Formel E

Jaguar hadert mit Formel-E-Rennleitung wegen vorzeitigen Abbruchs: "Die völlig falsche Entscheidung"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Jaguar-Cars-in-Rainy-Pitlane-New-York

Nachdem das Samstagsrennen des New York City E-Prix aufgrund starker Regenfälle und mehrerer schwerer Unfälle unterbrochen wurde, entschied sich die Rennleitung dazu, das Rennen nicht erneut zu starten und mit dem Stand vor dem Rennabbruch zu werten. Während die verunfallten Piloten dies naturgemäß als "fair" beurteilen, kritisieren die beiden Jaguar-Fahrer die Rennleitung für die Entscheidung.

Besonders Mitch Evans zeigte Unverständnis dafür, dass das Rennen nicht wieder gestartet wurde. "Ich verstehe die Entscheidung nicht", so der aufgebrachte Neuseeländer bei 'Autosport'. "Warum die Rennunterbrechung, wenn man das Rennen dann nicht wieder aufnimmt?"

"Es waren noch sieben Minuten plus eine Runde übrig", argumentiert Evans. "Also war noch ein großer Teil des Rennens zu fahren. Die Bedingungen hätten nur noch besser werden können, da der Regen aufgehört hatte."

Evans: "Das wirft kein gutes Licht auf den Sport"

Evans vertritt die Position, dass durch den vorzeitigen Abbruch jene Fahrer bestraft würden, die trotz der schwierigen Bedingungen nicht in einen Unfall verwickelt waren. "Ich halte das für die völlig falsche Entscheidung. Es wäre besser gewesen, das Safety-Car für ein paar Runden auf die Strecke zu schicken, um die Situation unter den gegebenen Bedingungen auszuloten. Dann wären wir nicht in der Situation, dass die Fahrer, die rausgeflogen sind, wieder in die Wertung kommen."

"Ich verstehe, dass es diese Regel schon lange gibt, aber sie erscheint mir einfach falsch", so Evans weiter. "Wenn man im Qualifying eine rote Flagge verursacht, verliert man seine Runde. Heute gab es ein paar Dinge, mit denen ich absolut nicht einverstanden bin, und ich denke, dass das kein gutes Licht auf den Sport wirft."

Bird: "Glaube einfach nicht, dass Situation bestmöglich gehandhabt wurde"

"Wir sehen, dass es (schon wieder) trocken ist. Die Strecke ist jetzt trocken", stößt sein Teamkollege Sam Bird bei 'Autosport' ins gleiche Horn. "Wir hätten das Rennen für eine halbe Stunde unterbrechen und die Trümmer beseitigen können. Dann wären wir mit dem Safety-Car rausgefahren und hätten das Rennen für die Fans und für alle zu Ende fahren können, um einen ordentlichen Abschluss zu haben."

"Die Jungs auf dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Platz sind alle gecrasht, glaube ich. Und doch sind sie alle in den Punkten", beklagt Bird weiter. "Ich verstehe, dass es diese Regel gibt. Aber ich habe heute wirklich damit zu kämpfen."

"Ich verstehe es einfach nicht, vor allem, wenn noch neun Runden zu fahren sind", erklärt der Brite. "Das ist ein großer Teil des Rennens, fast ein Viertel der Renndistanz ist noch zu fahren! Ich glaube einfach nicht, dass die Situation heute bestmöglich gehandhabt wurde. Das ist alles, was ich dazu sagen kann, ohne Schwierigkeiten zu bekommen."

Kommentar von Tobias Wirtz: "Ich würde Protest einlegen"

Auch wenn ich mich damit schwer tue - nachvollziehbar ist die Verärgerung der Jaguar-Piloten. Die 75-Prozent-Marke der Renndistanz (Rennminute 34), ab der es volle Punkte gibt, war mit der Wertung des Rennens nach Runde 29 - der vorletzten Runde vor dem Rennabbruch - so gerade erreicht.

Das Sportliche Reglement der Formel E ist sehr umfangreich - mit Anhängen umfasst es ganze 131 Seiten im A4-Format. Paragraf 40.4 besagt dabei: "Es werden alle Anstrengungen unternommen, um die die gesamte Rennzeit/Distanz zu absolvieren." Es gibt jedoch keine Regelung, die besagt, wie lange ein Rennen maximal unterbrochen werden darf. Paragraf 41.1 besagt lediglich: "Die Unterbrechung wird so kurz wie möglich gehalten."

Aber war die Fortsetzung des Rennens am Samstag wirklich nicht möglich, selbst wenn man die Unterbrechung deutlich verlängert hätte? Schwer vorstellbar, denn mit einbrechender Dunkelheit oder einer weiteren Verschlechterung der Witterungsbedingungen war in den kommenden Stunden nicht zu rechnen. Vor einigen Jahren in Rom haben wir nach einem Massencrash schon eine rund 60-minütige Rennunterbrechung gesehen. Zugegeben, hier wurde das Rennen bereits in der ersten Runde unterbrochen. Aber das darf laut Reglement keine Rolle spielen.

In meinen Augen wäre es auf jeden Fall möglich gewesen, die Unfallfahrzeuge und Trümmer von der Strecke zu räumen. Anschließend hätte man die TecPro-Barrieren wieder hergerichtet, um die Sicherheitsbestimmungen für eine Fortsetzung des Rennens einzuhalten. Hier muss man sich die Frage stellen: Wenn die Strecke am Sonntagmorgen zum 3. Freien Training sicher genug ist, warum sollte eine sichere Strecke nicht schon am Samstagnachmittag wieder möglich sein?

Und wohl jeder, der die Formel 1 verfolgt, wird sich an den Großen Preis von Belgien 2021 erinnert - das "Fake-Rennen", das bei starken Regenfällen aus zwei Runden Schleichen hinter dem Safety-Car bestand, bis es halbe Punkte gab. Damals gab es wilde Diskussionen, und auch hinter dieser Entscheidung in New York könnte man eine gewisse Willkür der Rennleitung wittern.

Auch wenn es nicht fair erscheint, dass den schnellsten Fahrern des Rennens aufgrund der Rennfortsetzung ihre guten Platzierungen "weggenommen" würden - aber um Fairness geht es hierbei nicht. Immerhin haben Fahrer wie Evans oder Bird, aber auch Frijns oder de Vries ihre Autos auf der Strecke gehalten und sind nicht abgeflogen. Ihr Ärger ist daher berechtigt.

Ich gehe sogar noch weiter: Wäre ich in der Situation von Jaguar-Teamchef James Barclay, würde ich Protest gegen die Wertung des Rennens einlegen.

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