Formel E

"Ein Albtraumszenario" - Das sagen die Beteiligten über den wohl schwersten Unfall der Formel-E-Geschichte

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Edo-Mortara-Crash-Car-Rome-2023

Ein Massencrash hat das Formel-E-Rennen am Samstag in Rom überschattet. Insgesamt acht Fahrzeuge waren in die Kollision involviert, die sich an einer der schnellsten Stellen des Circuito Cittadino dell'EUR ereignete. Alle Fahrer blieben dabei unverletzt. Nach dem Rennens äußerten sich die Beteiligten zum vielleicht schwersten Unfall in neun Jahren Formel E. Antonio Felix da Costa ist sich sicher, dass der Halo-Schutzbügel sein Leben gerettet habe.

Jaguar-Pilot Sam Bird hatte in Kurve 6 auf einer Bodenwelle die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Er schlug rückwärts in die Mauer ein und kam unmittelbar hinter der Kurve zum Stehen. Da diese Stelle von den Fahrern "blind" durchfahren wird, konnten die herannahenden Piloten Sebastien Buemi und Edoardo Mortara dem Jaguar nicht ausweichen.

In der Folge wurden auch Antonio Felix da Costa, Lucas di Grassi und Robin Frijns in die Kollision verwickelt und schieden unmittelbar aus. Aber auch die Gen3-Boliden von Jean-Eric Vergne, Norman Nato, Stoffel Vandoorne und Pascal Wehrlein wurden beschädigt. Die Rennleitung brach das Rennen sofort ab, um das Trümmerfeld zu räumen. Erst nach mehr als 40 Minuten Unterbrechung konnte das Rennen mit den 13 verbliebenen Fahrzeugen fortgesetzt werden.

"Ich habe einen Gullideckel in einem unglücklichen Winkel erwischt, und er hat mich in die Mauer geschickt", beschreibt Bird die Ursache für die Massenkollision gegenüber e-Formel.de. "Danach ist das Auto wieder zurück auf die Ideallinie geschlittert. Das war ein wirklich beängstigender Crash. Ich bin sehr froh, dass es allen gut geht."

Noch während des Rennens beschrieb sein Vorgesetzter, Jaguar-Teamchef James Barclay, im TV-Weltsignal: "Das war ein sehr, sehr böser Unfall, ein echtes Albtraumszenario. An der schnellsten Stelle der Strecke in einer blinden Kurve... Das Wichtigste ist, dass das Auto (die Crashstruktur des Gen3-Fahrzeugs) stabil geblieben ist. Es hat seinen Job gemacht und die Fahrer geschützt."

Felix da Costa: "Das Halo hat heute mein Leben gerettet"

Der erste Fahrer, der mit hoher Geschwindigkeit in das stehende Auto von Bird raste, war Sebastien Buemi. "Es war ein bisschen Pech, wie Sam auf die Strecke zurückgerollt ist", beschreibt der Schweizer gegenüber e-Formel.de. "Es gab zu dem Zeitpunkt noch keine Flaggen. Die Kurve ist blind, du kommst mit Vollgas dort an. Und dann siehst du ein Auto quer stehen. Ich konnte weder links noch rechts an ihm vorbeifahren, denn bei der Geschwindigkeit kannst du nicht einfach lenken, sonst drehst du dich. Es gab nichts, was ich hätte tun können. Es war ein schwerer Unfall, das ist natürlich sehr frustrierend."

Als nächstes erwischte es Porsche-Pilot Antonio Felix da Costa mit aller Härte. Das Fahrzeug von Buemi kam quasi von der rechten Mauer aus geflogen und krachte auf den Cockpit-Bereich des Portugiesen. "Das Halo hat heute mein Leben gerettet, da bin ich mir zu 100 Prozent sicher. Das war der beängstigendste Moment meines Lebens", erklärt Felix da Costa gegenüber e-Formel.de. "Buemi und ich waren die Ersten, die ohne jede Warnung und natürlich sehr schnell an der Stelle ankamen. Wir hatten keine Chance. Ich bin einfach glücklich, dass es mir und allen anderen gutgeht."

Der Dritte, der mit voller Wucht in den stehenden Jaguar crashte, war Edo Mortara. Er traf Bird relativ zentral an der Flanke, kam aber ebenfalls unbeschadet davon. "Es geht mir gut, danke", sagt der Schweizer uns gegenüber und erklärt die Situation: "Ich hatte zum Glück schon ein bisschen abgebremst, als ich die gelben Flaggen sah, aber leider konnte ich hinter der Kurve nichts sehen. Ich hatte keine Chance, ihm auszuweichen. Das war ein heftiger Crash."

Müller: "Das hätte richtig ins Auge gehen können"

"Das ist eine blinde Kurve", erklärt ABT-Cupra-Pilot Robin Frijns, der ebenfalls infolge des Unfalls ausfiel, bei ProSieben. "Wir kommen dort mit 160 oder 170 km/h an. Ich habe die gelbe Flagge gesehen, also ging ich vom Strompedal. Und auf einmal stehen da zwei Autos mitten auf der Strecke, genau auf meiner Linie. Wenn man bei dem hohen Tempo bremst, verliert man das Heck, und genau das ist mir passiert. Ich habe ihn (Bird) leicht berührt und mein Auto hinten links beschädigt, damit war mein Rennen vorbei. Aber das Auto von Sam (Bird) sah echt schlimm aus."

Frijns' Teamkollege, Nico Müller, war einer der glücklichen Fahrer, die unbeschadet durch das Trümmerfeld kamen. Nach dem Rennen schilderte er die Situation am Mikrofon von e-Formel.de: "Genau davor hatte ich Angst, dass so etwas passiert. Wir wissen, dass Kurve 6 schwierig ist, gerade mit diesen Autos. Das ist keine Kurve mehr wie früher, durch die du einfach mit Vollgas durchfährst. Du bist voll am Limit. Das hätte richtig ins Auge gehen können."

Auch McLaren-Fahrer Jake Hughes war der schnellen Linkskurve 6 bereits im Qualifying zum Opfer gefallen und konnte durch seinen Einschlag und die damit verbundenen Reparaturarbeiten nicht zum Rennen starten. So verfolgte er die Massenkarambolage im TV. "Das ist in diesem Jahr mit dem Gen3-Auto offensichtlich eine ziemlich heikle Stelle", sagte er bei ProSieben. "Ich habe eine Bodenwelle auf der Rennlinie getroffen. Wenn das Auto einmal aufsetzt und dann abhebt, bist du nur noch Passagier. Sam (Bird) war wohl an einer etwas anderen Stelle als ich. Ich bin nur froh, dass es allen gutgeht."

Anpassungen am Streckendesign nötig? Fahrer sind sich uneinig

Ist die rasante Bergaufpassage in der Gen3-Ära der Formel E zu gefährlich geworden? Diese Frage stellten wir nach dem Rennen verschiedenen Fahrern - und erhielten sehr verschiedene Antworten. Einer, der die schnelle Kurve 6 gern verändern würde, ist wenig überraschend Sam Bird. "Sie müssen die Gullideckel anpassen. Die Stelle ist einfach zu schnell, um derartige Bodenwellen und Gullis dort zu haben. Für mich ist das zu viel. Klar, in 99 Prozent der Fälle kommst du da heil durch, aber es braucht nur einen klitzekleinen Fehler - der nicht mal wirklich ein Fehler war..."

Auch Müller findet, die Formel E sollte sogar kurzfristig reagieren: "Ich glaube, da muss man sich etwas für morgen überlegen, zum Beispiel doppelt Gelb schwenken", erklärt uns der Schweizer. Birds Vorschlag, sich die Gullideckel vorzuknöpfen, findet er gut: "Das ist natürlich mehr Aufwand, würde sich an der Stelle aber schon lohnen, glaube ich."

Felix da Costa vertritt eine andere Meinung: "Irgendwo denke ich schon, dass das zum Rennsport dazugehört. Wir fahren auf Straßenkursen mit hohen Geschwindigkeiten, da kann so etwas passieren", so der Porsche-Fahrer.

In dasselbe Horn stößt auch Mortara: "Das ist eine schwierige Kurve, aber davon haben wir viele in dieser Meisterschaft. Wir sind es gewohnt, auf Straßenkursen zu fahren, auf denen es Highspeed-Kurven und viele Bodenwellen gibt. Es ist nur unpraktisch, dass die Kurve blind ist. Wenn sich dann ein Auto dreht, kannst du es nicht sehen, aber das ist alles. Es war einfach ein sehr unglücklicher Zwischenfall."

Vor dem Sonntagsrennen in Rom haben fast alle Teams Reparaturarbeiten vor sich. Diverse neue Chassis sollen über Nacht aufgebaut werden. Einem tut dies besonders leid: Sam Bird, der in dieser Saison schon mehrere schwere Unfälle erlitt sowie zwei teaminterne Kollisionen verursachte. "Meine Jungs haben wahrscheinlich die Schnauze voll davon, meine Fehler ausbügeln zu müssen. Wir werden ein Ersatzchassis einsetzen müssen. Dieses Auto ist nicht mehr für Motorsport zu gebrauchen", so der konsternierte Brite.

zusätzliche Berichterstattung durch Timo Pape

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1 Kommentare

EffEll ·

Ich habe das Rennen leider erst jetzt schauen können.
Ich glaube heute hat gezeigt, dass es Zeit wäre, über die gelben Flaggen und wie die Fahrer diese interpretieren zu diskutieren. Offenbar gelten diese den Formel E Fahrern eher als Handlungsempfehlung, statt als Pflicht.
Das hatte den Fahrern ja die nachträgliche Aufhebung der Zeitstreichung der 5. und letzten schnellen Runde des Gruppen-Qualifying von Sam Bird gezeigt, dessen Runde trotz Bestzeiten in den Minisektoren an der Stelle (lt. Aussage Florian Modlingers) trotz Gelb rückwirkend nach Einspruch gewertet wurde. Obwohl es augenscheinlich den Eindruck machte, als hätte er nicht nennenswert verzögert hatte.

Genau wegen dieser Diskussion wurde im Motorsport doch die doppelt geschenkten gelben Flaggen bei akuten Gefahrensituationen wie solcher des Drehers von Bird im Rennen eingeführt. Gibt es die denn in der Formel E nicht? Unter der müssen die Fahrer m. W. soweit verzögern, dass sie jederzeit anhalten können. Das hätte diese Kettenreaktion wohl weitgehend verhindern können.

Ohne die neue Rennleitung infrage stellen zu wollen, hätte man diesen Vorfall m. M. n besser regeln können und offenbar wäre es auch mal angebracht, die Fahrer in dem Thema in die Verantwortung zu nehmen und zu sensibilisieren. Deren scheint die Ernsthaftigkeit der gelben Flaggen offenbar irgendwie abhanden gekommen zu sein.

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