Formel E

"Es zählt nur noch, was vor uns liegt" - Wie Nyck de Vries seinen Formel-E-Titel verteidigen will

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Bei den Teams der Formel E laufen die Vorbereitungen auf das letzte Jahr des Gen2-Fahrzeugzyklus auf Hochtouren. Während DS Techeetah und Jaguar Racing ambitioniert in Richtung des WM-Titels blicken und Porsche endlich seinen ersten Rennsieg feiern will, steht Mercedes-Fahrer Nyck de Vries nach einer überstandenen Corona-Infektion vor einer neuen Herausforderung - seiner ersten Titelverteidigung.

"Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das Privileg eines Titelgewinns erleben durfte", antwortet de Vries in einer virtuellen Medienrunde auf eine Frage von 'e-Formel.de'. Der 26-Jährige besiegelte mit einem achten Platz beim dramatischen Berlin E-Prix 2021 den WM-Gewinn.

Erstmals ging er 2019 bei einem Formel-E-Rennen an den Start. Zuvor hatte de Vries, zusätzlich zu einer mit dem Titelgewinn gekrönten Formel-2-Saison, einige Zeit im Reserve-Kader von Audi und Virgin verbracht. In seinen ersten fünf Rennen als Mercedes-Werkspilot fuhr de Vries zweimal in die Top 6. Dann kam Corona.

"Wir hatten gerade Momentum aufgenommen, als Covid zu einem Thema wurde", erinnert sich der Niederländer. "Das hat auch meine Lernkurve unterbrochen. Es fühlt sich nicht so an, als hätte ich in meiner ersten Saison ein vollständiges Jahr bestritten."

Saisonunterbrechung 2020 beeinträchtigte Rookie-Lernkurve

Die im März 2020 verhängte Saisonunterbrechung kam für alle Fahrer ungelegen, für niemanden jedoch so sehr wie für die Neulinge. Denn gerade zu der Zeit, als die Rookies die Details des Energiemanagements zu verstehen begannen und zur Sicherung eigentlich regelmäßig Zeit im Auto verbringen sollten, setzte die Formel E ihre Saison aus.

Umso beeindruckender war es für viele Beobachter:innen, in welcher Art und Weise sich de Vries beim Sechsfach-Finale in Berlin zurückmeldete. Im ersten Lauf nach der Unterbrechung schaffte er es überraschend auf Platz 4. Weitere zwölf Punkte sammelte er nach dem Streckenlayout-Wechsel. Der sprichwörtliche Knoten platzte schließlich beim letzten Rennen der Saison: Hinter seinem Teamkollegen Stoffel Vandoorne erreichte de Vries sein erstes Formel-E-Podium für Mercedes.

"Ich erinnere mich noch gut daran, wie wenig Zeit wir in der Vorbereitung hatten", denkt er zurück. "Auch wenn HWA das Fundament gelegt hatte, waren viele Dinge für das Team neu. Noch dazu lief der Test in Valencia (2019) nicht problemlos. Deshalb waren wir sehr überrascht von unserem ersten Wochenende in Saudi-Arabien."

"Auch im weiteren Saisonverlauf (2020) war unser Paket gut, aber das Team und ich haben zu viele individuelle Fehler gemacht. Manchmal spielte uns das Qualifying-Format zwar in die Karten - das muss ich im Nachhinein zugeben. Am Ende haben wir aber zu viele Punkteergebnisse verspielt. In Chile haben wir nachträglich ein Podium verloren (Regelverstoß wegen Fahrzeugkühlung), in Mexiko hatte ich ein Bremsproblem, in Marokko bekam ich auf Platz 3 liegend eine Durchfahrtsstrafe."

"Es braucht Zeit, sich in einem Team einzufinden"

Deutlich besser lief es in de Vries' zweitem Formel-E-Jahr. Schon zu Beginn der Saison 2021 war der Niederländer in Bestform und sendete Schockwellen durch das Fahrerlager, als er beim ersten Lauf in Diriyya alle Sessions gewann. Weitere Podien kamen in Spanien und Großbritannien hinzu, darunter ein Sieg im Energiechaos-Rennen von Valencia. "Es lief richtig gut, vor allem, weil wir eine unterbrechungsfreie Saison hatten", so de Vries.

"Das Wichtigste, das ich bislang gelernt habe: Es braucht Zeit, sich in einem Team einzufinden und sich wie in einer Familie zu fühlen. Der Lernprozess in der Formel E hört nie auf, man versteht das Auto einfach immer besser. Nicht unbedingt das Gefühl bei schnellem Fahren verändert sich, die Technologie hat sich schließlich nur geringfügig geändert. Aber man kann das Geschehen besser nachvollziehen und lernt, wie man gewisse Dinge zu seinem Vorteil ausnutzen kann."

WM-Gewinn 2021 & Corona-Infektion ohne Einfluss auf Saisonvorbereitung

Die Erfolge und Rückschläge des vergangenen Jahres spielen in de Vries' "Mission Titelverteidigung" aber keine Rolle mehr, beteuert er. "Ich denke nur noch an das neue Jahr. (Der Titelgewinn) war im letzten August. Jetzt zählt nur noch, was vor uns liegt. Ich freue mich darauf sehr und arbeite mit dem Team zusammen, um dafür bereit zu sein."

"Es gibt selbstverständlich immer einen gewissen Druck. Auch ich bin an Renntagen gestresst und nervös", gibt er zu. "Das liegt aber vor allem daran, dass ich mich gut schlagen will. Der Fakt, dass ich ein amtierender Champion bin, ändert daran nichts. Das alles war im letzten Jahr, nun beginnt eine neue Saison mit neuen Chancen und einem neuen WM-Titel. Zusätzlichen Druck spüre ich also nicht."

Die Vorbereitung auf die neue Saison verlief für de Vries jedoch alles andere als planmäßig: Durch eine Corona-Infektion verbrachte der Niederländer einige Tage in Quarantäne. "Ich hatte kein Fieber oder andere Symptome", versichert er. "Meiner Erfahrung nach war eine Omikron-Infektion milder als eine Erkältung. Langsam aber sicher kommen wir an einen Punkt, an dem wir damit wie mit einer jährlichen Grippesaison umgehen können", findet er. Angst habe er inzwischen nicht mehr vor steigenden Fallzahlen, sondern davor, dass positive Corona-Tests trotz Symptomfreiheit die Teilnahme von Fahrer:innen an Rennen gefährden könnten.

Den Grundstein für die Titelverteidigung möchte de Vries in gut anderthalb Wochen legen. Beim Diriyya E-Prix am 28./29. Januar startet er in seine letzte Formel-E-Saison mit dem Mercedes-Werksteam. e-Formel.de begleitet jede Session des Auftaktwochenendes mit einem Liveticker und bietet wie gewohnt Livestreams an. ProSieben überträgt die Rennen jeweils ab 17:30 Uhr live im Fernsehen (zur TV-Übersicht).

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