Formel E

Buemi vs. di Grassi: Verbaler Schlagabtausch vor dem Formel-E-Finale!

Timo Pape

Timo Pape

Drei Jahre Formel E, ein ewiges Duell: Wie schon vor einem Jahr in London läuft es auch beim diesjährigen Formel-E-Finale von Montreal (Samstag und Sonntag, Rennstart jeweils 22 Uhr) auf den Zweikampf Sebastien Buemi gegen Lucas di Grassi hinaus. Vor dem ersten der beiden Läufe trennen die Erzrivalen nur zehn Punkte - Ausgang völlig offen. In der vergangenen Woche begann bereits die psychologische Kriegsführung: Zuerst holte Buemi zum Rundumschlag gegen di Grassi aus, dann konterte der Brasilianer. Weiter befeuert wurde das verbale Duell durch Tweets aus dem Umfeld der beiden Kontrahenten.

"Ich respektiere ihn als Fahrer, aber ich respektiere nicht das, was er letztes Jahr getan hat", legt Buemi gegenüber 'Motorsport.com' los. "Leute im Umfeld unseres Sports wissen genau, was damals passiert ist." Der Schweizer spricht damit das Saisonfinale 2016 im Battersea Park von London an. Beim Start des damaligen Sonntagsrennens war klar gewesen: Di Grassi müsste vor Buemi ins Ziel kommen, um Meister zu werden. Dieser startete jedoch vor dem ABT-Fahrer und hatte das klar schnellere Auto. Bei einer Nullnummer von beiden wäre di Grassi allerdings Meister gewesen.

Direkt nach dem Start krachte di Grassi seinem Rivalen ins Heck - das Rennen war eigentlich bereits in der ersten Kurve für beide gelaufen. Alles sah danach aus, als wäre der Brasilianer Meister, allerdings schafften es sowohl Buemi als auch di Grassi zurück an die Box. Von nun an war klar: Derjenige, der die schnellste Rennrunde und die damit verbundenen zwei Punkte holen würde, wäre Formel-E-Champion. Buemi brachte dieses Kunststück zustande und wurde Meister. Trotzdem sah sich di Grassi fortan dem Vorwurf ausgesetzt, er habe den Unfall absichtlich herbeigeführt. Der inzwischen 32-Jährige beklagte seinerseits, Buemi habe deutlich zu früh gebremst.

"Wie würde er sich rausreden, wenn so etwas noch mal passiert? Was würden die Leute denken? Das wäre ziemlich schwierig zu erklären. So etwas kann er sich mit Blick auf seinen Ruf nicht mehr leisten, oder?", warnt Buemi. "Er hat erklärt, es sei mein Fehler gewesen, und ich hätte zu spät gebremst, anstatt mal zu sagen: 'Ich habe alles versucht, das Auto verloren, und dann ist es einfach passiert - sorry.' Das hat mir gar nicht gefallen, und ich denke, es war auch ganz und gar nicht in Ordnung. Du kannst bis ans Limit gehen, aber an jenem Tag hat er es deutlich überschritten."

Buemi führt weiter aus: "Ich verliere lieber mit Würde, als auf eine Art zu gewinnen, bei der ich anschließend nicht mehr in den Spiegel schauen kann. Ob es beim ihm genauso ist? Keine Ahnung, das muss man ihn wohl selbst fragen. Für mich ist die Sache nun vom Tisch." Der Crash von London war allerdings noch nicht alles, wie erst jetzt ans Licht kommt: "Nach Battersea gab es noch eine weitere unschöne Geschichte, von der aber niemand weiß, und die auch nicht in die Öffentlichkeit gehört. Es gab ein weiteres Problem, aber auch das ist nun Geschichte."

Di Grassi betont in Interviews häufig, dass sein Rivale Buemi im stärkeren Auto sitzt, und schmälert damit die Leistung des Renault-Piloten. Auch das geht Buemi gegen den Strich: "Ihm scheint es ein bisschen an Selbstvertrauen zu fehlen, wenn er andauernd erzählt, dass er mehr als eigentlich möglich aus seinem Auto herausholt. Ich denke, die wirklich guten Fahrer brauchen das nicht zu sagen. Er tut es jedoch und redet am Ende immer ein bisschen zu viel. Wenn ich wollte, könnte ich auch herumlaufen und jedem erzählen: Ich bin der Einzige, der regelmäßig in einem Renault gewinnt. Vergne, Gutierrez und Sarrazin fahren (oder fuhren) alle das gleiche Auto, doch ich bin der Einzige, der ein Rennen gewonnen hat - zwölf, um genau zu sein."

"Ein paar Probleme" mit Drucksituationen

Wenige Tage nach der öffentlichen Kritik Buemis schüttete auch di Grassi bei 'Motorsport.com' sein Herz aus. Sein zentraler Punkt: Buemi halte keinem Druck stand. "Er hat die Meisterschaft in Saison eins durch so einen simplen Fehler verloren, als er sich auf seiner Outlap (nach dem Boxenstopp) drehte. Dadurch hat er alles verloren. Man kann also klar erkennen, dass er auf diesem Gebiet ein paar Probleme hat", erklärt di Grassi.

Natürlich gehe jeder mit Druck anders um, führt der amtierende Vizemeister aus. "Er hat dieses Wochenende riesigen Druck - viel mehr als ich -, denn jeder wird darauf warten, dass jene Fehler in Montreal wieder zum Vorschein kommen." Ein taktisches Manöver di Grassis, um Buemi vor dem finalen Doubleheader zu verunsichern. Denn ja, Buemi hat nach einer herausragenden Saison mit sechs Siegen (di Grassi nur gewann allein in Mexiko) tatsächlich mehr zu verlieren, zumal mit zehn Punkten Vorsprung und dem voraussichtlich besseren Auto.

Auf die Kritik, er rede zu viel, reagiert di Grassi ebenfalls: "Ich bin einfach nur ich selbst. Dies ist meine Herangehensweise an Dinge, und ob er damit glücklich ist oder nicht, ist mir vollkommen egal. Er scheint immer noch sehr starke Meinungen zum Rennen in Battersea zu haben (...), aber auch das ist für mich nicht relevant, es ist Geschichte. Ich denke und sage, was richtig ist. Manchmal bin ich dabei nicht ganz politisch korrekt, wie man auch meinem Twitter-Account entnehmen kann. Aber ich spreche aus, was ich denke, und so wird es auch bleiben."

Dadurch dass Buemi wegen einer Terminüberschneidung mit der WEC nicht in New York antreten konnte, ist die Meisterschaft immer noch offen. Di Grassi konnte von der Abstinenz des Spitzenreiters profitieren und seinen Rückstand verkürzen. "Hätte, wäre, wenn - was jetzt nur noch zählt, ist der aktuelle Stand in der Meisterschaft", sagt di Grassi. "Der Druck liegt auf ihm. Wenn er ein fehlerfreies Wochenende hat, gewinnt er den Titel. Für mich wird es natürlich schwieriger, aber ich werde mein Bestes geben. Ich werde mehr Risiko eingehen, als wenn ich zehn Punkte vor ihm liegen würde. Ich habe wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Buemi kann eigentlich nur verlieren, denn wir haben ja bereits in der Vergangenheit gesehen, dass sowohl er als auch sein Team Fehler machen können."

Ob Buemi die Aussagen seines Erzrivalen an sich heranlässt, wird sich zeigen. Vor dem Finale appelliert der Schweizer abermals an die Vernunft seines Widersachers: "Rivalität ist eine gute Sache, die einer jungen Meisterschaft wie der Formel E Würze verleiht", sagt der 28-Jährige. "Ich meine nur, es sollte Grenzen geben und am Ende alles korrekt ablaufen." Hoffen wir mal, dass es an diesem Wochenende in Montreal auch so kommt und wir einen tollen sportlichen Wettkampf sehen. Möge der Bessere die Formel E gewinnen.

Statistik: Buemi gegen di Grassi

 

  Sebastien Buemi     Lucas di Grassi
Meistertitel 1 0
Rennen 29 31
Siege 12 5
Podiumsplätze 17 19
Pole-Positions 8 2
Super-Poles 11 9
Schnellste Runden 7 1
Rennen angeführt 14 11
Ewige Punkteliste 455 433
FanBoosts 15 17

 

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