Formel E

Druck vom Kundenteam & Vorstand: Nissan-Teamchef Volpe verspricht "viel bessere" 2. Saisonhälfte

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Nach einem mittelmäßigen Saisonstart drängt Nissans Teamchef Tommaso Volpe auf bessere Ergebnisse. Insbesondere im Vergleich zum Kundenteam McLaren schneiden die Japaner in der Formel E bislang noch nicht zufriedenstellend ab - trotz Pole-Positions, schnellsten Rennrunden und überzeugenden Einzelleistungen von Neuling Sacha Fenestraz. Der Vorstand des Autobauers blickt nervös auf die eigenen Leistungen in der Elektroserie.

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Einerseits dürfte es die Vorstände von Nissan freuen, dass ihr Formel-E-Team nach sechs Rennen mit 18 Zählern besser als im letzten Jahr dasteht - 2022 waren es zum gleichen Zeitpunkt der Saison nur zwölf Punkte. Andererseits sind es aber auch nur 18 Punkte, die Norman Nato und Sacha Fenestraz bislang sammelten. Das Kundenteam McLaren erzielte im selben Zeitraum 72 Punkte.

Die guten Ergebnisse der Papaya-Orangenen kann Nissans Teamchef Tommaso Volpe seinen Vorgesetzten vielleicht noch verkaufen. Schließlich nutzt McLaren einen baugleichen Antrieb wie das Werksteam - das Potenzial ist also offensichtlich da. Dennoch drängt der Boss vor dem Berlin E-Prix darauf, das Erfolgsgefälle zu verkleinern.

"In den ersten Rennen hatten wir einige Probleme", gesteht Volpe. "Leider haben wir nicht die Ergebnisse erzielt, die wir verdient hätten. Zuletzt konnten wir immerhin zeigen, wo unser Potenzial liegt. Wenn wir weiterhin die gleiche Performance wie bisher zeigen, dann wird die zweite Saisonhälfte hinsichtlich der Ergebnisse viel besser laufen."

Trennung von e.dams "hat den Teamgeist gestärkt"

Vor der Saison 2023 hatte Nissan seine eigene Formel-E-Operation "unter ein Dach" gebracht. Wurden zuvor die Renneinsätze vom französischen Rennteam e.dams geleitet, läuft der Werkseinsatz seither ausschließlich unter dem Banner von Nissans Motorsportarm Nismo. Die Hoffnung: Durch den Umbau können Kapazitäten gebündelt und Maßnahmen gezielter getroffen werden, um das Team zurück in die Erfolgsspur zu führen. "Ich denke, der Teamgeist wurde dadurch gestärkt", analysiert Volpe.

"Allerdings werden die Ergebnisse deswegen auch nicht über Nacht besser. Die Tatsache, dass ein so großes Unternehmen wie Nissan voll und ganz hinter uns steht, hat uns allen aber Selbstvertrauen gegeben. Wir haben einige wichtige Veränderungen vorgenommen und in die jungen Talente investiert, die wir bereits hatten."

Volpe lobt "starken Talent-Kern" um Fenestraz & Nato

Zu diesen Anpassungen gehören auch die Verpflichtungen von neuen Ingenieur:innen, die unter anderem von Jaguar und dem Chassis-Hersteller der Formel E, Spark Racing Technologies, zu Nissan wechselten (wir berichteten). "Wir sind dabei, auf unserem starken Talent-Kern aufzubauen", so der Italiener, der auch mit Blick auf seine neue Fahrerpaarung sagt: "Trotzdem sind solche herausfordernden Anpassungen immer wieder notwendig. Ich bin guter Dinge, dass sich das mittel- bis langfristig positiv bemerkbar macht."

Nato und Fenestraz haben sich "sehr gut" im Team eingefunden, berichtet der Teamchef. Und das, obwohl beide 2022 nicht in der Formel E antraten. Fenestraz absolviert in diesem Jahr sogar sein erstes vollständiges Jahr als Stammfahrer. "Er hat es so aussehen lassen, als wäre es ganz einfach!", lobt Volpe den 23-Jährigen, der beim Kapstadt E-Prix Nissans erste Pole-Position der Saison erzielte.

"Er hat einige kleine Fehler gemacht, aber das ist bei den ersten Rennen für einen Neuling völlig normal. In Hyderabad und Kapstadt waren seine Leistungen tadellos. Es ist schwierig, denn die Formel E erfordert einen völlig anderen Fahrstil als andere Kategorien. Daran muss man sich als Fahrer gewöhnen. Aber für Sacha sah es ziemlich einfach aus - alle Achtung!" Und auch für Nato hat Volpe Lob übrig: "Er bringt Erfahrungen mit. Das hat es ihm erleichtert, sich bei uns zurechtzufinden."

Nissan vom Kundenteam düpiert - wird der Vorstand nervös?

Trotzdem gibt es bei den Japanern hinsichtlich der Ergebnisse noch viel Luft nach oben - durchschnittlich schließen Nissans Fahrer die Rennen auf Position 11,6 ab. Während die Kundenmannschaft McLaren schon mehrfach um Pole-Positions und Podien kämpfte, konnte das Werksteam bislang nur selten Akzente setzen. "Wir wissen, dass wir die Performance noch mit den Kontrollsystemen, der Software und in anderen Bereichen verbessern können", sagt Volpe. "Trotzdem sind wir zufrieden damit, wie wir aktuell in der Entwicklung aufgestellt sind."

Ob Nissans Vorstand, der zweijährlich einen achtstelligen Geldbetrag für das Formel-E-Projekt freigeben muss, das auch so sieht, darf angezweifelt werden. Immer wieder vernahm auch 'e-Formel.de' im Fahrerlager, dass die Führungsetage in Yokohama die Elektroserie nervös beäugt. Die Erwartungen sind groß - und bislang werden die Resultate des Teams diesen Ansprüchen noch nicht gerecht.

Volpe will "Topteams regelmäßig herausfordern" - Ziele für 2024 ungewiss

Das weiß auch Volpe. Der Motorsportmanager formuliert seine Ziele für die Zukunft deswegen bewusst vorsichtig: "Wenn wir so weiterarbeiten wie bisher, denke ich, dass die zweite Saisonhälfte viel positiver verlaufen wird. Die Ergebnisse waren bisher nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben. Aber unser Ziel ist es, auf eine Saison zurückzublicken, in der wir die Topteams regelmäßig herausgefordert haben."

Für die Saison 2024 gibt er sich noch zurückhaltend: "Wir wollen mit neuen Zielen für die WM-Wertung in das nächste Jahr gehen", blickt er voraus und stapelt damit betont tief. Angesichts der bereits gestarteten Diskussionen über das Gen4-Auto der Formel E dürfte zu seinen "neuen Zielen" gehören: Perspektiven schaffen. Perspektiven, um den Vorstand von weiteren Jahren in der Meisterschaft zu überzeugen.

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