Formel E

"Beschleunigungsrennen vor Buckingham Palace": Di Grassi schlägt Alternative zum Gruppen-Qualifying vor

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

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Das Qualifying-Format der Formel E ist bei Teams und Fahrern umstritten. Die Benachteiligung der in der Gesamtwertung führenden Piloten, die in Qualifying-Gruppe 1 bei den schlechtesten Streckenbedingungen antreten müssen, sorgt zwar dafür, dass der Titelkampf extrem offen ist. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Rennserie damit mehr einer Lotterie gleicht als einer Motorsportkategorie, in der sich das stärkste Fahrzeug und der beste Pilot durchsetzen. Lucas di Grassi hat eine Idee, wie die Formel E ihr Format ändern könnte.

In der laufenden Saison haben nach 13 von 15 Rennen immer noch 18 der 25 Fahrer theoretische Meisterschaftschancen. Was auf der einen Seite viel Spannung und Abwechslung verspricht, sorgt bei den Teams und Herstellern für Frust. "Ich muss meinem Chef erklären, warum ich Budget brauche, um das Auto zu verbessern, wenn man das Qualifying auch auswürfeln könnte. Und er muss seinem Chef erklären, warum die schnellsten Fahrer und Autos ganz hinten starten", erklärte bereits vor einem Jahr ein Mitarbeiter eines führenden Formel-E-Teams gegenüber 'e-Formel.de'.

Insbesondere, da die Formel E seit dieser Saison den Titel einen offiziellen FIA-WM-Rennserie trägt, drängen die Beteiligten immer stärker auf ein faireres System. Auch Gerd Mäuser, Chairman von Jaguar Racing, hatte 'e-Formel.de' bereits vor einigen Wochen gesagt, dass es "ziemlich sicher" Anpassungen am Qualifying-Format geben werde.

Audi-Pilot Lucas di Grassi hat nun einen Vorschlag geäußert, wie die Rennserie dies publikumswirksam und auf ihre bekannte, unkonventionelle Art und Weise tun könnte. "Das aktuelle Qualifying ist wahrscheinlich die schlechteste aller Möglichkeiten, also muss es sich ändern. Man muss hier über den Tellerrand schauen", erklärt er bei den Kollegen von 'Autosport'.

"In diesem Punkt kann die Formel E sogar die Formel 1 schlagen"

"Die Festlegung der Gruppen oder eine andere Vordefinition des Qualifyings könnte man mit einem Beschleunigungsrennen machen, das eine Woche vor dem E-Prix in der Stadt stattfindet, in der wir fahren", so der Formel-E-Champion der Saison 2016/17 weiter. Somit könnte die Rennserie einen der größten Vorteile von Elektroantrieben veranschaulichen - die Beschleunigung aus dem Stand.

"Was kann man den Leuten gut präsentieren? Die schnelle Beschleunigung", erklärt er. "Das Marketing-Argument für Elektroautos ist der Sprint von 0 auf 100 km/h. In diesem Punkt kann die Formel E sogar die Formel 1 schlagen. Im Moment haben die Leute den Eindruck, dass Formel-E-Autos langsam und einfach zu fahren sind."

"Was verstehen die Zuschauer am besten? Sie sehen, wer als Erster ankommt. Der ist der Gewinner. Man stelle sich vor, wir machen eine Woche vorher eine Veranstaltung auf der London Bridge oder auf dem Times Square. Man bringt das Auto dorthin, und mit einer vollen Batterie können wir 100 Starts durchführen."

Di Grassi wünscht sich "ein Beschleunigungsrennen, mit Allradantrieb und 450 kW. Das Auto wird schneller beschleunigen als die Formel 1, sodass niemand sagen kann, die Autos seien langsam. So könnte man die Qualifying-Gruppen oder sogar die Startaufstellung festlegen. Das ist etwas vollkommen Neues, und genau das sollte die Formel E anstreben. Es wird um die Reaktionszeit des Fahrers gehen und die Abstände werden sehr gering sein. Es hängt von der Software ab, von der Hardware und davon, wie stark man die Reifen aufheizt... es gibt viele Variablen", sieht er auch technische Herausforderungen an seinem Konzept.

"Die Leute haben leider Angst vor großen Veränderungen"

Der Brasilianer ist dabei auch darauf bedacht, den Showeffekt, auf den die Rennserie zuletzt unter anderem beim Nachtrennen in Diriyya gesetzt hat, zu betonen. "Man kann es nachts machen, mit Beleuchtung, oder an Orten, an denen man nie ein Rennen fahren könnte. Wie zum Beispiel direkt vor dem Buckingham Palace. Man bräuchte dort nur Mauern für eine gerade Strecke."

Auch wenn er seine Idee bereits dem FIA-Direktor für die Formel E, Frederic Bertrand, vorgestellt hat, glaubt di Grassi selbst nicht daran, dass die Rennserie sie umsetzen wird. Für ihn ist sie jedoch ein Beispiel für neue Maßnahmen, die die Serie ergreifen könnte, um ihre Zuschauerzahlen zu erhöhen. Und zwar ohne die Komplexität, die das Regelwerk der Rennserie aktuell ausmacht.

"Es guckt sieht doch niemand das Qualifying wirklich an, also müssen wir etwas mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Das ist es, was die Formel E in Zukunft tun muss. Sie muss Unterhaltung schaffen, auf eine leicht verständliche Art. Attack-Mode und Disqualifikationen wegen zu hohen Energieverbrauchs - das versteht doch niemand wirklich", schlägt er in die gleiche Kerbe wie unser Redakteur Tobi Bluhm nach dem Valencia E-Prix.

Überzeugt davon, dass die Verantwortlichen der Formel E die seiner Meinung nach notwendigen Schritte durchführen werden, ist er jedoch nicht: "Die Chance, dass das passiert, ist sehr gering. Die Leute haben leider Angst vor großen Veränderungen."

Offiziell sind bis heute noch keine Veränderungen am Sportlichen Reglement der Rennserie verabschiedet, die sich auf eine Änderung des Qualifying-Formates beziehen. Eine Anpassung bedarf der Zustimmung des FIA-Weltmotorsportrates (WMSC), was jedoch als reine Formsache zu bewerten ist.

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