Analyse: So stark würde das neue Qualifying-Punktesystem die Formel-E-WM beeinflussen
Tobias Wirtz
FIA Formula E
Der Automobil-Weltverband FIA möchte dem Qualifikationstraining in der Formel E in Zukunft mehr Wert verleihen: Nach fünf Saisons mit dem Duellsystem wird es in Saison 13 ein neues Punktesystem für das Qualifying geben. Künftig erhält nicht mehr nur der Pole-Setter Punkte: Bereits im Qualifying werden acht Fahrer mit WM-Zählern belohnt. Zudem steigt die Zahl der im Qualifying vergebenen Punkte erheblich.
Ab der kommenden Saison erhält der Pole-Setter in der Formel E fünf WM-Punkte: einen für die Pole-Position, jeweils einen für die drei gewonnenen Duelle und einen weiteren für den Einzug in die Duellphase. Der im Finale unterlegene Fahrer erhält somit drei Zähler, die beiden Halbfinalisten jeweils zwei. Die vier im Viertelfinale ausgeschiedenen Fahrer erhalten jeweils einen Punkt. Insgesamt werden damit künftig 16 WM-Punkte im Qualifying vergeben. Bislang waren es lediglich drei für den Pole-Setter.
Doch wie stark würde sich diese Änderung tatsächlich auf die Weltmeisterschaft auswirken? Wie hätten die Gesamtwertungen seit Einführung des Duellsystems ausgesehen, wenn bereits damals nach dem neuen Schema gepunktet worden wäre? e-Formel.de die Fahrerwertungen seit Einführung des Duellsystems in Saison 8 neu berechnet. Die Analyse zeigt, welche Veränderungen das neue Punktesystem bewirkt hätte.
Eines vorweg: Alle WM-Titel wären an dieselben Fahrer gegangen. Auch an der Führung in der aktuellen Saison würde das neue System nichts ändern. Die Zahlen in Klammern hinter einem Fahrernamen geben jeweils die zusätzlichen Qualifying-Punkte an.
Saison 12
Mit dem neuen Punktesystem würde Pascal Wehrlein die WM-Wertung noch etwas deutlicher anführen: 16 zusätzliche Zähler würde ihm die neue Regelung einbringen. Hauptkonkurrent Mitch Evans würde nur zehn Zusatzpunkte erhalten. Antonio Felix da Costa wäre nun WM-Dritter, da er 14 Punkte mehr für seine Qualifying-Ergebnisse erhalten würde, während Oliver Rowland nur neun Punkte mehr bekäme und würde auf Rang 4 zurückfallen.
Dahinter gäbe es nur wenige Verschiebungen. Sebastien Buemi und Joel Eriksson würden lediglich jeweils vier Punkte zusätzlich erhalten und damit gegen ihre unmittelbaren Tabellennachbarn etwas an Boden verlieren: Felipe Drugovich (11), Nyck de Vries (10) und Nick Cassidy (8). Im hinteren Teil des Feldes würden Taylor Barnard (13), Dan Ticktum (12), Max Günther (9) und Norman Nato (7) profitieren, während Zane Maloney (2), Pepe Marti (1) und Lucas di Grassi (0) an Boden verlieren würden.
Saison 11
In Saison 11 hätte das neue System die größten Auswirkungen gehabt. Zwar wäre Rowland weiterhin mit deutlichem Abstand Weltmeister geworden, Vizemeister wäre jedoch Wehrlein. Seine 17 Zusatzpunkte hätten ausgereicht, um Cassidy, der acht Punkte hinzugewonnen hätte, hinter sich zu lassen.
Im Kampf um WM-Platz 7 hätten Dennis (10) und de Vries (13) die Positionen getauscht, dahinter hätte Edo Mortara (6) gleich zwei Positionen an Ticktum (15) und Günther (13) verloren. Die einzige weitere Positionsänderung hätte es am Ende des Feldes gegeben: David Beckmann wäre dank zweier Zusatzpunkte an Sergio Sette Camara vorbeigezogen, der keine zusätzlichen Zähler erhalten hätte.
Saison 10
In Saison 10 hätte sich nur sehr wenig verändert. Erst auf WM-Rang 10 hätte sich die Reihenfolge verändert: Stoffel Vandoorne (19) wäre an Robin Frijns (11) vorbeigezogen. Weiter hinten wären vor allem Jake Hughes (12) und Norman Nato (10) die Gewinner gewesen. Sebastien Buemi (7), Nico Müller und Sam Bird (je 6) hätten dagegen relativ zu ihren Konkurrenten an Boden verloren. Sergio Sette Camara (6) wäre an Teamkollege Dan Ticktum (1) vorbeigezogen, Lucas di Grassi (2) an Taylor Barnard (0).
Saison 9
Auch in Saison 9 hätte es einen Wechsel auf WM-Rang 2 gegeben: Evans (23) wäre vor seinem Landsmann Cassidy (13) der erste Verfolger von Dennis gewesen. Vergne (9) hätte WM-Platz 5 an Buemi (18) verloren. Günther (15) wäre nach Punkten mit dem Franzosen gleichgezogen, aber hinter ihm geblieben. Weiter hinten wären Sacha Fenestraz (13) und Ticktum (9) an di Grassi (3) vorbeigezogen.
Saison 8
In Saison 8 hätte es einige Veränderungen in den Top 10 der Weltmeisterschaft gegeben. Der tatsächliche WM-Achte Felix da Costa (19) wäre an Robin Frijns (14) und di Grassi (13) vorbeigezogen. Auch Frijns und di Grassi hätten untereinander die Positionen getauscht. Andre Lotterer (15) wäre an Cassidy (9) vorbeigezogen und hätte WM-Rang 11 übernommen, während Günther (1) und Sette Câmara (5) im hinteren Teil der Tabelle an Oliver Turvey (0) vorbeigezogen wären. Auch Antonio Giovinazzi (2) hätte seine einzige Formel-E-Saison nicht punktlos beendet. Der Italiener wäre zudem vor Norman Nato gewertet worden.
Fazit
Weil künftig bereits der Einzug in die Duellphase mit einem Punkt belohnt wird, profitieren vor allem konstant starke Qualifier. Da das Feld in den vergangenen Jahren jedoch so ausgeglichen war, dass fast alle Piloten im Laufe einer Saison mehrfach die Duellphase erreichten, blieben die Auswirkungen insgesamt überschaubar.
Kein Fahrer war über eine gesamte Saison hinweg im Qualifying so erfolgreich, dass seine zusätzlichen Punkte dem Gegenwert eines Rennsieges entsprochen hätten. Den Höchstwert hätte Mitch Evans in Saison 9 erzielt: Seine Qualifying-Ergebnisse hätten ihm 23 zusätzliche Punkte eingebracht - zwei weniger als ein Rennsieg.
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