Formel E

"Ein massiver Fehler" - War der angeordnete Platztausch beim Formel-E-Rennen in Berlin regelwidrig?

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Teil des chaotischen Samstagsrennens der Formel E in Berlin war eine kurzzeitig ausgerufene Full-Course-Yellow-Phase nach dem Ausfall von Joel Eriksson. Diese wurde nach kurzer Zeit in eine Safety-Car-Phase überführt. Rennleiter Scot Elkins wies kurz darauf mehrere Fahrer über Funk an, Positionen zu tauschen, um eine bestimmte Reihenfolge wiederherzustellen. Insbesondere ABT-Pilot Lucas di Grassi, der in diesem Zuge gleich zwei Positionen abgeben musste, war nach dem Rennen stocksauer - im Regelwerk ist ein solcher Fall nämlich überhaupt nicht vorhanden.

"Eigentlich habe ich Rowland vor der Gelbphase überholt", erläutert Lucas di Grassi nach dem Rennen im Gespräch mit e-Formel.de (siehe Foto). "Ich wurde dazu gezwungen (die Position zurückzugeben). Aber diese Regel gibt es gar nicht! Es gibt kein Szenario bei einer Full-Course-Yellow-Phase, bei dem man eine Position zurückgeben muss. Das war ein massiver Fehler!"

"Bei einer Safety-Car-Phase gibt es das schon, da zählt die vorherige Messung", beschreibt er weiter. "Aber bei Full-Course-Yellow drückt man (als Fahrer) ja den 50 km/h-Knopf. Man muss also ab einem bestimmten Zeitpunkt 50 km/h fahren. Entweder liegt man zu dem Zeitpunkt vorn oder ist eben illegal vorbeigefahren. Aber dann bekommt man eine Durchfahrtsstrafe und kann nicht einfach die Position zurückgeben."

"Ich habe noch nie in der Geschichte des Motorsports gehört, dass man bei einer Full-Course-Yellow die Position zurückgeben muss", lehnt er sich weit aus dem Fenster. "Das gibt es nicht. Weil es vom Reglement her keinen Sinn ergibt."

Platztausch nicht regelkonform, doch Problem liegt woanders

Das Sportliche Regelwerk deckt die Aussage des ABT-Piloten. Hier ist in Paragraph 39 explizit ausgeführt, dass nach dem Auslösen der Full-Course-Yellow-Phase die Autos auf 50 km/h verlangsamen und in einer Reihe hintereinander herfahren müssen. In den Fernsehaufnahmen ist zu sehen, dass Mitch Evans und Oliver Rowland mit Ausrufen der Full-Course-Yellow neben dem ABT-Piloten fuhren, aber auch im Zentimeterbereich hinter ihm liegen.

Erst später sortieren sie sich hinter ihm ein. Der durch die Rennleitung angeordnete Platztausch ergibt dadurch auf den ersten Blick noch weniger Sinn, zumal dieser im Reglement auch überhaupt nicht vorkommt.

Ein Teil des Problems liegt aber noch ganz woanders: Anders als eine Safety-Car-Phase tritt eine Full-Course-Yellow-Phase erst nach fünf Sekunden in Kraft, wenn die Rennleitung von fünf auf null heruntergezählt hat. So lange haben die Fahrer Zeit, das Tempo auf 50 km/h zu reduzieren.

Insbesondere bei Rennen wie in Berlin, wo teilweise vier oder fünf Fahrzeuge nebeneinanderfuhren, kann so eine Unklarheit über die eigentliche Reihenfolge entstehen, weil ein Fahrer möglicherweise bereits nach vier Sekunden das Tempo reduziert hat, ein anderer jedoch erst eine halbe Sekunde später.

Spätes Bremsen "Teil des Spiels"

Das sieht auch di Grassi ein: "Es ist Teil des Spiels: Man muss so spät wie möglich reagieren - aber innerhalb der Regeln. Entweder man bewegt sich also außerhalb der Regeln oder man sollte die Position nicht zurückgeben. Das ist eine ganz einfache binäre Entscheidung - Schwarz oder Weiß."

Auch wenn das Prozedere nicht dem Regelwerk entsprach - es ist passiert. "Das hat die Dynamik meines Rennens verändert", schimpft ein sichtlich verärgerter di Grassi. "Ich habe in der Full-Course-Yellow-Phase zwei Positionen verloren, was zu einer Reihe von Folgeereignissen führte." Damit meint der Brasilianer den Unfall mit ERT-Pilot Dan Ticktum, der ihn kurz nach dem Ende der Safety-Car-Phase aus dem Rennen warf.

Vor dem Shanghai E-Prix am kommenden Wochenende sollte sich die FIA diesen Passus im Regelwerk ansehen und sich eine Lösung überlegen. Denn es kann gut sein, dass uns in China ein ähnlich chaotisches Peloton-Rennen erwartet wie in Berlin...

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2 Kommentare

Derbe_klopp_te ·

Was regt sich der Herr denn so auf.
Ich fand das eingreifen der Rennleitung hier vorbildhaft.
In der F1 werden ständig offensichtliche regelverstöße ein halbes REnnen lang untersucht bis das eingreifen zu spät ist oder sehr unverständliche Entscheidungen schnell getroffen.
Genauso wie ich das in dem E-Prix gesehen habe, möchte ich das immer sehen.
Es gibt eine strittige situation, wer zum Zeitpunkt X vorher war oder ob manöver X noch inerhalb oder außerhalb der Track-Limits war.
Die Rennleitung informiert über ihre Meinung da drüber und die Fahrer können reagieren.
Insbesodere innerhalb von VSC, FCY oder SC-Phase bietet es sich geradezu an eine korrigierte Reihenfolge auszurufen.
Wenn es tatsächlich nciht so in den Regeln steht, sollte man es reinschreiben-
Einziger kritikpunkt ist meiner Meinung nach das einzählen der FCY Phase.
-->Vorschlag: Die FCY-Phase wird sofort ausgerufen. Es gilt ab diesem Zeitpunkt überholverbot und erst 5 sek später gilt das 50 km/h limit-->Problem gelöst!

Antwort von Tobias Wirtz

Hallo,

das Problem ist, dass di Grassi keinen Regelverstoß bei sich sieht, sondern der Meinung ist, dass er beim Ausrufen des Safety-Cars bereits vor Rowland (und Evans) lag. Ob dem wirklich so war, können wir nicht beurteilen, dazu benötigt man Zugriff auf die Onboard-Aufnahmen sowie den genauen Zeitpunkt des Ausrufens - keiner weiß, ob die Anzeige im TV-Bild nicht vielleicht mit einer Verzögerung geschieht, genau wie die Übertragung der Funksprüche im TV-Signal.

Beim Ausrufen der folgenden Safety-Car-Phase kurz darauf lag di Grassi jedoch definitiv vor den beiden, ein angeordneter Platztausch war daher nach dem Reglement nicht korrekt. Auf welcher Grundlage die Anweisung erfolgte - weder wir noch die Fahrer oder Teams können das nachvollziehen, und das ist ganz schlecht.

Ob das Regelwerk, so wie es aktuell ist, sinnvoll ist oder nicht - darüber kann man diskutieren. Insbesondere deinen Vorschlag mit dem geänderten Prozedere finde ich persönlich sehr gut. Fakt ist aber auch, dass der Rennleiter sich immer an das halten muss, was dort geschrieben steht. Einen zweiten Michael Masi braucht die Formel E nicht, zumal Scot Elkins in dieser Position in meinen Augen auch seit vielen Jahren einen richtig guten Job macht.

Derbe_klopp_te ·

Danke Tobias für die Rückmeldung.
Ich kann verstehen, dass das für Di Grassi unglücklich gelaufen ist.
Ich würde mich auch aufregen, wenn die Rennleitung mich auf einmal um zwei Positionen nach hinten beordert und ich keinen Anlass dafür sehe.
Aber so wie ich das im Artikel verstanden habe, kritisiert er allgemein, dass die Rennleitung Positionstausche veranlässt. Hier bin ich nicht seiner Meinung. Ein solches vorgehen finde ich gut, es muss nur auf einer nachvollziehbaren Entscheidung fußen.
Sicher könnte man hierzu die regeln noch konkretisieren.
Grundsätzlich finde ich den Rennleiter Scot Elkins klasse.
Das Fass Michael Masi mach ich besser nicht auf. Fand die Entscheidung in AD ok, aber allgemein waren in dieser Saison schon sehr viele Fragezeichen bei der Bewertung verschiedenster Sachverhalte!

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