Formel E

Andretti sucht US-Talent für Formel-E-Saison 2022: "Darauf aus, amerikanischen Fahrer zu verpflichten"

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

BMW-Andretti-Team-Principal-Roger-Griffiths

Seitdem BMW im letzten Winter den Ausstieg aus der Formel E bekannt gab, arbeitet Andretti Autosport hinter den Kulissen mit Hochdruck daran, die Rückkehr als eigenständiges Team vorzubereiten. Der US-Rennstall wird in der Saison 2022 als BMW-Kundenteam an den Rennen der Elektroserie teilnehmen, plant jedoch eine grundlegende Neustrukturierung des Einsatzes. Um einen US-Fahrer zu verpflichten, sei laut Teamchef Roger Griffiths auch die Entlassung eines aktuellen Piloten möglich.

Derzeit liegen alle kommerziellen Aspekte des Rennstalls in den Händen von BMW. Dazu zählen neben den Sponsoren auch die aktuellen Fahrerverträge mit Maximilian Günther und Jake Dennis, die somit an den Münchner Automobilkonzern gebunden sind. "Im nächsten Jahr wechseln alle Abkommen zu Andretti", erklärt Griffiths exklusiv bei 'e-Formel.de'. "Deswegen haben wir die Option, mit Jake und Max weiterzumachen."

"Gleichzeitig besteht aber auch die Möglichkeit, uns anderweitig umzusehen. Bei den Sponsorenpartnern ist es unwahrscheinlich, dass sie auch im nächsten Jahr noch auf unseren Autos werben wollen, denn sie sind eng an BMW gebunden. Sie sind Partner der Straßenfahrzeuge, der Entwicklungsabteilung oder Geldgeber mit einem Bezug zu Deutschland. Gerne würden wir sie behalten, aber ich denke, dass das eine Herausforderung wird", so Griffiths.

"Alles wird sich um die Identität von Andretti drehen"

Wenngleich Andretti weiterhin mit BMW-Motoren antreten und als Kundenteam dieselben Antriebsstränge wie in der laufenden Saison einsetzen wird, plane der Rennstall einen Wandel, bei dem sich künftig "alles um die Identität von Andretti drehen wird".

Griffiths: "Auch ein US-Fahrer ist somit möglich. Ich weiß, dass Michael (Andretti, Teambesitzer) sehr darauf aus ist, einen amerikanischen Fahrer einzusetzen. Das wäre schön, denn wir sind ein in den USA registriertes Team und fahren unter der amerikanischen Flagge. Natürlich schauen wir uns aber an, was das Beste für den Rennstall ist und müssen uns fragen, ob es einen amerikanischen Fahrer gibt, der bereit für die Formel E ist."

Zuletzt setzte Andretti in der Saison 2014/15 einen US-Fahrer ein. Damals startete Scott Speed bei insgesamt vier Rennen in der Elektrorennserie, in Miami feierte er zudem ein Podiumsergebnis. Neben Speed starteten in der ersten Formel-E-Saison zudem Matthew Brabham und Marco Andretti für den US-Rennstall.

Im Rahmen der bis 2020 jährlich veranstalteten Rookie-Testfahrten in Marokko setzte Andretti zudem Kyle Kirkwood und Colton Herta ein. "Ich weiß, dass Kirkwood mit uns in Verbindung gebracht wurde", kommentiert Griffiths die jüngsten Gerüchte über den 22-Jährigen. "Aber wenn ich raten müsste, fokussiert er sich gerade eher auf seine IndyCar-Karriere. Er schlägt sich in der Indy-Lights-Serie gut und (ein Aufstieg in die IndyCar-Meisterschaft) wäre für ihn der nächste Schritt."

Kirkwood hat offenbar also nur Außenseiterchancen. "Vielleicht gibt es noch einen anderen Fahrer aus den USA, mal sehen", sagt Griffiths. Auch Colton Hertas Karrierepfad sei inzwischen "sehr auf Indianapolis und die IndyCar-Serie fokussiert". Der 21-Jährige (siehe Bild unten) absolviert derzeit seine vierte Saison in der Monoposto-Serie, seit 2019 ist er der jüngste Rennsieger in der IndyCar-Geschichte. Seither feierte er drei weitere Siege, zudem erreichte er sechsmal das Podium.

Für Griffiths ist allerdings auch eine Fortführung der Beziehung zur aktuellen Fahrerpaarung vorstellbar. "Wir sind sehr zufrieden mit ihnen", lobt er Dennis und Günther, "beide wissen sehr viel über das BMW-Auto. Sollten wir uns also für einen anderen Fahrer entscheiden, müssen wir uns der Konsequenzen bewusst sein."

Hinchcliffe als Botschafter für Vancouver E-Prix?

Zuletzt besuchte der IndyCar-Fahrer Conor Daly das Formel-E-Fahrerlager und drehte im offiziellen Showcar der Serie einige Runden in New York. Der 29-Jährige nahm 2019 am berüchtigten 500-Meilen-Rennen in Indianapolis und in Laguna Seca für Andretti teil, startete seither jedoch entweder für Carlin oder Ed Carpenter Racing.

Dem aktuellen Andretti-Kader gehören in der IndyCar-Serie neben Herta auch Alexander Rossi, Ryan Hunter-Reay und James Hinchcliffe an. Insbesondere der Kanadier Hinchcliffe (siehe Bild unten) könnte für die Formel E eine interessante Personalie sein, allen voran für die Promotion des Vancouver E-Prix im Juli 2022. Über die Möglichkeit, den 34-Jährigen als "Botschafter" für das erste Kanada-Rennen seit 2017 einzuspannen, berichteten auch die Kollegen von 'The Race' erst vor wenigen Tagen.

Darüber hinaus treten Devlin DeFrancesco, Robert Megennis und Danial Frost in der Indy-Lights-Kategorie, Enzo Fittipaldi in der Indy Pro 2000 sowie Jarett Andretti in der WeatherTech-Sportwagenmeisterschaft für Andretti Autosport an.

Zum erweiterten Fahrer:innenkreis gehören dank einer Kooperation mit den Teams Tom Walkinshaw Racing beziehungsweise United Autosport zudem Bryce Fullwood, Chaz Mostert (beide V8 Supercars), Timmy Hansen und Catie Munnings (beide Extreme E).

Die große Vielfalt im eigenen Talentpool stellt Formel-E-Chef Griffiths vor eine schwere Wahl. Die Schlüsselfrage bei der Fahrerwahl 2022 sei für ihn: "Wollen wir einen neuen Andretti-Fahrer und gehen dabei das Risiko ein, dass wir das Wissen über das Auto von unserem aktuellen Gespann aufgeben? Beide sind schließlich Rennsieger in der Formel E. Diese Entscheidung ist sehr schwer zu fällen, aber das ist nun mal mein Job."

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