Extreme E

Timo Scheider im Extreme-E-Interview: "Da kann man doch nicht mit dem Auto runterfahren!"

Timo Pape

Timo Pape

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Der zweimalige DTM-Champion Timo Scheider hat den elektrischen Motorsport für sich entdeckt. Neben seinem Engagement im klassischen Rallycross-Sport wurde 42-jährige Deutsche in dieser Woche zum Ersatzfahrer der Extreme E ernannt - und zwar für alle Teams. Sollte ein männlicher Pilot ausfallen, wird Scheider bei allen Rennen vor Ort sein und einspringen.

Außerdem hat ihn die neue Elektroserie, die am Osterwochenende (3./4. April) in Saudi-Arabien in ihr allererstes Rennen startet, mit dem Design sämtlicher Rennstrecken beauftragt. Kurz vor seinem Abflug nach Al-'Ula hatte e-Formel.de die Gelegenheit, im Exklusiv-Interview mit Scheider ausgiebig über seine neuen Aufgaben, die fahrerischen Anforderungen der Wüsten-Strecke sowie über seine persönlichen Ambitionen in der Extreme E zu sprechen.

Timo, du warst schon sehr früh Teil des "Drivers' Programme" der Extreme E, hattest also Interesse an der Serie. Wie wurdest du damals auf die Extreme E aufmerksam?

Mich hat damals James Taylor angesprochen, der heute Chief Championship Officer der Extreme E ist. Er kam aus der Rallycross-WM, wo ich ja selbst nach wie vor aktiv bin und auch 2021 wieder starte. Über ihn kam ich ins "Drivers' Programme". Wenn man die Entwicklung des Motorsport in den letzten Jahren beobachtet, weiß man: Sobald Alejandro Agag als Strippenzieher der Extreme E etwas anpackt, dann wird es Hand und Fuß haben - wie schon bei der Formel E. Ein anderer Aspekt war die aktuelle Elektrifizierung des Motorsports. Deshalb dachte ich mir, es wäre nicht schlecht dabei zu sein.

Du hattest Interesse an einem Cockpit. Hast du dich aktiv darum bemüht?

Ja, später tatsächlich. Anfangs allerdings noch nicht. Ich dachte mir, ich lasse erst mal alles auf mich zukommen. Dann habe ich gesehen, wie der eine oder andere Fahrer plötzlich gewisse Deals gemacht hat, und bin auch aktiv geworden. Ich habe versucht, noch ein Cockpit zu kriegen, war in der einen oder anderen Situation aber tatsächlich zu spät. Oder es sprachen gewisse Sponsoren-Gegebenheiten dagegen.

Ein Cockpit beim ABT-Team erschien uns damals als realistische Option - mit Blick auf eure gemeinsame DTM-Vergangenheit…

Ich hatte ein bisschen darauf gehofft, dass die Menschen, die die Teams zusammenstellen, eins und eins zusammenzählen, wer infrage kommen könnte. Aber dem war nicht so. Somit habe ich mich erst mal um mein Engagement in der Rallycross-WM gekümmert.

Nun bist du Ersatzfahrer für alle Teams der Meisterschaft - und dadurch in einer guten Position mit Blick auf die Zukunft, schließlich kennst du bereits alle Strecken und das Auto. Verfolgst du das Ziel, für Saison 2 ein Stammcockpit zu ergattern?

Ich hatte letztes Jahr ja schon mit dem einen oder anderen Team Kontakt, doch damals hat es nicht geklappt. Ich kann nur so viel sagen: Es laufen aktuell schon Gespräche für die Saison 2022, die sehr gut aussehen…

Wie kamst du zu deiner Rolle als Streckendesigner der Extreme E?

Irgendwann kam ein Anruf von James Taylor und Alejandro Agag, ob ich nicht mal zur Vorbesichtigung der ersten Strecke mitkommen will, um mit meinem fahrerischen Wissen zu unterstützen. Zuerst dachte ich mir, ich will ja eigentlich Rennen fahren. Aber ich habe mich entschieden mitzugehen, eben weil die beiden zwei echt gute Typen sind. Vor Ort haben wir uns sehr gut verstanden, und sie haben gemerkt, wie wichtig die Informationen sind, die ich beisteuern kann. Auch mit Blick auf die Streckenführung aus Fahrerperspektive. So haben sie mich gefragt, ob ich mir einen Vertrag als Track-Designer für die ganze Meisterschaft vorstellen könnte.

Also bist du gar nicht mit dieser Intention nach Saudi-Arabien gereist?

Nein, das war für mich eine Überraschung, auf die ich nicht spekuliert hatte. Ich fand das Angebot aber super spannend. Ich habe anschließend zu Hause mit meiner Frau darüber gesprochen, und sie sagte auch, ich solle es machen, wenn ich Spaß daran habe - also habe ich es gemacht. Dazu kam dann noch die Rolle als "Joker-Driver", weil ich mich ja eigentlich eher als Rennfahrer sehe. Da die Extreme E ohnehin noch einen Ersatzfahrer brauchte, der allen Teams vor Ort zur Verfügung steht, haben sie diesen Job noch für mich mit draufgepackt. Das hat mich sehr gefreut, dass ich vielleicht auch noch die Chance bekomme, selbst hinters Lenkrad zu schlüpfen.

Wie schätzt du die Chancen ein, als Ersatzfahrer in der Saison 2021 tatsächlich zum Einsatz zu kommen?

Wenn nicht Corona wäre, läge die Chance wahrscheinlich bei zwei Prozent. Aber da es durch die Pandemie ständig irgendwelche Auflagen gibt, Quarantäne-Regeln aufgestellt werden und leider immer wieder irgendwo ein positiver Corona-Test auftaucht, ist die Chance vielleicht sogar bei 30, 40 Prozent. Das ist nur ein Bauchgefühl. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Jutta (Kleinschmidt, weibliche Ersatzfahrerin der Extreme E) oder ich auch mal zum Einsatz kommen.

Hast du Angst vor dem potenziellen Vorwurf, du könntest für ein Team, das dir nähersteht, schneller fahren als für ein anderes?

Dadurch, dass ich die Strecken schon kenne, habe ich natürlich schon einen gewissen Vorteil gegenüber den Stammfahrern. Aber das ist natürlich ausgeschlossen, dass ich für irgendein Team Partei ergreife. Ich verhalte mich der Extreme E und den Teams gegenüber professionell, denn ich möchte mir ganz sicher nicht vorhalten lassen, dass ich für irgendein Team schneller fahre als für ein anderes. Das wird es nicht geben. Tatsächlich sind aber schon ein paar Leute auf mich zugekommen und haben versucht, mir Infos zu entlocken, wie die Sandbedingungen sind und so weiter. Das erzähle ich natürlich nicht.

Du sprichst einen interessanten Aspekt an: Die Fahrer:innen reisen ohne jegliche Vorkenntnisse zur neuen Strecke nach Saudi-Arabien. Bekommen sie denn irgendeine Möglichkeit, den Kurs vor dem ersten Quali-Rennen zu testen?

Ja, es wird vorab tatsächlich ein Freies Training geben. Jeder Fahrer soll voraussichtlich zwei Runden bekommen, was natürlich trotzdem relativ wenig ist. Das macht es aber gleichzeitig wieder spannend, denn so könnten über das Rennwochenende hinweg Performance-Unterschiede deutlich werden. Je nachdem, wer schneller lernt und wer nicht. Es wird nicht viele Möglichkeiten geben, sich auf die Strecke einzuschießen. Man muss sehr viel nach Gefühl fahren, hier und da etwas mehr Risiko als andere eingehen und abliefern.

Wie lief denn die Erstbesichtigung des Geländes ab?

Ich habe jetzt schon zwei Strecken designt - Saudi-Arabien und Senegal -, und der Ablauf ist immer gleich: Zuerst bereise ich die Gegend, so habe ich schon mal einen groben Überblick, an welchen Locations überhaupt Strecken möglich wären. Vor Ort stehen mir Fahrzeuge zur Verfügung, mit denen ich mögliche Wege und Strecken abfahre - allerdings nicht das Einsatzauto der Extreme E, sondern andere Buggys. Dann entwickle ich eine Idee, wie das Ganze nach Auflagen des Reglements spannend werden kann.

Klingt bisher eher unkompliziert.

Na ja, dann kommen die ganzen anderen Aspekte dazu… Zum Beispiel erklärt die Gemeinde, dass hier ein Naturschutzgebiet ist. Der Nächste meint, dass wir dort auch nicht langfahren dürfen, weil da ein besonderer Baum steht oder eine Tierart lebt. Dann kommt das Fernsehen, das sich die Bilder eher so und so wünscht. Hier kein Strom, dort keine Signalverbindung. Und wenn dann ein Hügel das Sichtfeld der Kamera stört, müssen wir einen Mast aufstellen. Wir sind immerhin mitten im Niemandsland und müssen eine Strecke aus dem Nichts kreieren.

Also ist beim Streckendesign vor allem auch Flexibilität erforderlich?

Man muss die Strecken immer wieder an die Gegebenheiten und Auflagen anpassen. Das ist schon eine sehr intensive Arbeit, die ungefähr eine Woche dauert, bis man zumindest schon mal das grobe Layout hat. Das so zu sehen, ist aber auch mal interessant, denn als Rennfahrer kommst du normalerweise ja einfach irgendwo hin, fährst im Kreis und gehst wieder nach Hause. So sieht man erst mal, was zu so einem Event alles dazugehört.

Du bist schon am Mittwoch nach Saudi-Arabien geflogen. In gut einer Woche ist Saisonstart. Was hast du bis dahin noch alles zu tun?

Genau, ich bin in Summe fast 14 Tage da. Ich freue mich schon sehr auf die anstehende Weltpremiere diesen Sonntag. Denn ich bin der Erste, der im Extreme-E-Auto auf der ersten Strecke der Meisterschaft fahren darf. Erst dann werde ich die finalen Streckenpassagen testen und zu 100 Prozent sagen können, ob es so funktioniert oder doch nicht - wovon wir natürlich nicht ausgehen.

Wie kann man sich eine Extreme-E-Strecke grundsätzlich vorstellen?

Es wird sogenannte Gates geben, also Flaggen, die rechts und links am Fahrbahnrand positioniert sind. Durch diese Gates, die unterschiedlich breit sind - mal 20 Meter, mal 100 Meter - muss der Pilot fahren. Die Fahrer werden relativ schnell herausfinden, welcher Weg der schnellste ist, aber so ermöglichen wir verschiedene Linien und Überholmöglichkeiten. Man wird stets auch nebeneinander fahren können.

Es hieß mal, eine Runde soll rund 16 Kilometer lang sein. Welche Distanzen erwarten die Fahrer tatsächlich?

Die Fahrzeiten pro Runde sollen immer in etwa zwischen sechs und zehn Minuten sein (also ca. eine Viertelstunde pro Rennen). Wenn ich die Runde mit "meinen" Autos fahre, haben wir schon mal einen Richtwert für die Rundenzeit. Wir gehen davon aus, dass man mit dem "Odyssey 21" dann noch mal 30 bis 40 Sekunden schneller fährt. Die Streckenlängen an sich variieren ungefähr zwischen sieben und zwölf Kilometern. Das ist zumindest die grundlegende Intention, mit der wir erst einmal losziehen, um eine Strecke zu designen.

Was für ein Streckenlayout erwartet uns in Al-'Ula?

Mit meinen Erfahrungen aus der Rallycross-Welt war es mir wichtig, dass man am Start ein bisschen Zeit hat, sich zu sortieren und zu verteilen - und nicht direkt hintereinander herfährt. In Saudi-Arabien gibt es deshalb zum Beispiel die ultraschnelle Rechtskurve 1 über eine blinde Kuppe. Die ist so breit, dass eigentlich alle vier beziehungsweise fünf Autos nebeneinander durchfahren können - egal ob man innen oder außen gestartet ist.

Wie geht es nach Kurve 1 weiter?

Am Anfang gibt es einen schnelleren Abschnitt, dann kommt ein technischerer Part. Hier wechseln wir von Sand auf einen steinigen Untergrund. Dann geht es ein paar Dünen hoch. So schlängelt sich der Kurs sich zwischen Dünenpassagen und Felsen hindurch. Es gibt auch sehr viele Höhenunterschiede. Insgesamt ist der Streckenverlauf mittelschnell bis schnell.

Was ist für dich das Highlight der Strecke?

Es gibt eine ultrageile Stelle: Wir fahren eine sehr steile Düne herunter, bestimmt 300 Meter weit. Wenn man oben an der Kuppe steht, denkst du eigentlich: Da kann man doch nicht mit dem Auto runterfahren! Wir standen genau dort auch bei der Besichtigung und haben uns gefragt, ob man das machen kann oder nicht. Irgendwann habe ich gesagt: Gebt mir das Auto, das muss irgendwie gehen. Alejandro (Agag) war als Chef natürlich genau davon begeistert, weil wir so etwas Extremes für die Extreme E brauchen. Ich freue mich schon auf die Reaktionen der Fahrer! Das ist mein Highlight bei der Strecke in Saudi-Arabien.

Du hast außerdem schon den Kurs für das zweite Extreme-E-Rennen am 29./30. Mai im Senegal designt. Was ist anders in Afrika?

Genau, dort war ich auch schon. Die Strecke wird viel, viel anspruchsvoller mit Blick auf den mechanischen Grip und technische Fahreigenschaften. Die braucht es, weil es viele enge Kurvenkombinationen gibt. Also ein deutlich technischeres Layout als in Saudi-Arabien.

Als hättest du nicht schon genug zu tun, hast du auch noch eine Rolle im TV übernommen…

Ich werde vor Ort auch noch eine kleine Rolle für ProSieben Maxx übernehmen, die ja die Extreme E in Deutschland übertragen. Ich werde vor Ort also auch noch ein bisschen was für das deutsche Fernsehen machen. So habe ich die Möglichkeit, die deutschen Fans zusätzlich zu motivieren und ihnen zu erklären, warum es Spaß macht, die Extreme E zu verfolgen.

Was erwartest du grundsätzlich von der Debütsaison der Extreme E?

Ich musste anfangs auch erst mal in das Thema eintauchen und verstehen, was die Serie überhaupt erreichen will. Wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, bekommt man aber schnell Heißhunger darauf, weil man merkt: Es geht nicht nur um Racing, sondern auch um die Umwelt, Forschung, Reportage. Das ist ein ganz anderer Ansatz von Motorsport, als es ihn jemals gegeben hat. Deswegen finde ich die Extreme E ultrainteressant.

Wird dieser Ansatz die Fans überzeugen?

Ich hoffe natürlich, dass diese Vision letztlich auch so bei den Zuschauern und Lesern ankommt. Aber allein schon, wenn man die Namen der Beteiligten hört: Jenson Button, Sebastien Loeb, Carlos Sainz… Und auch Nico Rosberg und Lewis Hamilton werden während der Saison hier und da mal an der Strecke erwartet. Die Extreme E muss schon etwas Besonderes sein, denn diese Jungs haben schon so viel erlebt, dass sie nicht mehr jeden Quatsch mitmachen. Wenn die Serie das vermitteln kann, was sie vorhat, dann wird sie eine sehr spannende Meisterschaft. Es lohnt sich mit Sicherheit, mal reinzuschauen.

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