Formel-E-Abschied von Lucas di Grassi: "Ich hatte nie Spaß daran, ein Rennauto zu fahren"
Tobias Wirtz
FIA Formula E
Nach zwölf Saisons hat Lucas di Grassi in London seine Formel-E-Karriere beendet. Bei einer Medienrunde, an der auch e-Formel.de teilnahm, spricht der Weltmeister von 2017 überraschend offen über die Schattenseiten seines Berufs. Rennfahren habe ihm nie Spaß gemacht, sagt der Brasilianer – und erzählt von 150 Hotelnächten pro Jahr, enormem Druck und extremen Maßnahmen zum Gewichtsparen in der Formel 1.
Lucas di Grassi war in der Formel E ein Mann der ersten Stunde: Noch vor dem ersten Rennen half er Gründer Alejandro Agag beim Aufbau der neuen Rennserie. Zum Saisonstart ging er anschließend für Abt ins Cockpit und gewann 2014 den allerersten E-Prix in Beijing. Di Grassi gehörte anschließend in allen zwölf Saisons zum Fahrerfeld. Nur beim Kapstadt E-Prix 2023 kam er nicht zum Start, nachdem Mahindra seine beiden Fahrzeuge aus Sicherheitsgründen zurückgezogen hatte.
Auf die Frage, was er nach seiner Zeit als aktiver Rennfahrer vermissen werde, zählte di Grassi erst einmal auf, was er definitiv nicht vermissen werde.
"Ich werde die Stunden im Simulator nicht vermissen", so di Grassi. "Ich werde es nicht vermissen, 150 Nächte im Jahr in beschissenen Hotels zu verbringen und die meiste Zeit deutsches Essen zu essen. Entschuldigung an die Deutschen."
"Und ich werde die Zeit fern von meiner Familie nicht vermissen", ergänzt er. Bereits zuvor hatte er beschrieben, wie viele Geburtstage, Hochzeiten und Feiern von Freunden er wegen seiner Karriere verpasst habe.
"Das ist kein Spaß, das ist ein Beruf"
Mit der Vorstellung vom vermeintlichen Traumjob Rennfahrer habe die Realität wenig zu tun, beschreibt di Grassi. "Ich habe keinen Spaß am Rennfahren. Viele Leute denken, dass wir Spaß haben, wenn wir ein Rennauto fahren. Spaß habe ich bei meinen Hobbys: Wenn ich das tun kann, was ich will, wann ich will und so lange ich will. Rennfahren ist kein Hobby. Ich hatte nie Spaß daran, ein Rennauto zu fahren."
"Ich hatte Adrenalin, ich hatte diesen Wettkampfgeist und ich wollte unbedingt gewinnen", erklärt er weiter. "Aber ich hatte nie Spaß. Wenn ich im Auto saß, gab es so viel Druck und so viele Dinge, die gleichzeitig passierten. Wenn ich ein Rennen hatte, begann das schon zehn Tage vorher: zu den richtigen Zeiten schlafen, mich an die Zeitzone anpassen, das Richtige essen. Ich konnte kein normales Leben führen. Und das alles wegen des Rennfahrens. Deshalb ist es kein Spaß."
Wie weit dieser Verzicht gehen konnte, verdeutlicht di Grassi mit einem Beispiel aus seiner Formel-1-Zeit. "Als ich in der Formel 1 war, war ich 15 Kilogramm zu schwer", gesteht er. "Es macht keinen Spaß, kein Abendessen zu haben und mit leerem Magen schlafen zu gehen, weil man Gewicht verlieren muss, um konkurrenzfähig zu sein."
"Ich habe sogar Metallteile aus dem Reißverschluss herausgeschnitten, um Gewicht zu sparen. Ich habe die Einlegesohlen aus meinen Rennschuhen genommen, um Gewicht zu sparen. Deshalb war ich ständig krank. Das ist kein Spaß. Das ist Hingabe und das ist ein Beruf."
"Ich werde den Wettkampf vermissen"
Ganz ohne Wehmut endet seine Zeit als Formel-E-Rennfahrer dennoch nicht. "Ich werde den Wettkampf vermissen. Ich werde dieses Gefühl vermissen, wenn man tatsächlich einen Sieg oder einen Titel erreicht."
Dabei gehe es ihm jedoch nicht um Spaß: "Es geht um das Gefühl, das man hat, wenn man gewinnt. Das ist eine völlig andere Herangehensweise. Ich glaube, Menschen von außen verstehen nicht, dass es so ist. Genau das werde ich vermissen."
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