir waren nicht allein damit. Ich hoffe, der Hersteller wird das lösen und uns für das nächste Rennen Autos ohne dieses Problem zur Verfügung stellen."

Neben der Servolenkung hatte JBXE Racing überdies Probleme mit dem Motor und Inverter. Bei Veloce Racing und ABT Cupra XE brach der Überrollkäfig des Odyssey 21 bei zugegeben schweren Unfällen. Durch den "Totalschaden" war das Rennwochenende für Veloce somit schon vor Abschluss der ersten Runde am Samstag zu Ende. Vielleicht muss Spark sogar bei der Sicherheitsstruktur des Überrollkäfigs noch einmal ran, aber das können wir nicht im Detail beurteilen.

Darüber hinaus ist das Extreme-E-Auto während eines Sprungs nicht zu kontrollieren - einst ein wichtiges Feature des Rennformats, das der Extreme E weltweit Schlagzeilen einbrachte. Mehrere Fahrer äußerten sich im Verlauf des Wochenendes, dass die Front des Fahrzeugs in der Luft schnell absinke und dies den Sprung unkontrollierbar mache. So wünschte sich etwa Sebastien Loeb, dass sich Spark auch diesem Thema annehme. Vermutlich hatte die Extreme E deshalb auch still und heimlich den weitesten Sprung aus dem Regelwerk gestrichen. Ein Grund hierfür… wurde jedenfalls nie kommuniziert.

Von sogenannten Live-Übertragungen

Die Übertragungen der Sessions waren eigentlich gut gemacht. Tolle Kameraeinstellungen, informative Grafikeinblendungen, Interviews direkt vor und nach den Rennen. All dies geschah in den meisten Fällen jedoch nicht live, wenngleich die Extreme E ihre Übertragungen als "Livestreams" maskierte. Für die Allgemeinheit war dies kaum zu erkennen, doch wie in der Formel E und allen anderen Rennserien gibt es auch für die Extreme E ein öffentliches Livetiming inkl. GPS-Positionen der Fahrzeuge, das auch wir stets als "Second Screen" für unseren Live-Ticker heranziehen.

Diese Live-Daten zeigten uns die Rennen, als sie tatsächlich passierten. Im Falle des ersten Halbfinales am Sonntagmorgen war das zum Beispiel um 7:30 Uhr deutscher Zeit - eine Stunde vor Rennbeginn im "Livestream". Lediglich das Finale am Sonntagnachmittag war wirklich live - alles andere kam mit deutlichem Zeitverzug. Entschuldigung, aber was für eine dreiste Verschaukelung der Fans. Immerhin konnten wir so unsere Berichte schon fertigstellen, bevor die Rennen starteten... Unsere Leser im Live-Ticker dürften sich nichtsdestotrotz gewundert haben.

Shoot-out-Rennen nicht zu sehen

Außerdem haben sich viele Fans - gerade auf Twitter - gefragt, warum der sogenannte Shoot-out, also das Sonntagsrennen um die Plätze 7 bis 9, eigentlich als einziger Lauf nicht "live" übertragen wurde? Hat die Extreme E ihren Zeitplan erneut kurzfristig verändert, ohne es jemandem zu sagen? Möglicherweise, wir wissen es nicht. Kommuniziert wurde nichts.

Jedenfalls verpassten alle Fans somit das Duell und den Unfall zwischen Hürtgen und LeDuc, den ich oben als einzigen Spannungsmoment während eines Rennens bezeichnete. Wir berichteten bereits über den Crash, kurz nachdem er passiert war, weil wir zum Glück ein Video zugespielt bekamen. Auf verwirrte Fananfragen, ob es wirklich einen Unfall gegeben habe, reagierte die Serie nicht.

Die Extreme E kommunizierte den Unfall erst Stunden später nach Beginn der Live-Sendung gegen 12:45 Uhr. Selbst Eddie Mielke und Daniel Abt wirkten in der Übertragung auf ProSieben Maxx überrascht, dass es einen Unfall gegeben hatte.

Extreme E sollte Schwachpunkte bis Ende Mai konsequent anpacken

Wir hoffen, dass nächstes Mal alle Rennen tatsächlich live gezeigt werden, und dass auch das Shoot-out-Rennen zu sehen sein wird. Übrigens: Warum eigentlich "Shoot-out"? Alle drei Teilnehmer sind doch bereits "rausgeschossen", sodass es nur noch um den siebten Platz geht. Vielleicht sollte die Extreme E ihren Zeitplan ohnehin noch einmal grundlegend hinterfragen. Denn zumindest für interessierte Fans, die zuvor schon alle Sessions verfolgt haben, ist eine zweistündige TV-Übertragung mit einem Livesport-Anteil von 15 Minuten nicht sehr reizvoll. Die Serie richtete sich mit ihrem "Produkt" ganz klar an den Mainstream, weniger an ein Motorsportpublikum. Schade für echte Fans, aber eine strategisch nachvollziehbare Ausrichtung.

Obwohl die Extreme E ein insgesamt solides erstes Rennwochenende ablieferte - mehr war es damals bei der Formel E auch nicht! - bleiben doch einige Kritikpunkte hängen. Scheinbar fällt das aber nur den wenigen Medien auf, die sich bisher tiefergehend mit der Serie beschäftigt haben. Wir freuen uns nichtsdestotrotz, dass es eine tolle neue Rennserie in der Welt des elektrischen Motorsports gibt und gratulieren zum grundsätzlich geglückten Start. Trotzdem gibt es noch viel Verbesserungspotenzial, das die Serie nun sicherlich anpacken wird. Vor allem eine transparentere Kommunikation nach außen ist wünschenswert. Wir freuen uns auf den zweiten Saisonlauf am 29. und 30. Mai im Senegal.

Video: Die Highlights des Finalrennens der Extreme E in Al-'Ula

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 8 plus 8.
Advertisement