Formel E

Dragon trotz erster Formel-E-Punkte in London unter den Möglichkeiten: "Sehe aus wie ein Clown!"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Dragon Penske Autosport hat in London endlich seine ersten WM-Punkte der Saison 2022 eingefahren. Sergio Sette Camara wurde im Sonntagsrennen Neunter und erzielte somit die ersten beiden Zähler für die US-Amerikaner seit mehr als einem Jahr. Dennoch war der London E-Prix ein Wochenende der vergebenen Chancen für Dragon, denn nach durchaus beeindrucken Qualifying-Leistungen war deutlich mehr drin, was auch Sette Camara nervt.

An beiden Renntagen schaffte es ein Dragon-Pilot in die Duellphase der Qualifikation. Nachdem Sergio Sette Camara am Samstag bei seiner dritten Duellteilnahme den Penske EV-5 auf den vierten Startplatz gestellt hatte, zeigte Antonio Giovinazzi im Qualifying am Sonntag eine herausragende Leistung und erzielte sogar Platz 3 - endlich das erste Formel-E-Highlight für den ehemaligen Formel-1-Fahrer.

Im Rennen lief es trotz der zweiten Startreihe nicht gut für beide Piloten. Sette Camara war am Samstag lange Zeit auf Punktekurs unterwegs, bevor ihm in der letzten Runde der Strom ausging. Statt eines guten Ergebnisses gab es somit einen Ausfall. Was sich für die Fernsehzuschauer:innen anhand der eingeblendeten Energiewerte bereits andeutete, kam für den Brasilianer hingegen komplett überraschend: "Ich habe einen Rampdown, das System ist scheiße!", schimpfte Sette Camara während der letzten Runde über den Boxenfunk. "Ich sehe aus wie ein Clown, und alle halten mich für einen Idioten."

"Es hieß, ich hätte noch eine große Menge Energie übrig, also gibt es ein Problem mit unseren Systemen", sagte Sette Camara nach dem Rennen bei 'The Race'. "Dann ging das Auto einfach aus. Ich war in der Mitte des dritten Sektors, als ich in Kurve 16 einbog, und ich dachte: 'Moment mal, was ist das? Habe ich noch Energie übrig oder nicht?'"

"Das Schlimmste war, dass wir einen großen Vorsprung hatten, sodass wir zum Beispiel in den letzten drei Runden hätten langsamer fahren können, um die geringere Energiemenge über diese drei Runden zu verteilen. Wir hätten das Rennen beenden können, ohne Plätze zu verlieren, wenn wir Energie gespart hätten. Aber weil wir das nicht wussten, habe ich weiter gepusht. Mein Display im Auto zeigte mir an, dass ich noch viel Energie übrig hatte, und dann ging der Motor aus!"

Dragon-Ingenieursteam besteht aus fünf Mitarbeiter:innen

Eine Ursache ist womöglich, dass Dragon mit Abstand das kleinste Team der Formel E ist und deutlich weniger Personal hat als die Konkurrenz. "Normalerweise haben die Teams unterschiedliche Abteilungen: für Simulationen, fürs Rennmanagement, für die Systemkontrolle, die Zuverlässigkeit - sie haben eigentlich für alles eine Abteilung. Bei uns sind es fünf Leute, die das Team an allen Fronten operativ führen", beschreibt der Brasilianer.

Diesen Leuten will er keinen Vorwurf machen, auch wenn das Ergebnis natürlich auch auf ihn zurückfällt: "Ich glaube, ohne sie wären wir in einer schlechteren Verfassung. Wir haben fünf supereffiziente Leute, die an unserem Auto arbeiten, die anderen Teams haben 60 Ingenieure. Es ist schwer, auf diesem Niveau zu konkurrieren", beschreibt er. "Das sehen die Leute vor dem Fernseher aber nicht. Ich sehe aus wie ein Clown, der einen 10-Sekunden-Vorsprung hatte und das Rennen dann ohne Energie beendet hat. Das ist definitiv nicht gut für das Image."

"Ich habe das Gefühl, wenn ich ein schnelles und gutes Auto hätte, könnte ich mit den Topfahrern auf einem Niveau fahren, Podiumsplätze erreichen und Rennen gewinnen", ist er sich sicher. "Hoffentlich habe ich in den nächsten Jahren diese Chance."

Am Sonntag war seine Ausgangslage deutlich schlechter: Nur Startplatz 17 für den Brasilianer, während sein Teamkollege erstmals die Duellphase des Qualifyings erreichte. Im Rennen hielt sich Sette Camara jedoch aus allen Scharmützeln heraus, während mehrere Konkurrenten nach Unfällen ausschieden oder Strafen erhielten. Auch das Energiemanagement funktionierte am Sonntag deutlich besser, sodass Sette Camara ein unauffälliges Rennen auf dem neunten Platz beendete. Es waren die ersten beiden WM-Zähler im Jahr 2022 für das Team.

Giovinazzi feiert Startplatz 3 im Qualifying, fällt im Rennen jedoch zurück

Antonio Giovinazzi gelang es in London erstmals seit seinem Formel-E-Einstieg, sein Potenzial zu zeigen: Der Italiener beendete die Gruppenphase des Qualifyings am Sonntag sensationell als Zweiter. Im Viertelfinalduell dann die nächste Überraschung: Giovinazzi setzte sich mit einer fehlerfreien Runde gegen Nyck de Vries durch. Im Halbfinale scheiterte er knapp an Lucas di Grassi. Da er jedoch auch schneller als Antonio Felix da Costa fuhr, bedeutete dies den dritten Startplatz für ihn.

Im Rennen konnte er diesen jedoch nicht lange verteidigen: Bereits in der fünften Runde stellten die FIA-Sensoren fest, dass Giovinazzis Dragon zu viel Leistung aus seiner Batterie abgerufen hatte. Ein technisches Vergehen, an dem der Fahrer zwar keine Schuld trägt, aber dennoch mit einer Durchfahrtsstrafe bestraft wird. Zuvor verteidigte der Dragon-Pilot seinen dritten Platz hart gegen den drängelnden Felix da Costa - nach Ansicht der Rennkommissare zu hart: Sie bestraften die Aktion mit einer Zeitstrafe von fünf Sekunden.

Nach knapp 27 Minuten war das Rennen für den Italiener schließlich zu Ende: Giovinazzi stellte seinen Boliden an der Box ab. Statt eines guten Ergebnisses, worauf man nach dem herausragenden Qualifying durchaus hoffen durfte, verlässt Giovinazzi London mit zwei Ausfällen.

Die letzte Möglichkeit auf WM-Zähler in seiner Debütsaison hat Giovinazzi in rund zwei Wochen: Dann steht in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul das Final-Wochenende der Formel-E-Saison 2022 an. Auch dort finden wieder zwei Rennen statt.

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