Formel E

"Es bleibt ein Faktor" - Droht bei Formel-E-Rennen in Berlin die nächste Windschattenschlacht?

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Fahrer, die das Rennen nicht anführen wollen, und Teams, die per Funk Überholverbote aussprechen: Das letzte Formel-E-Rennen in Sao Paulo bot Fans der Elektroserie eine Vielzahl an Kuriositäten. Dank zwei langer Geraden dürfte der Windschatten-Effekt auch beim nächsten Rennen in Berlin zu einem wichtigen Thema werden. Porsche-Teamchef Florian Modlinger denkt jedoch noch an einen ganz anderen Faktor, der den Ausgang des Rennens entscheiden könnte.

Auf dem 2,355 Kilometer langen Formel-E-Kurs in Berlin warten am kommenden Wochenende einige bekannte Herausforderungen auf die Teams und Fahrer der Elektroserie. Neben insgesamt zehn Kurven, darunter die ikonische Schneckenkurve 1 zum Start der Runde, könnten dabei ausgerechnet zwei Vollstrom-Passagen für Gesprächsstoff sorgen. Grund ist die große Bedeutung des Windschatteneffekts, der nach den ersten sechs Rennen mit den neuen Gen3-Autos viele Funktionäre im Fahrerlager umtreibt.

"Seine Bedeutung ist zwei- bis dreimal so groß wie mit den Gen2-Fahrzeugen", berichtete Jean-Eric Vergne (DS Penske) schon nach dem Hyderabad E-Prix in einer Medienrunde, der auch 'e-Formel.de' beiwohnte. Wie groß die Rolle des Windschattens in diesem Jahr ist, dürfte vielen Fans aber erst bei den Rennen in Kapstadt oder Sao Paulo aufgefallen sein.

Fahren wie an der Perlenkette, denn "als Führender verliert man 20 bis 30% Energie"

Dank mehrerer langer Geraden wurde das Brasilien-Rennen zu einer regelrechten Windschattenschlacht: Fahrer winkten einander vorbei, um für Rivalen bloß kein "Loch in die Luft" zu schlagen. Das Renntempo war deutlich niedriger als erwartet, da die Piloten um jeden Preis Teil der "Perlenkette" von mehreren hintereinander fahrenden Autos bleiben wollten.

Cassidy-Race-lead-Formula-E-Sao-Paulo

Auch für McLaren-Pilot Rene Rast waren die Szenen in Sao Paulo keine Überraschung. "Wir haben das schon auf anderen Strecken gesehen: Niemand will zu Beginn eines Rennens anführen", so der 36-Jährige. "Das ist fast wie im Radrennsport, wo man als Zweit- oder Drittplatzierter Energie im Windschatten sparen kann. Bei uns sind es 20 bis 30 Prozent Energie, die man in Führung liegend verliert, weil der Wind aufs Auto prallt." Der Deutsche ist sich sicher: "Das wird auch in Berlin eine Rolle spielen, wenn auch nicht so extrem wie in Sao Paulo."

Sao Paulo wird wohl Extrembeispiel bleiben

Den Vergleich mit dem Radrennsport nutzt auch Maximilian Günther (Maserati MSG), als er am Montag in einer virtuellen Medienrunde auf die Möglichkeit einer nächsten Windschattenschlacht in Berlin angesprochen wird: "Bei Radrennfahrern passiert das, weil es intelligenter ist, seine Energie für den Schlussspurt zu sparen. Wir alle sind Wettbewerber, und da gehört auch so etwas dazu. Sao Paulo war wohl eine extreme Ausnahme, allerdings wird (der Windschatten) sicherlich ein Faktor bleiben."

Der 25-Jährige lag beim E-Prix in Kapstadt selbst einige Runden in Führung. "Schon dort habe ich gespürt, dass das ein Nachteil ist. So etwas muss man in seine Strategie einkalkulieren. Für alle (Fahrer) ist das wahrscheinlich ein Thema, das ihnen auf dem Herzen liegt. Taktik ist schön und gut, aber dass überhaupt niemand führen will, sieht für Außenstehende komisch aus. Ideal wäre es deswegen, wenn die Auswirkung geringer ausfallen würde."

Fahrer wollen Mitsprache bei neuem Autodesign

Das Windschatten-Thema dürfte auch ein Diskussionspunkt beim nächsten Treffen der Formel-E-Fahrervereinigung sein. Diese soll im Rahmen des Berlin-Rennens zusammentreffen. Sie ist das politische Organ der Fahrerschaft, das sich auch bei Entscheidungen zum geplanten Gen3EVO- (geplante Einführung 2024/25) beziehungsweise Gen4-Auto (geplante Einführung 2026/27) einbringen kann. Erste Unterhaltungen zur zukünftigen Karosserie der Elektroserie liefen hinter den Kulissen bereits an.

Thomas Biermaier, Teamchef von ABT Cupra, schätzt die Situation ähnlich wie Rast und Günther ein. "Durch die vorgegebene Energie in Berlin wird es wieder viel ums Lifting gehen", sagt Biermaier und spielt dabei auf die Lift-and-Coast genannte Fahrtechnik an, mit der die Formel-E-Piloten Energie zurückgewinnen. Porsche-Boss Florian Modlinger tippt hingegen: "Sao Paulo war aufgrund der langen Geraden und der Stop-and-Go-Charakteristik der Strecke extrem. In dieser Dimension wird es das auf anderen Kursen nicht mehr zu sehen geben."

Fragezeichen auch über Reifen-Management

Stattdessen spricht Modlinger auf Frage von 'e-Formel.de' ein anderes Thema an: "In Berlin ist der Untergrund sehr speziell. Wir haben dort Vorerfahrungen mit den alten Michelin-Reifen, aber für die Mikro- und Makro-Rauigkeit der Betonplatten haben wir mit den Hankook-Reifen noch keine Erfahrungen. Das Ziel in den ersten Freien Trainings wird deswegen sein, so schnell wie möglich zu verstehen: Was braucht der Reifen auf diesem Untergrund? Erst dann werden wir wissen, wie sich die Unterschiede der Leistungsmodi im Qualifying und Rennen bemerkbar machen könnten."

Für die Formel E steht das 16. und 17. Rennen in Berlin-Tempelhof an - und dennoch gibt es ganz offensichtlich noch immer Dinge, die vor dem Rennwochenende ungewiss sind. Welche Antworten die Teams auf die offenen Windschatten- und Reifen-Fragen finden, erfahren wir am 22./23. April. ProSieben überträgt beide Läufe aus der Hauptstadt live im Free-TV. Wir begleiten das gesamte Event mit exklusiven Hintergrundberichten, Analysen und unserem beliebten Hankook Liveticker direkt von der Strecke.

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