Formel E

Analyse: So kam es zum Energie-Chaos beim Formel-E-Rennen in Valencia

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Mini-Pacesetter-Start-Formula-E

Beim Formel-E-Rennen in Spanien konnte Nyck de Vries (Mercedes) den zweiten Sieg seiner Karriere in der Elektrorennserie feiern. Nach 24 Runden im verregneten Valencia beendete der Niederländer den E-Prix vor Nico Müller (Dragon) und seinem Teamkollegen Stoffel Vandoorne. Gesprächsthema Nummer 1 war jedoch die kuriose Schlussphase des Rennens, bei der knapp die Hälfte des Fahrerfeldes ohne Energie ausrollte.

Bereits unmittelbar nach dem Zieleinlauf war sich das Formel-E-Fahrerlager einig, dass ein Teilgrund für die chaotischen Szenen auf dem Circuit Ricardo Tormo die insgesamt fünf Safety-Car-Phasen und eine Full-Course-Yellow-Unterbrechung waren - beziehungsweise eine mit ihnen verbundene Regel.

Seit der Saison 2019/20 versucht die Elektrorennserie mithilfe von "Artikel 37.9" des Sportlichen Reglements sogenannte Vollstrom-Rennen nach Rennneutralisierungen, bei denen die Fahrer nicht mehr auf ihren Energieverbrauch achten müssen, zu unterbinden. Hierzu zieht die Rennleitung für jede vollständige Minute bei Safety-Car oder FCY-Bedingungen eine Kilowattstunde von der verfügbaren Energie aller Fahrer ab.

Vor dieser Sonderregelung konnten die Piloten bei Safety-Car-Phasen große Mengen Strom sparen, wodurch sie in den Schlussphasen solcher Rennen weniger Energie zurückgewinnen mussten. Strategische Optionen fielen dadurch weg, das Racing wurde zäh, die Überholmöglichkeiten rar. Der Energieabzug soll diese Vollstrom-Rennen verhindern.

Noch nie wurde auf diesem "künstlichen" Weg jedoch so viel Energie abgezogen wie in Valencia: Bis zum Zieleinlauf strich die FIA insgesamt 19 kWh Energie.

Barclay & Abt einig: "Irgendetwas ist nicht nach Plan gelaufen"

"Das waren wirklich komische Szenen", sagte Jaguar-Teamchef James Barclay nach dem Rennen im englischsprachigen TV-Weltsignal. "Wir nennen diesen Energieabzug 'Offset'. Dabei wird die Energie, die uns bei einem normalen Rennen zur Verfügung steht, reduziert. Die Menge dieses 'Offsets' hat heute aber wirklich jeden überrascht."

Barclay weiter: "Scheinbar gab es Verwirrung darüber, wie viel Energie den Fahrern schon vor der letzten Safety-Car-Phase zur Verfügung stand. Wir müssen uns das noch ansehen, aber irgendetwas ist ganz offensichtlich nicht nach Plan gelaufen."

Ähnlich äußerte sich der ehemalige Audi-Fahrer und Sat.1-Experte Daniel Abt nach dem Rennen über den Kurznachrichtendienst Twitter: "Ich glaube, die Rennleitung hat sich bei der Energiereduktion richtig verrechnet", schreibt der 28-Jährige. "Das hat es für viele Fahrer unmöglich gemacht, das Rennen zu beenden. Inakzeptabel…"

19 kWh weniger Energie als geplant

Bereits am Start des Valencia E-Prix zog die Formel-E-Rennleitung zwei der üblicherweise verfügbaren 52 kWh ab. Ausschlaggebend für diesen Energieabzug war der Start hinter dem Safety-Car. Dieser wurde aufgrund der Witterungsbedingungen unmittelbar vor Beginn des Rennens beschlossen.

Um 15:09 Uhr wurde das Sicherheitsfahrzeug ein zweites Mal auf die Strecke gerufen, damit der nach einem Unfall beschädigte Nissan-Wagen von Sebastien Buemi geborgen werden konnte. Zuvor fuhren die Piloten bereits zwei vollständige Minuten bei FCY-Bedingungen. Zwei Minuten später kehrte das Safety-Car zurück in die Boxengasse - entsprechend wurden vier Kilowattstunden Energie abgezogen.

Bei weiteren Safety-Car-Unterbrechungen strich die Rennleitung immer mehr Energie: Zwischen 15:24 und 15:27 Uhr (Ausfall Günther, siehe Bild oben) reduzierte sie die Energiemenge um drei Kilowattstunden. Jeweils fünf Kilowattstunden wurden bei Unterbrechungen zwischen 15:32 und 15:37 Uhr (Ausfall Sette Camara) sowie zwischen 15:42 und 15:47 Uhr (Ausfall Lotterer) von der Gesamtmenge abgezogen. Insgesamt mussten die Formel-E-Fahrer ihr Rennen also mit 19 kWh weniger Energie als geplant beenden.

Felix da Costa hätte Energie-Krimi verhindern können

Hinzu kam ein unglückliches Timing des letzten Restarts. Als Antonio Felix da Costa (DS Techeetah) das Tempo diktieren konnte, beschleunigte der Portugiese einige Sekunden "zu früh" - zumindest im Rückblick. Er überquerte die Zeitmessungslinie lediglich 15 Sekunden (!) vor dem Ablauf der Rennzeit.

Hätte Felix da Costa den Restart durch langsames Fahren um wenige Augenblicke verzögert, wäre das Feld bereits nach 23 Runden auf die übliche Wertungsrunde (45 Minuten plus eine Runde) gefahren. Lediglich Norman Nato (Venturi), der bereits zu diesem Zeitpunkt nur ein Prozent Energie hatte, wäre in diesem Szenario ausgerollt.

"Ich wusste, dass es die vorletzte Runde ist", sagt der spätere Rennsieger Nyck de Vries über den Restart. "Mein Energie-Ziel für diese Runde war niedrig, deswegen war ich zunächst verwundert darüber, dass Antonio (Felix da Costa) mir davonfährt und ich von Alexander (Sims) angegriffen werde. Das war schwer zu managen, aber ich habe auf mein Team vertraut, und sie haben es perfekt gelöst."

Auch die interne Kommunikation am Teamfunk spielte in der Schlussphase des Rennens eine große Rolle. Die von Mercedes eingesetzten Ingenieure Albert Lau (de Vries) und Marius Meier-Diedrich (Vandoorne) informierten ihre "Schützlinge" während der Safety-Car-Phasen alle 60 Sekunden über jede einzelne abgezogene Kilowattstunde. DS Techeetah kommunizierte die Energiereduktion hingegen nach dem Ende der Safety-Car-Phase als Gesamtsumme.

In der Praxis passten somit sowohl de Vries als auch Felix da Costa ihre "Energie-Ziele" um den gleichen Wert an. Allerdings wurde der Techeetah-Fahrer erst wenige Sekunden vor dem Ende der vorletzten Rennrunde auf die große Energiereduktion (5 kWh) aufmerksam gemacht. Während de Vries frühzeitig in der Safety-Car-Phase reagieren konnte, wurde Felix da Costa beim Start des vorletzten Umlaufs von seinem eigenen "Energie-Ziel" überrascht.

"Ich habe eine Runde vor Schluss diese Nachricht bekommen", gab Felix da Costa nach dem Rennen bei 'Sat.1' zu, "und in diesem Moment wusste ich, dass ich noch nicht einmal das Ziel erreichen würde. Ich bin sprachlos und weiß gar nicht, was ich fühlen soll. Das ist das erste Mal, dass das in der Formel E passiert! Wir alle müssen noch versuchen, die Ursache dafür zu verstehen. Mir kam die Energiereduktion der Rennleitung sehr hoch vor."

 

FIA & Teams streiten über Schuldfrage

Bleibt zuletzt die Frage nach der Schuld. Ähnlich wie Felix da Costa legten zahlreiche Fahrer einen Rechenfehler seitens der FIA bei der Energiereduktion nahe. Ohne öffentlich einsehbare Daten zum sekundengenauen Zeitpunkt des Beginns der Safety-Car- oder FCY-Phasen ist dieser Standpunkt jedoch schwer zu beurteilen.

Die FIA stellt ihrerseits die Teams in die Verantwortung und vermutet, dass sich mit Ausnahme von Mercedes, Dragon, Audi und Virgin alle Rennställe verrechnet haben. Auch dieser Fall ist angesichts des sonst so großen Ingenieur:innen-Talents im Formel-E-Fahrerlager unwahrscheinlich.

Fakt ist: Die Formel E erlebte in Valencia einen kommunikativen GAU. Wie die Elektrorennserie, die das Image von reichweitenstarken Elektroautos verbessern will, sich vom Debakel des ersten Rennens auf einer permanenten Rennstrecke erholt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Den Teams bleibt in ihren Analysen jedenfalls nur wenig Zeit. Bereits am Samstag steht das sechste Rennen der Formel-E-Saison 2021 an. Den zweiten Lauf in Valencia begleiten wir abermals in einem eigenen Live-Ticker, Rennstart ist um 14 Uhr.

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13 Kommentare

conny ·

Hab da mal ne Frage. In früheren Rennen gabs doch eine Strafe für jene Fahrer, die den Attack Mode nicht zweimal aktiviert hatten. In den Einblendungen der Übertragung sah man den AM bei De Vries nur einmal?
Danke lg

Uwe P. aus L. ·

Ein solches Verhalten der Rennleitung ohne Analyse der realen Bedingungen und Vorkommnisse hat sicherlich der Formel E nicht gutgetan und viele interessierte Fans abgeschreckt.

Michael Felke ·

die Rennleitung sollte die Reihenfolge der zweitletzten Runde werten, alles andere ist eine Farce und das "Ergebnis" von der Rennleitung selbst verursacht!

Tobi Bluhm ·

@conny: Das habe ich mich auch im Live-Geschehen gefragt, aber er war laut den offiziellen FIA-Dokumenten tatsächlich in den Runden 8 und 15 in der Attack-Zone - bei der zweiten Aktivierung unmittelbar vor einer SC-Phase. :) LG Tobi

EFan ·

am Ende vom Rennen hab ich echt gedacht was soll der Sch... nach ein paar mal Luft holen hoffe ich einfach, dass man draus lernt. Ein solches Chaos war ja zum Glück das erste Mal. Wenn man aber Zuschauer will, muss man echt sehen, das ein Rennen am Ende auf der Strecke gewonnen wird und wenn die Schwarz-Weiße Flagge kommt will ich wissen wer gewonnen hat und nicht Stunden später in irgendwelchen Nachrichten. Hab auch nicht wirklich verstanden, warum man nicht lieber Runden anhängt statt Energie zu streichen ... wäre doch auch für das Zuschauen Interessanter. Aber wahrscheinlich gibt das wieder Probleme mit den TV Übertragungsrechten ....

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