Formel E

DER LETZTE TANZ: Die Formel-E-Laufbahn von BMW im Rückblick (2/3)

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Am 14. und 15. August 2021 endet für die Formel E eine Ära. Auf dem ehemaligen Flughafen in Berlin-Tempelhof verabschieden sich mit Audi und BMW zwei namhafte Automobilhersteller aus dem Feld der Elektrorennserie. Nach einem nur drei Saisons dauernden Programm bleibt für BMW ein Nachgeschmack von verpassten Möglichkeiten und unvollendeter Arbeit, aber auch von einigen guten Erinnerungen. Ein Rückblick.

Zum ersten Mal nahm das BMW-Werksteam beim Diriyya E-Prix 2018 an einem offiziellen Formel-E-Rennen teil. Die denkwürdige Performance von Antonio Felix da Costa, der beim BMW-Debüt auf Anhieb siegte, zählt rückblickend wohl zu den größten Geschichten der Gen2-Ära.

Die Historie des deutschen Formel-E-Teams startet jedoch - wie so oft im Rennsport - deutlich vor dem Auftakt in Saudi-Arabien. Denn bereits im ersten Jahr der Formel E wurde die BMW-Führungsetage auf die neue Rennkategorie aufmerksam. Damals suchte die Formel E einen Partner für die offiziellen Streckenfahrzeuge und wurde mit den (teil-) elektrischen i3- und i8-Modellen in München fündig.

"Tiago, ich brauche meinen Vertrag zurück!"

Aber auch in der Startaufstellung leistete BMW 2014 Pionierarbeit. Antonio Felix da Costa trat damals für das kleine Privatteam Amlin Aguri an, wurde im Gründungsjahr der Formel E gewissermaßen aber auch zur Ein-Mann-Vorhut für BMW.

Dabei erkundigte er sich nach chaotischen Testfahrten in Donington (in Felix da Costas Worten: "Da standen zwei Mechaniker in Straßenkleidung und ein Werkzeugkasten auf dem Boden") bereits bei seinem Manager Tiago Monteiro nach einem Weg, um den unterschriebenen Vertrag mit Aguri aufzulösen. Wie knapp der Portugiese 2014/15 vor einem Vertragsaus in der Formel E stand, verriet er erst Jahre später.

Parallel zu seinem Formel-E-Programm startete Felix da Costa für BMW-MTEK in der DTM. Bei einem Test im Sommer 2014 traf er auf den damaligen Motorsportchef Jens Marquardt. "Er hat gesagt: 'Nein, du musst das machen. Wir brauchen dich dort, auch wenn wir nicht sagen können, warum'", erinnert sich Felix da Costa.

"Ich habe also wieder das Telefon in die Hand genommen und gesagt: 'Tiago, ich brauche meinen Vertrag zurück!''

Noch in der ersten Saison inspizierte außerdem unter anderem Adam Baker, damals Renn- und Testleiter von BMW, zwischenzeitlich FIA-Sicherheitsdirektor und laut Medienberichten mittlerweile der Leiter eines möglichen Formel-1-Projekts von Audi, das Formel-E-Paddock in Malaysia. Baker berichtete direkt an Marquardt, der zu Beginn der Saison 2015/16 die ersten Ingenieur:innen zum US-amerikanischen Team Andretti Autosport in die Formel E entsandte.

Steter Tropfen...

Ein Jahr später wechselte auch Felix da Costa von Amlin Aguri zu Andretti. Und während sich alsbald die ersten Vorstandsmitglieder bei Formel-E-Rennen blicken ließen, zeichnete sich spätestens im Herbst 2016 ab, welchen Plan Marquardt rund zwei Jahre zuvor mit Felix da Costa verfolgte. Schritt für Schritt wuchs der BMW-Einfluss bei Andretti.

In der Saison 2017/18 platzierte der Konstrukteur das Logo von BMW i prominent auf den von der Versicherung MS&AD gesponserten Fahrzeugen. Und während in den Garagen zu diesem Zeitpunkt gewissermaßen nur noch mit Andretti-Hemden verkleidete BMW-Mechaniker:innen arbeiteten, begann der Brite Alexander Sims im Hintergrund mit der Entwicklungsarbeit am ersten BMW-Motor für die Formel E.

Hoher Flug in Diriyya, tiefer Fall in Marrakesch

Trotz eines verpatzten Herstellertests, bei dem das Team nach einer technischen Fehlfunktion alle LKW aus Monteblanco zurückrief, gab es bei der Präsentation des BMW iFE.18 somit keine Überraschungen: Sims und Felix da Costa sollten die blau-weißen Fahrzeuge in der ersten Saison der Münchner pilotieren. Wie wertvoll die jahrelange Vorbereitungsarbeit war, zeigte der Portugiese schon im ersten Rennen des BMW-Werksteams.

Nach einem kuriosen Regen-Qualifying beim Saisonauftakt in Diriyya triumphierte Antonio Felix da Costa mit einer herausragenden Einzelleistung und feierte einen Start-Ziel-Sieg. Besser hätten weder der Start in seine Formel-E-Laufbahn als BMW-Pilot noch der Elektro-Auftakt für die Marke selbst laufen können. Somit wurde der Diriyya E-Prix, zugleich das erste Gen2-Rennen für die Formel E, in vielerlei Hinsicht historisch.

Beflügelt vom Erfolg reiste das Team kurz nach dem Jahreswechsel zum Marrakesch E-Prix. Auf dem Circuit International Automobiles Moulay el Hassan, zwischen 2016 und 2020 mehrfach Teil des Formel-E-Kalenders, schafften beide Fahrer den Sprung in das Top-6-Shoot-out des Qualifyings. Felix da Costa und Sims qualifizierten sich dort zwar "nur" auf den Positionen 3 und 5, arbeiteten sich im Verlauf des E-Prix aber erwartungsgemäß an die Spitze und kämpften die Führung. Fünf Runden vor der karierten Flagge sah eigentlich alles nach einem sicheren Doppelsieg aus.

Dieses Mal endete das Duell allerdings im GAU: Die Teamkollegen kollidierten vor der schnellen Kurve 7, rutschten von der Strecke und nahmen sich gegenseitig aus dem Kampf um den Sieg!

Während Sims den E-Prix immerhin auf Platz 4 abschloss, endete Felix da Costas Rennen in einem Reifenstapel. Zerknirscht stellten sich beide nach dem Lauf der internationalen Presse, um den Vorfall herunterzuspielen. Doch der teaminterne Motivationsrückschlag war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu korrigieren.

Antonio Felix da Costa konnte seinen Diriyya-Sieg bis zum Jahresende nicht wiederholen, auch wenn er im Verlauf der Saison mehrere Punkte- und sogar drei Podiumsergebnisse einfuhr. Sims rutschte ins Mittelfeld der Formel E ab und schien erst bei der letzten Kalenderstation in New York aus seinem Formtief zu erwachen.

Irgendetwas, so der Grundtenor im Fahrerlager, änderte sich nach dem Marrakesch-Debakel an der Leichtfüßigkeit des Teams. BMW wurde vom Topfavorit zu einem Kandidaten für die Teilnehmerurkunden.

Das Fazit vieler Beobachter:innen nach dem ersten Jahr als Werksmannschaft: "Stark angefangen, aber ebenso stark nachgelassen." Hinzu kamen einige interne Unzufriedenheiten. Unter anderem nach dem enttäuschenden "Doppel-Nuller" beim Bern E-Prix soll es hinter den Kulissen lauter geworden sein. Trotz des dominanten Starts in die erste Saison als Werksteam konnte BMW das Jahr nur auf Platz 5 im Gesamtstand beenden.

Frischer Wind durch Maximilian Günther

Vor der Saison 2019/20 war eine Neuaufstellung der Münchner bitter nötig. Antonio Felix da Costa verließ den Rennstall in Richtung des amtierenden Meisterteams DS Techeetah, stattdessen bot BMW dem bisherigen Dragon-Fahrer Maximilian Günther einen Vertrag an. Die Verpflichtung des damals 22-Jährigen sollte zu einem echten Glücksgriff werden.

Die Vorsaison-Testfahrten schloss der Allgäuer mit der Wochenbestzeit ab. Zwar gilt die Aussagekraft der Valencia-Tests in jedem Jahr als beschränkt, schließlich wurde der Rundkurs für Grands Prix in der MotoGP und F1-Tests gebaut, nicht aber für Formel-E-Rennen. Trotzdem dürfte Günthers Leistung beim Test dringend benötigten frischen Wind in die BMW-Teamstrukturen gebracht haben.

Wieder einmal startete die Saison in Diriyya - und wieder einmal triumphierten die Münchner. Dieses Mal gelang Sims und Günther bei "einem absoluten Traumrennen" der Doppelsieg, auf den das Team seit Marrakesch 2019 gewartet hatte. Aufgrund eines unerlaubten Überholmanövers während einer Safety-Car-Phase verlor Günther zwar nachträglich sein Podium am Debütwochenende.

Die Gewissheit über das, was mit dem BMW-Paket 2019/20 möglich sein könnte, spornte das Team vor dem zweiten Rennwochenende in Chile dennoch an. In der Hitze von Santiago - während des Rennens wurde Lufttemperaturen von 34,1 Grad Celsius gemessen - bewahrte Günther bis zum Schluss einen kühlen Kopf.

Dank eines Überholmanövers in der letzten Runde, bei dem der Deutsche ausgerechnet seinen BMW-Vorgänger Felix da Costa passierte, krönte sich Maximilian Günther im Alter von 22 Jahren, 6 Monaten und 16 Tagen zum damals jüngsten Rennsieger in der Formel-E-Geschichte. In Marrakesch schaffte er es wenige Wochen später abermals aufs Podium, ehe die Elektrorennserie durch die Coronavirus-Pandemie in eine "Zwangspause" gedrängt wurde. Zum Zeitpunkt der Saisonunterbrechung lag BMW auf einem soliden zweiten Platz in der Teamwertung.

Heimsieg in Berlin, Sims enttäuscht

Von der guten Form war beim Saisonneustart in Berlin-Tempelhof hingegen nur noch wenig zu spüren. Das Sechsfach-Finale auf dem ehemaligen Flughafen startete für Günther mit den Plätzen 9 und 19 sowie jeweils einem DSQ- und DNF-Resultat für Sims. Einzig die Qualifying-Ausgangslage, bei der BMW durch die Teilnahme in der ersten Gruppe stets mit schlechterem Grip zu kämpfen hatte, konnte den plötzlichen Leistungsschwund erklären.

Zusätzliches Beweismaterial für diesen Verdacht sammelten die Münchner an Tag 3, als Günther zum ersten Mal seit seinem Santiago-Sieg in Qualifying-Gruppe 2 antrat - und es prompt in die erste Startreihe schaffte. Als hätte BMW zwischen dem ersten und zweiten Teil des Marathon-Finals einen Schalter umgelegt, stürmte der Deutsche zu einem unangefochtenen Heimsieg. Dass der dritte Berlin E-Prix dennoch zum letzten Rennen in der Saison, bei dem BMW die Punkte erreicht, werden sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl noch niemand.

Durch seinen Erfolg am Vortag katapultierte sich Günther zurück in Qualifying-Gruppe 1. Von dort aus gelang ihm abermals nur ein enttäuschender Startplatz im hinteren Mittelfeld, im Fahrerlager liebevoll "Kohlefaser-Zone" genannt. Bereits in der ersten Runde wurde er in einen Unfall verwickelt und schied aus. Die bittere Erkenntnis: Ohne bessere Qualifying-Positionen war eine Trendwende in Berlin annähernd unmöglich.

Da auch Günthers Teamkollege Sims, abgesehen von seinem Auftaktsieg in Diriyya, weit unter dem Soll blieb, endete die Saison 2019/20 mit einer enttäuschenden Bilanz: BMW sammelte nur 118 Punkte, 90 davon vor Berlin. Nach einem herausragenden Start in das Rennsportjahr erreichte das Team wieder nur Platz 5.

Im Einvernehmen trennte sich das Rennteam in der Sommerpause von Alexander Sims, der 2021 bei Mahindra Racing eine neue Heimat in der Formel E fand. An seine Stelle rückte überraschend Jake Dennis auf, der zuvor für Aston Martin in der DTM antrat.

"Das Blutbad von Valencia"

Der Fahrertausch war jedoch nicht der einzige Personalwechsel zwischen den Saisons. Nach 25 Jahren bei BMW Motorsport verließ Jens Marquardt im November 2020 mehr oder weniger überraschend seinen Posten für eine neue Rolle als Leiter des Pilotwerks für den Prototypenbau aller Serienmodelle der BMW Group.

Interimsmäßig übernahmen der BMW-M-Geschäftsführer Markus Flasch und Mike Krack die Führung des Formel-E-Teams. Für das, was sich anschließend hinter den Kulissen abspielte, gilt die personelle Neuaufstellung als Schlüsselmoment.

Wenngleich es durch die unzufriedenstellenden Ergebnisse schon zuvor bei BMW rumorte, löste die Audi-Ausstiegskündigung offenbare eine Kette von Ereignissen aus, über die binnen kürzester Zeit entschieden wurde. Laut eines Berichtes von 'Motorsport-Magazin.com' endeten mehrere Krisenmeetings in München mit einem Anruf von Markus Flasch, der zuvor wohlgemerkt noch nie ein Formel-E-Fahrerlager betreten hatte, bei Alejandro Agag.

30 Minuten später ging eine erste Pressemitteilung über den Nachrichtenticker der Deutschen Presseagentur dpa: "Motorsport: BMW fährt nur noch eine Saison in der Formel E". Eine Viertelstunde darauf bestätigte BMW den Ausstieg in einer Texttafel auf Twitter.

"Das Blutbad von Valencia", wie zynische Zungen die Entscheidung anschließend betitelten, begründete das Unternehmen mit den strikten Entwicklungsbeschränkungen in der Formel E. Das Potenzial der Elektroserie habe BMW "weitestgehend ausgeschöpft", hieß es, weshalb man sich verstärkt auf die Produktion von Serienfahrzeugen fokussieren wolle. Später konterkarierte Flasch diese Argumentation: Die Formel E erreiche nicht genügend Fans, um einen weiteren Verbleib von BMW zu rechtfertigen.

Was sich genau hinter den Kulissen abspielte, wird wohl noch für einige Zeit Geheimsache bleiben. Faktisch blieben BMW Motorsport (seit April 2021 unter dem Dach von BMW M), Günther und Dennis jedoch wenig anderes übrig, als sich auf die sportliche Herausforderung im dritten - und letzten - Jahr in der Formel E zu konzentrieren.

Dennis überzeugt in letztem Werksjahr

Die Saison 2021 startete ähnlich erfolglos, wie die Saison 2020 endete. Günther schaffte es in keinem der zwei Diriyya-Rennen ins Ziel, Dennis' Feuertaufe endete in einem Unfall mit Pascal Wehrlein (Porsche).

Die Eingewöhnungszeit des Briten endete allerdings spätestens beim Valencia E-Prix - vielleicht waren die Vorsaison-Tests doch für etwas gut - mit einem Paukenschlag. Über 29 Runden hielt er hohem Druck von Andre Lotterer (Porsche) und Alex Lynn (Mahindra) stand, trotzte den befürchteten Windschattenduellen und münzte seine Pole-Position in den ersten Formel-E-Sieg seiner Karriere um.

In Puebla fügte Dennis seiner Statistik zwei weitere Top-5-Ergebnisse hinzu. Und während Maximilian Günther nach einer durchwachsenen ersten Saisonhälfte in New York triumphierte, wiederholte Dennis seinen Top-Erfolg sogar beim London E-Prix. Zwei Rennen vor dem Ende der Saison ist der Brite Gesamtvierter, BMW liegt bereits jetzt mit deutlich mehr Punkten als in der vorausgegangenen Saison auf Position 5 in der Teamwertung.

Das Abschlussjahr in der Formel E könnte für die Münchner somit womöglich zum erfolgreichsten in der Teamgeschichte werden. Gerade einmal 22 Zähler trennen BMW von der WM-Führung - rechnerisch ist also sogar noch der Titel möglich.

Es heißt, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Es wäre keine Überraschung, wenn es dem BMW-Werksteam in Berlin gelingen würde, dieses Sprichwort in die Realität umzusetzen.

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