Formel E

Carbonschrott & Cassidy-Show: Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum New York City E-Prix 2022

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Crash-Turn-Seven-New-York

Die Sieger des New York City E-Prix 2022 heißen Nick Cassidy und Antonio Felix da Costa. Die Fahrer der Teams Envision und DS Techeetah setzten sich an einem denkwürdigen Wochenende, gespickt von Platzregen, hitzigen Duellen und Strafen-Drama, gegen ihre Konkurrenten durch. Wie unsere Autor:innen die individuellen Leistungen aller Fahrer bewertet haben, liest du in unserem Fahrer-Rating.

Hierfür vergibt die Redaktion von e-Formel.de nach jedem Rennwochenende Punkte auf einer Skala zwischen 1 und 10 an alle Fahrer. Anschließend werden die Piloten nach ihrem durchschnittlichen "Rating-Score" geordnet, und die besten zehn Leistungen von unserem Formel-E-Reporter Tobias Bluhm kommentiert.

In die Wertung fließen ausschließlich die individuellen fahrerischen Leistungen ein, nicht das Potenzial des Autos oder äußerliche Umstände. Unterstützt werden wir dabei stets von externen Medienkolleg:innen. Dieses Mal war es der ProSieben-Kommentator Eddie Mielke. Vielen Dank!

Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum New York City E-Prix 2022

1. Nick Cassidy | Envision Racing | 9.4 Punkte

Nick Cassidy bestritt in New York das beste Rennwochenende seiner bisherigen Formel-E-Karriere. Samstags unterstrich er seine hervorragende Qualifying-Pace mit sehr gutem Renntempo, ehe er auf nasser Fahrbahn - wie viele andere - die Kontrolle verlor und ins Aus rutschte. "Er hätte vorsichtiger fahren sollen", forderten danach manche Fans, doch es wäre naiv zu denken, dass er das aufschwimmende Fahrzeug noch hätte kontrollieren können.

Als Führender des E-Prix erreichte Cassidy die tiefe Pfütze als erstes, hätte sich also auch nicht an vor ihm fahrenden Autos orientieren können. Sein Rennen fand ein bitteres Ende in der TecPro-Bande von Kurve 6. Dank einer roten Flagge (und der mit dem Rennabbruch verbundenen Wiederherstellung des Zwischenstandes zwei Runden vor der Unterbrechung) wurde er dennoch als Sieger gewertet.

Nach einem Batteriewechsel musste er sonntags, nachdem er in der Qualifikation erneut auf die Pole-Position gefahren war, eine Strafversetzung plus Durchfahrtsstrafe auf sich nehmen. Ein Top-10-Ergebnis war trotz solider Pace am zweiten Tag somit nicht mehr realistisch.

FAZIT: Ein hervorragendes E-Prix-Wochenende von Cassidy, der individuell wohl die beste Performance seiner gesamten Formel-E-Karriere zeigte.

2. Stoffel Vandoorne | Mercedes-EQ | 8.2 Punkte

Edoardo Mortara (Venturi) überließ Stoffel Vandoorne in beiden New-York-Qualifyings einen "Elfmeter ohne Torwart" - und der Belgier nutzte diese eiskalt aus. Dank guten Resultaten im Zeitfahren, bei denen er sich die Startplätze 2 beziehungsweise 5 sicherte, hielt sich Vandoorne an beiden Tagen mittendrin in der Führungsgruppe.

Im ersten Rennen schlitterte er, genau wie Cassidy und Lucas di Grassi (Venturi), von der Strecke, wurde nachträglich aber als Vierter gewertet. Nach harten Zweikämpfen am Sonntag wurde er Zweiter und übernahm somit die WM-Führung.

FAZIT: Nach der Schadensbegrenzung in Marrakesch lieferte Vandoorne in den USA wieder ein richtig gutes Wochenende ab!

3. Antonio Felix da Costa | DS Techeetah | 8.4 Punkte

Es gleicht einem Wink mit dem Zaunpfahl, dass es ausgerechnet Antonio Felix da Costa ist, der den ersten DS-Techeetah-Sieg der Saison holte. Der Portugiese konnte im Verlauf des Wochenendes häufiger als sein Teamkollege und Titelkandidat Jean-Eric Vergne glänzen. Das gelang ihm vor allem sonntags, als Vergne im Qualifying patzte (Wandkontakt in Kurve 13), und Felix da Costa in die erste Startreihe fuhr. Im Rennen konnte ihm dann trotz mehrfachen Energiestrategie-Anpassungen niemand mehr gefährlich werden - er gewann souverän.

FAZIT: Befreit vom Druck, direkt in den Titelkampf involviert zu sein, fährt Felix da Costa seit dem Marrakesch-Rennen auf hohem Niveau. Er hat Freude am Fahren - und das spiegelt sich in den Ergebnissen wider!

4. Alexander Sims | Mahindra Racing | 7.4 Punkte

Noch vor rund einer Woche hatte Alexander Sims angekündigt, ab 2023 nicht mehr in der Formel E fahren zu wollen - und prompt überzeugt er seinen Arbeitgeber Mahindra mit der besten Performance des Jahres. Am New-York-Sonntag erreichte er aus der ersten Startreihe Platz 4. Tags zuvor verpasste er nach einer Qualifying-Duellteilnahme die Punkteränge knapp.

FAZIT: Sims' zwölf Zähler könnten für Mahindra am Jahresende entscheidend sein, wenn es in die Abrechnung gegen Nissan e.dams geht. Dank Sims liegen die Inder nun drei Punkte vor der japanisch-französischen Allianz.

5. Robin Frijns | Envision Racing | 7.0 Punkte

Viele hatten den Niederländer Robin Frijns seit seinem Formtief zwischen Berlin und Marrakesch bereits abgeschrieben, doch in New York meldete er sich eindrucksvoll mit einer starken Performance zurück. Ein gutes Setup, die Effizienz des Audi-Antriebsstrangs und seine fahrerische Eigenleistung verhalfen ihm samstags zu einem Platz in den Top 4. Wäre das Rennen neu gestartet worden, wäre er sogar einer der Topkandidaten für den Sieg gewesen.

Frijns stand im Verlauf des Wochenendes am "Big Apple" zwar klar im Schatten seines Teamkollegen Cassidy, mauserte sich in der Fahrerwertung dennoch wieder an das Führungsquartett heran. In New York konnte er seinen Rückstand auf die WM-Führung verkleinern, nun sind es "nur" noch 51 Zähler. Das ist eine beachtliche Differenz, doch sollten seine Kontrahenten straucheln, könnte er auf den letzten Metern der Saison vielleicht doch noch um den Titel kämpfen.

FAZIT: Frijns' Formtief dauerte womöglich etwas zu lang an. Aus eigener Kraft kann er wohl kaum mehr in den Titelkampf eingreifen können. New York macht jedoch Hoffnung.

6. Sam Bird | Jaguar TCS Racing | 7.0 Punkte

Es scheint so, als gäbe es magische Verbindung zwischen Sam Bird und dem Brooklyn Street Circuit. Zu seiner bisherigen Bilanz, die bereits vor den Rennen 2022 drei Siege und zwei Pole-Positions umfasste, fügte der Brite zwei weitere Top-10-Resultate hinzu. Insbesondere seine Leistung am Sonntag verdient eine Würdigung, als er sich aus eigener Kraft von Startplatz 16 - auf seiner Qualifying-Runde war er von Vergne aufgehalten worden - in die Top 5 vorarbeitete.

FAZIT: Wo auch immer er bei allen anderen Saisonstationen war - der alte Sam Bird ist zurück!

7. Mitch Evans | Jaguar TCS Racing | 7.0 Punkte

"Willenskraft" ist wohl das passendste Wort, um den New-York-Rennsonntag von Mitch Evans zu umschreiben. Der Neuseeländer fand eine gute Balance zwischen Aggressivität und Energieeffizienz, während er sich von Startrang 6 durchs Feld arbeitete. Im Positionskampf mit Nyck de Vries (Mercedes) landete er zwar fast in der Wand, weil sein Jaguar-Renner auf einer Bodenwelle ausgehebelt wurde. Mit dem "Save of the Season" rettete Evans aber gerade so seine Chancen auf das Podest.

Ohne den dabei entstandenen Zeit- und Energieverlust sowie den erhöhten Reifenverschleiß wäre Evans womöglich noch zu einer echten Gefahr für Felix da Costa und Vandoorne geworden. So musste er sich mit Platz 3 begnügen - auch gut!

FAZIT: Ein gutes Wochenende von Evans, der im Titelkampf weiterhin voll dabei ist.

8. Lucas di Grassi | ROKiT Venturi Racing | 7.0 Punkte

Abseits der TV-Bilder endete di Grassis Sonntagsrennen nach einer beherzten Fahrt in der Links-Rechts-Kombination am Ende der Gegengeraden. Im Platzkampf mit Jean-Eric Vergne gab keiner der beiden Fahrer nach, wodurch Vergne di Grassi touchierte, ihn in Kurve 7 drehte und mittig auf der Strecke stehen ließ. Nach einem Wendemanöver gab di Grassi den E-Prix wenige hundert Meter endgültig auf - null Punkte.

Deutlich besser war es am Vortag gelaufen. Nach Startplatz 3 hielt di Grassi über mehrere Runden in der Führungsgruppe mit und legte sich Nick Cassidy gerade für ein Überholmanöver zurecht, als der Regen einsetzte. Auf nasser Strecke kämpfte auch er mit Aquaplaning und prallte mit hoher Geschwindigkeit in den kurz zuvor ebenfalls abgeflogenen Cassidy-Renner. Da das Rennen nicht mehr neu gestartet wurde, wertete ihn die FIA auf Position 2.

FAZIT: Di Grassis Mechaniker:innen wurde angesichts der vielen Reparaturarbeit gewiss nicht langweilig. Individuell fuhr der Brasilianer aber auf Topniveau.

9. Sebastien Buemi | Nissan e.dams | 6.6 Punkte

Nissan e.dams' Renntempo in New York dürfte nach einer schweren Saison ein kleiner Lichtblick für Sebastien Buemi gewesen sein. Im Qualifying-Viertelfinale und mehreren Zweikämpfen beim Samstagslauf wirkte Schweizer zum ersten Mal in diesem Jahr wirklich konkurrenzfähig. Am Ende war seine Leistung gut genug für Platz 5. Sonntags war er im Gruppen-Qualifying zwei Zehntelsekunden zu langsam für einen Duellplatz. Er startete und beendete den Lauf auf Platz 13.

FAZIT: Am Samstag gelang Buemi das bisherige Highlight seiner Saison, sonntags fehlte der Glanz jedoch schon wieder.

10. Jake Dennis | Avalanche Andretti | 6.4 Punkte

Ein sogenannter Brake-Split - ein deutlicher Temperaturunterschied zwischen den linken und rechten Bremsscheiben - machte Jake Dennis im Sonntagslauf schwer zu schaffen. Trotz einer Differenz von teilweise 300 Grad Celsius, so berichtete Dennis am Teamfunk, hielt sich der Brite bis zum Zieleinlauf in den Top 8. Nach Platz 10 am Samstag ist das eine gute Ausbeute beim Andretti-Heimspiel in den USA!

FAZIT: Dennis trotzte seinen Balanceproblemen und erweiterte seine Punktesträhne auf vier aufeinanderfolgende Rennen. Es ist der längste "Streak" seiner bisherigen Saison.

Die weiteren Positionen im Fahrer-Rating:

 

Position Fahrer Note Ergebnis (Sa) Ergebnis (So)
11. Edoardo Mortara (Venturi) 6.0 Platz 9 Platz 10
12. Nyck de Vries (Mercedes) 5.8 Platz 8 Platz 7
13. Pascal Wehrlein (Porsche) 5.8 Platz 6 Platz 11
14. Sergio Sette Camara (Dragon) 5.6 DNF Platz 17
15. Andre Lotterer (Porsche) 5.0 Platz 16 Platz 9
16. Oliver Askew (Andretti) 4.8 Platz 19 DNF
17. Oliver Rowland (Mahindra) 4.6 Platz 13 Platz 14
18. Dan Ticktum (Nio 333) 4.2 Platz 17 Platz 12
19. Jean-Eric Vergne (DS Techeetah) 4.2 Platz 18 DNF
20. Maximilian Günther (Nissan e.dams) 3.8 Platz 12 DSQ
21. Oliver Turvey (Nio 333) 3.4 Platz 15 Platz 16
22. Antonio Giovinazzi (Dragon) 3.0 DNF DNF

 

So hat die Redaktion abgestimmt:
Fahrer Tobias Bluhm Tobias Wirtz Timo Pape Svenja König Eddie Mielke Durchschnitt
01. Nick Cassidy 10 10 9 9 9 9.4
02. Stoffel Vandoorne 8 8 8 8 10 8.4
03. Antonio Felix da Costa 9 7 9 9 8 8.4
04. Alexander Sims 7 8 7 8 7 7.4
05. Robin Frijns 7 8 7 6 7 7.0
06. Sam Bird 8 7 7 7 6 7.0
07. Mitch Evans 7 7 6 7 8 7.0
08. Lucas di Grassi 7 7 8 6 7 7.0
09. Sebastien Buemi 7 6 7 7 6 6.6
10. Jake Dennis 6 7 6 7 6 6.4
11. Edoardo Mortara 5 9 5 5 6 6.0
12. Nyck de Vries 6 7 5 7 4 5.8
13. Pascal Wehrlein 6 7 6 5 5 5.8
14. Sergio Sette Camara 5 6 6 4 7 5.6
15. Andre Lotterer 6 5 5 5 4 5.0
16. Oliver Askew 5 6 5 3 5 4.8
17. Oliver Rowland 4 6 4 5 4 4.6
18. Dan Ticktum 4 5 5 4 3 4.2
19. Jean-Eric Vergne 3 5 4 4 5 4.2
20. Maximilian Günther 3 6 4 4 2 3.8
21. Oliver Turvey 2 5 4 3 3 3.4
22. Antonio Giovinazzi 4 4 5 1 1 3.0

 

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