Extreme E

Wasser in der Wüste: Warum die Extreme E ihren Kurs beim Copper X Prix bewässerte

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Tanner-Foust-Emma-Gilmour-Start-Copper-X-Prix-Calama-Atacama-Desert

Beim Copper X Prix in Chile sorgte die Extreme E für reichlich Verwunderung, als sie in ihren TV-Bildern eine nasse, schlammige Strecke präsentierte - aufgebaut inmitten der Atacama-Wüste. Auf eine Anfrage von 'e-Formel.de' erklärt die Serie, weshalb die Maßnahme getroffen wurde, und woher das Wasser stammte.

Unter der Prämisse, den "Einfluss auf (ihre) Austragungsorte zu reduzieren" trat die Extreme E im Sommer 2021 zu ihrem ersten Meisterschaftslauf an. Die Rennserie, gegründet von Formel-E-Schöpfer Alejandro Agag, verfolgt das Ziel, nachhaltiger als andere Meisterschaften zu handeln. Alle CO2-Emissionen, im vergangenen Jahr waren es 8.870 Tonnen CO2e, werden ausgeglichen. Die Autos kommen mit dem Schiff zu den Rennorten. Wissenschaftler:innen beraten die Serie bei der Organisation von Events. Und immer im Fokus: der Klima- und Umweltschutz.

Umso kurioser wirkte der Anblick, mit dem die Extreme E ihre Fans zu Beginn der Halbfinal-Übertragung beim Copper X Prix überraschte. Eingebettet in die Einöde der Atacama-Wüste, eine der trockensten Regionen der Erde, präsentierte sie ihren 3,055 Kilometer langen Kurs: Enge Kurven, Überhänge, Sprünge und Abfahrten definierten das Bild der Piste - und all das auf matschigem Boden und zwischen einigen Pfützen.

Nasse Strecke - mitten in der Wüste

Matsch und Pfützen, das ist gewiss kein üblicher Anblick für die Wüstenstadt Calama. Regen ist im Umkreis der Stadt ebenso rar wie Vegetation, durchschnittlich werden hier zwischen null und 42 Millimeter Niederschlag gemessen - pro Jahr. Schnell war klar: Die Extreme E hatte über Nacht ihre Strecke bewässert.

Auf eine Anfrage von 'e-Formel.de' erklärte die Serie, dass es sich bei diesem Schritt um eine Sicherheitsmaßnahme gehandelt habe. Schließlich gab es schon in der Vergangenheit Probleme mit der Sicht in der Extreme E. Anfang 2021 etwa, als die Serie ihr erstes Rennen in Saudi-Arabien fuhr, machte der aufgewirbelte Staub Zweikämpfe unmöglich. Um überhaupt etwas zu sehen, mussten die Fahrer:innen Abstände von mehr als 25 Sekunden zueinander einhalten. In diesem Jahr kam es beim Desert X Prix, ebenfalls in Saudi-Arabien, aufgrund schlechter Sichtverhältnisse zu einem schweren Unfall zwischen McLaren und Rosberg X Racing.

Mit der Bewässerung der Calama-Strecke wollte die Extreme E also die Sicherheit ihrer Fahrer:innen und mutmaßlich auch das "sportliche Produkt" verbessern. Doch woher stammte das Wasser?

"Wir haben Meerwasser benutzt, das von Antofagsta Minerals bereitgestellt wurde", erläutert die Serie auf unsere Anfrage hin. Das chilenische Bergbauunternehmen betreibt eine Kupfermine unweit der Strecke und trat beim Copper X Prix als namensgebender Hauptsponsor auf. "Sie haben uns einen Meereswasser-Pool und einen Tankwagen zur Verfügung gestellt, der das Wasser aus den Centinela-Minen auf der Strecke verteilt hat."

Land ohnehin für den Rohstoffabbau vorgesehen

Das zugeteilte Wasser stammt laut Angaben von Antofagasta Minerals aus der Pazifik-Küstenstadt Mejillones, etwa 200 Kilometer westlich der Extreme-E-Strecke. Wie viel Wasser für den Kurs nötig war, kommentierte die Serie nicht.

Doch nicht nur der Wasserverbrauch dürfte zu einem Stirnrunzeln bei Fans geführt haben: Die Verteilung von Meerwasser hat auch für den Streckenboden Konsequenzen. Denn wenn das Wasser verdampft, bleiben nur noch die im Meerwasser enthaltenen Salze übrig, die aufgrund des geringen Niederschlags nicht abgeleitet oder ausgewaschen werden. An der Bodenoberfläche können sich somit dicke und unfruchtbare Salzkrusten bilden. Wissenschaftler:innen sprechen dann von einer "Versalzung" der Erde - einer der Hauptgründe für die Ausbreitung von Wüsten.

Der Boden der Atacama-Wüste ist aufgrund der großen Trockenheit ohnehin unfruchtbar. Dem Ökosystem zuträglich ist die Flutung des Bodens aber keineswegs. "Die von der Extreme E verwendeten Methoden zur Bewässerung der Strecke sind dieselben, die Antofagasta Minerals bei der Erstellung der Minenwege für seine Fahrzeuge einsetzt", verteidigt eine Unternehmenssprecherin und beteuert: "Da das Land, auf dem der Lauf ausgetragen wurde, in den kommenden Jahren ohnehin von der Bergbaufirma abgebaut werden soll, wurden nur minimale Umweltauswirkungen hinterlassen."

Ob die Strecke auch beim nächsten X Prix in Uruguay bewässert werden muss, ist derzeit noch unklar. "Wir wägen alle Optionen vor der Vorbereitung der Strecke ab", heißt es seitens der Meisterschaft. Der Lauf unweit des Badeorts Punta del Este steht unter dem Motto "Energie" und soll am 26./27. November stattfinden.

Meinung von Tobias Bluhm: Ein falsches Signal

"Hoffnung" ist ein Wort, das im Kampf gegen die Klimakrise häufig verwendet wird. Noch besteht Hoffnung, die Erhitzung der Erde zu beschränken. Noch besteht Hoffnung, die Umwelt lebenswert für Flora und Fauna zu halten. Zugleich gibt es aber immer größere Gegenden der Welt, die Hoffnungslosigkeit ausstrahlen. Wüsten gehören dazu.

In der trockenen Einöde der Atacama gibt es nur noch wenig Hoffnung für Leben. Niederschläge sind so rar, sodass der Boden verdorrt und unfruchtbar wird. Tiere haben es dort genauso schwer wie Pflanzen. Dass die Extreme E ihre Piste in Chile mit Salzwasser behandelt, ist aus Sicht der Serie also irrelevant - das Land ist schon jetzt nicht nutzbar und ohnehin für den Bergbau vorgesehen.

Problematisch ist allerdings das Symbol, das von der Maßnahme, die Wüste zu gießen, ausgeht. Schließlich wies die Extreme E erst im Februar darauf hin, wie wichtig es ist, die Ausbreitung von Wüsten zu begrenzen. Und nun, wenige Monate später, verwüstet sie den Boden der Atacama zusätzlich, indem sie für neue Versalzung und Erosion sorgt. Das Bild, das von der matschigen Strecke in der sonst staubtrockenen Wüste ausgeht: Hier ist im Kampf gegen die Klimakrise eh alles egal, da kann man auch literweise Meereswasser auf den Sand kippen.

Für eine Serie, die eigentlich die Hoffnung vermitteln will, dass Motorsport doch zu einer besseren Welt beitragen kann, ist das genau das falsche Signal. Das Extreme-E-Konzept, empfindliche Ökosysteme zu schützen, indem sie für erhöhte Medienaufmerksamkeit in abgelegenen Regionen Rennen fährt, kann angesichts solcher Maßnahmen nicht aufgehen.

Ist es aus Sicherheitsgründen nicht möglich, im Staub der Atacama zu fahren, sollte die Serie künftig besser ganz auf X Prix in Wüsten verzichten. Dass das passiert, gilt allerdings als höchst unwahrscheinlich. Schließlich besuchte Alejandro Agag erst in der vergangenen Woche das zentralasiatische Land Usbekistan, mutmaßlich auf der Suche nach einem neuen Austragungsort in der Wüste um den austrocknenden Aralsee.

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 2 und 2?
Advertisement