Formel E

Motorendeal perfekt: Formel-E-Team Envision wird ab Saison 2022/23 Jaguar-Kundenteam

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Jaguar wird ab der Formel-E-Saison 2022/23 den Rennstall Envision Racing mit Antriebssträngen beliefern. Das gaben der britische Hersteller und das Privatteam am Dienstag bekannt. Die "Raubkatze" löst damit in der Gen3-Ära Audi ab - die Ingolstädter haben Envision im aktuell noch laufenden Vierjahreszyklus mit Antriebssträngen ausgestattet. Jaguar und Envision erhoffen sich entscheidende Wettbewerbsvorteile durch die neue Allianz.

Die Einigung zwischen beiden Parteien ist das Ergebnis umfangreicher Verhandlungen, die über mehrere Monate geführt wurden. Bereits in den vergangenen Jahren startete Envision - vor der Saison 2022 noch als "Virgin Racing" bekannt - mit den Motoren anderer Hersteller. Zwischen 2015 und 2018 nutzte das Team die Antriebe des französischen Konstrukteurs DS Automobiles, der anschließend Partner von Techeetah wurde. Seither stattete Audi Envision mit Motoren, Getrieben und Invertern aus.

Durch den im Dezember 2020 angekündigten Formel-E-Ausstieg der Ingolstädter, der zum Ende der laufenden Saison 2022 abgeschlossen wird, suchte Envision in den vergangenen Monaten nach einem neuen Antriebslieferanten. Diesen hat das Rennteam aus Silverstone nun mit Jaguar gefunden. Mit dem Start in die Gen3-Ära wird Envision die Antriebspakete von Jaguar zur Verfügung gestellt bekommen.

James Barclay: "Kundenteam ohne jeden Zweifel ein Vorteil"

In einer virtuellen Medienrunde, an der auch 'e-Formel.de' teilnahm, erklärte Jaguar-Teamchef James Barclay, dass es sich beim Zusammenschluss mit Envision um eine erwartbare Entwicklung handle: "Es haben ja einige Hersteller die Formel E verlassen, also wussten wir schon, dass sich die Balance zwischen Hersteller- und Kundenteams verändern würde. In Gen3 ist die Situation viel ausgeglichener. Die Wahrscheinlichkeit, dass fast alle involvierten Hersteller ein Kundenteam beliefern würden, war ziemlich groß. Das haben wir kommen sehen."

Für Barclay gibt es zwei entscheidende Gründe für die Zusammenarbeit mit Envision. "Im Grunde musst du ja (per Reglement) ein Kundenteam beliefern. Wir haben diese Regel immer unterstützt, weil sie für eine gesunde Meisterschaft sorgt. Wir wussten also um die Wahrscheinlichkeit, dass wir gefragt würden." Tatsächlich sei Jaguar von "mehreren" Kundenteams angesprochen worden - "ich würde sagen, von den meisten."

"Ein anderer Grund ist aber auch die Performance - man schaue sich nur mal Mercedes und Venturi an", gib Barclay zu bedenken. "Vier Autos bedeuten auch viermal Daten. Das ist ohne jeden Zweifel ein Vorteil."

Auch Envision-Teamchef Sylvain Filippi erhofft sich einen Wettbewerbsvorteil von der neuen Allianz: "Für uns ist das eine sehr große und wichtige Entscheidung - wahrscheinlich die wichtigste, die ich alle vier Jahre treffen muss. Sie entscheidet letztlich, wie wettbewerbsfähig wir sein werden. Wir wissen zwar noch nicht genau, wie leistungsfähig der künftige Antriebsstrang sein wird. Aber von allen anderen Dingen kann man sich schon ein ganz gutes Bild machen. Wie sind die Ressourcen? Wie läuft die Entwicklung? Bei all diesen Aspekten konnten wir (hinsichtlich Jaguar) einen Haken setzen."

Neue Strukturen bei Jaguar nötig: "Müssen eine Schippe drauflegen"

Jaguar produziert bereits seit der Formel-E-Saison 2016/17 eigene Motoren, belieferte bis zuletzt aber noch kein Kundenteam. Die Werksmannschaft erreichte in den vergangenen Jahren insgesamt 14 Podestplatzierungen in der Elektroserie, darunter drei Siege. Hinter Mercedes sicherte sich Jaguar in der letzten Saison die Vizeweltmeisterschaft der Teams in der Formel E. Mit Saison 9 warten jedoch vollkommen neue Aufgaben auf James Barclay und sein Team.

"Wir müssten (als Hersteller) natürlich eine Schippe drauflegen, denn bislang hatten wir noch kein Kundenteam", erklärt der Südafrikaner. "Wir müssen also die Infrastruktur dafür neu aufbauen. Es geht darum, die relevanten Leute auf die richtigen Positionen zu bringen, um Envision als Kundenteam bestmöglich zu unterstützen. Das ist unsere Schlüsselaufgabe dabei. Wir sind noch in einer frühen Phase, all diese Strukturen aufzubauen. Aber es gibt schon eine gute Verbindung zwischen unseren beiden Entwicklungsteams."

Für Envision hingegen ist die Situation nicht neu. "Wir haben bereits vier Jahre Erfahrung mit Audi, in denen alles sehr gut funktioniert hat", sagt Filippi. "Was die Strukturen angeht, ist es relativ ähnlich. Es geht vor allem um Prozesse, koordinierte Zeitpläne, Kommunikationskanäle etc. Entscheidend wir einfach sein, dass wir gut zusammenarbeiten."

Gemeinsamer Erfolg an 1. Stelle, kein zweites Kundenteam für Jaguar

Grundsätzlich verfolgen beide Teams zunächst einmal einen gemeinschaftlichen Ansatz, um an die Spitze des Feldes zu kommen. Erst dann gehe es darum, welche Jaguar-Fahrzeuge ganz vorn landen. "Die Formel E ist kompetitiver denn je - darum lieben sie die Fans", erklärt Filippi. "Einst ging es um Sekunden, dann um Zehntel- und inzwischen buchstäblich um Millisekunden zwischen zwei Autos im Qualifying. Dafür brauchst du einen guten Partner."

"Im Rennen geht es erst einmal darum, alle anderen zu schlagen", stellt der Franzose klar. "Und wenn letztlich die Frage im Raum steht, welches unserer beiden Teams gewinnt, hängt es auch von den Fahrern ab, von Qualifying-Runden und so weiter." Diese Ansicht teilen beide Parteien. "Ich wäre der Erste in der Boxengasse, der bei einem Sieg gratulieren würde", so Barclay.

Envision wird zunächst das einzige Kundenteam für Jaguar bleiben, bestätigt Barclay auf Nachfrage von 'e-Formel.de': "Wir haben aktuell nicht die Intention, ein weiteres Kundenteam zu haben. Ich will das natürlich nicht ausschließen, aber auch die Deadline zur Registrierung (15. Januar) ist ja inzwischen beinahe einen Monat verstrichen. Die Regel besagt, dass du zwei Teams beliefern musst - das tun wir jetzt mit unserem eigenen und dem von Envision. Zwei zusätzliche Autos bedeuten natürlich auch immer mehr Arbeit. Manche ziehen das vielleicht in Erwägung, aber wir fühlen uns jetzt ganz wohl."

Jaguars Gen3-Vorbereitung läuft, Envision bekommt Test-Kontingent

Hinter den Kulissen arbeitet Jaguar bereits seit einigen Monaten am Gen3-Antriebsstrang, dessen Entwicklung derzeit auf dem Prüfstand fortgesetzt wird. In drei Monaten ist der erste Einbau des Aggregats in ein Testfahrzeug geplant. "Wir erwarten, ab Mai unser Entwicklungsfahrzeug zu erhalten", sagt Barclay. "Dann werden wir den Antriebsstrang einsetzen und die ersten Herstellertesttage absolvieren."

Auf Seiten von Jaguar sind Mitch Evans und Sam Bird fest für das Testprogramm vorgesehen. Die Verträge beider Fahrer wurden jüngst um eine mehrjährige Option verlängert, sodass beide in die Entwicklungsarbeit eingebunden werden können. Kurios: Bird griff bei insgesamt 69 Rennen zwischen 2014 und 2018 selbst für Envision (bzw. Virgin Racing) ins Lenkrad. Der britische Formel-E-Routinier kennt das künftige Jaguar-Kundenteam also gut.

"Wenn das alles so weit funktioniert, geht es an die Performance", erklärt Barclay weiter. "Dann wird auch Envision Streckenzeit bekommen und daran mitarbeiten." Per Reglement stehen Kundenteams mindestens vier des auf 20 Tage beschränkten Hersteller-Testkontingents zu. Doch nicht nur deshalb will Jaguar sein neues Kundenteam einbeziehen: "Wir kennen das neue Gen3-Reglement ja auch noch nicht, aber das ist wieder ein Vorteil mit einem Kundenteam: Wir können zusammen daran arbeiten, das Optimum herauszuholen - Envision hat ein paar sehr kluge Köpfe in der Strategieabteilung."

Parallel zur gemeinsamen Vorbereitung auf die Gen3-Kooperation läuft die letzte Saison des Gen2-Fahrzeugzyklus an. Nach dem Saisonstart in Saudi-Arabien findet am kommenden Wochenende der nächste Lauf statt: Der Mexico City E-Prix startet am 12. Februar 2022.

zusätzliche Berichterstattung durch Timo Pape

Gedankenspiele: Wer mit wem in der Gen3-Ära?

Slot Gen2-Team Gen2-Hersteller Gen3-Team Gen3-Hersteller
1 Andretti BMW Andretti Porsche?
2 Dragon Penske Dragon ?
3 DS Techeetah DS DS Techeetah? DS
4 Envision Audi Envision Jaguar
5 Jaguar Jaguar Jaguar Jaguar
6 Mahindra Mahindra Mahindra Mahindra
7 Mercedes Mercedes McLaren? Nissan?
8 Nio 333 Nio 333 Nio 333 Nio 333
9 Nissan Nissan Nissan Nissan
10 Venturi Mercedes Maserati? DS?
11 Porsche Porsche Porsche Porsche
12 Audi Audi Maserati? DS?

fett = bestätigt

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