Formel-E-Bolide nach Crash bei Evo Sessions zerstört: Wie viele Klicks ist ein Menschenleben wert?
Tobias Wirtz
FIA Formula E
DTM-Champion Ayhancan Güven darf nach aktuellem Stand keinen Formel-E-Boliden im Wettbewerb bewegen. Der 28-Jährige erfüllt die strengen Voraussetzungen des Automobil-Weltverbandes FIA bislang nicht. Dieser schreibt vor, dass selbst professionelle Rennfahrer mit einer internationalen A-Lizenz und Platin-Einstufung zusätzlich Erfolge in bestimmten Rennserien nachweisen müssen. Für die Evo Sessions, die kürzlich in Jeddah stattfanden, galten keine derartigen Einschränkungen, dort fuhren Influencer:innen teilweise ohne jeglichen Motorsporthintergrund. Ein gefährliches Spiel mit der Sicherheit sämtlicher Beteiligter, wie Tobias Wirtz findet.
Motorsport ist gefährlich. Das galt vor mehr als 100 Jahren bereits und steht auch noch heute auf Eintrittskarten und Eingängen zu Rennstrecken. Daher darf auch nicht Jede:r an einem Rennen teilnehmen: Mittels eines Lizenzsystems müssen Fahrer:innen eine gewisse Qualifikation nachweisen. Eine nationale Rennlizenz, beispielsweise über den DMSB als nationale Sportbehörde, ist bereits mit wenig Aufwand und einem meist eintägigen Lehrgang zu erwerben. Um in der Formel E fahren zu können, benötigen Fahrer:innen eine e-Lizenz, für die mehrjährige Erfahrung und Erfolge in fest definierten Rennserien - überwiegend im Formelsport - erforderlich sind.
Das muss Ayhancan Güven derzeit am eigenen Leib erfahren: Der DTM-Champion von 2025 will nach überzeugenden Leistungen beim Rookie-Test in Berlin gerne in der kommenden Formel-E-Saison für das zweite Porsche-Werksteam an den Start gehen. Die Vorgaben der FIA sind jedoch streng: Der Türke muss bis dahin die Voraussetzungen erfüllen. Dies hätte er in der DTM nicht schaffen können, daher setzt Porsche ihn für dieses Jahr in das LMGT3-Cockpit von Manthey Racing in der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC. Sollte Güven hier gemeinsam mit Timur Boguslawski und James Cottingham Meister oder Vizemeister werden, darf er in der Saison 2026/27 Formel E fahren.
Hohe Hürden, die ein Fahrer überspringen muss, um die Elektroboliden der Rennserie zu bewegen. Aber nicht ohne Grund: Immerhin handelt es sich dabei um die FIA-Formel-Rennwagen mit der schnellsten Beschleunigung, noch vor der Formel 1. Aus dem Stand ist innerhalb von nur 1,86 Sekunden Tempo 100 erreicht, außerdem wirbt die Rennserie immer wieder damit, dass die Boliden bis zu 320 km/h schnell sind. Eine Geschwindigkeit, die zwar kein Formel-E-Fahrzeug bislang jemals erreicht hat - aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Vor diesem Hintergrund sollte das Konzept der Evo Sessions durchaus nachdenklich stimmen: Zehn Influencer:innen wurden nach kurzer Vorbereitungszeit in jeweils einen Gen3-Evo-Boliden jedes Teams gesetzt und fuhren - ähnlich wie im Qualifying-Format der Formel E - Duelle über eine schnelle Runde gegeneinander. Die Rennserie warb in ihren Übertragungen immer wieder für die Evo Sessions, die Duelle der Influencer:innen wurden sogar live auf dem YouTube-Kanal der Formel E gezeigt.
Das Ganze passierte dabei nicht auf einer Rennstrecke mit großen Auslaufzonen, sondern zwischen den engen Betonmauern von Jeddah, wo am Vortag noch die 20 Fahrer der Rennserie ihr Rennen ausgetragen hatten. Das Ergebnis: Es gab mehrere Unfälle, darunter sogar einen äußerst schweren. Glücklicherweise überstand Izzy Hammond den Crash im Lola Yamaha ABT, den sonst Zane Maloney fährt, unverletzt. Bei dem Einschlag mit hoher Geschwindigkeit sollen Kräfte von etwa 24 g auf Hammond gewirkt haben.
Lola Yamaha ABT: "Auto muss neu aufgebaut werden"
"Leider wurde der Großteil des Fahrzeugs beim Unfall beschädigt und muss neu aufgebaut werden", so eine Sprecherin des Teams auf Nachfrage von e-Formel.de. Es handelt sich dabei unter anderem um den Antrieb, der in dieser Saison von Maloney in den offiziellen Läufen verwendet wurde, wie das Team bestätigt. "Alle Teile waren diejenigen, die im technischen Pass der FIA für die Rennen in Jeddah angegeben waren."
Das Problem: Laut Reglement darf das Team diese Teile eigentlich nicht über das festgelegte Kontingent hinaus wechseln, ohne eine Rückversetzung beim folgenden Rennen in Madrid zu erhalten. Hier hat man jedoch bereits im Vorfeld vorgesorgt und den Teams erlaubt, in einem solchen Fall unter FIA-Aufsicht straffrei einen Neuaufbau der Autos in der Fabrik durchzuführen. "Gemäß einer Vereinbarung mit der FIA und der Formel E dürfen wir alle Teile ohne Strafen ersetzen. Die FIA und die Formel E haben das Auto in Jeddah inspiziert, und die FIA wird während des Wiederaufbaus des Autos auch nach Kempten kommen."
Eine Kostenschätzung ist derzeit noch nicht möglich, beschreibt Lola Yamaha ABT weiter. "Es ist aufgrund der Vielzahl von Variablen nicht angemessen, die Höhe der entstandenen Schäden zu beziffern. Aber alle Kosten werden von der Formel E im Rahmen der Vereinbarung für Evo Sessions zwischen den Teams und der Meisterschaft übernommen." Angesichts der Beschreibung des Teams ist jedoch schwer vorstellbar, dass die Schadenssumme nicht mindestens im hohen sechsstelligen Bereich liegt.
FIA Formula E
Die FIA betont auf Nachfrage von e-Formel.de, bei den Evo Sessions weder involviert noch in irgendeiner Form zuständig zu sein: "Dies war eine Promo-Aktion, die vom Formel-E-Promoter gemeinsam mit SAMF (Saudi Arabia Motor Federation), der lokalen nationalen Sportbehörde, organisiert wurde. Aus regulatorischer Sicht bestand keinerlei Verbindung zur FIA oder zur ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft."
Kommentar von Tobias Wirtz
Eigentlich wollte ich die Evo Sessions der Formel E komplett ignorieren. Nicht nur ich persönlich, sondern auch wir als Redaktion in unserer Berichterstattung auf e-Formel.de. Für mich ist das ein reines Spaß-Event, bei dem ein paar (überwiegend britische) Influencer:innen mit Formel-E-Autos fahren dürfen. Die sportliche Relevanz auf einer Skala von 0 bis 10: Ungefähr minus 10. Aber dennoch zwingt mich das, was in Saudi-Arabien passiert ist, dazu, meine Meinung kundzutun.
In der Theorie klingt die Idee hinter den Evo Sessions zunächst vielversprechend: Durch Menschen mit großer Reichweite außerhalb der eigenen Bubble will man neue Fans für die Formel E gewinnen. In der Praxis jedoch scheitert diese grandios. Man setzt zehn teilweise absolut motorsportunerfahrene Menschen in einen der komplexesten Rennwagen auf dem Planeten und lässt diese auf einem der schnellsten Straßenkurse der Welt im Zeitfahren gegeneinander antreten - was kann dabei schon schiefgehen?
Wer auch immer bei der Formel E auf diese Idee gekommen ist - man kann schwer argumentieren, dass sich das als eine gute Idee erwiesen hat. Es hat in meinen Augen seinen Grund, warum normalerweise nur Vollprofis in den Boliden sitzen. Denn wenn irgendetwas schiefgehen sollte, egal ob die Ursache fahrerischer oder auch technischer Natur ist, verhalten sich Profis deutlich routinierter als blutige Anfänger und wenden möglicherweise deutlich schlimmeres aufgrund ihrer instinktiven Reaktionen ab. Dass sie das bei Unfällen aber auch nicht immer vor Verletzungen schützt, haben wir zuletzt bei Sam Bird und seinem Handbruch in Monaco 2024 gesehen.
Was, wenn Izzy Hammond sich bei ihrem Unfall schwer verletzt hätte? Oder sogar noch schlimmer? Dann wäre das live vor Millionenpublikum passiert, als Bestandteil einer Inszenierung, die maximale Aufmerksamkeit erzeugen soll. Dass es diesmal gut ausging, lag an den hohen Sicherheitsstandards moderner Rennwagen. Und am Glück im konkreten Moment.
Genau darum geht es: Reichweite zu gewinnen ist legitim. Aber wer Menschen ohne Rennerfahrung in einen Hochleistungs-Formelwagen setzt, sie im Duellmodus zum Pushen animiert und das Ganze in einem Highspeed-Kanal zwischen Betonwänden austrägt, verschiebt die Risikoabwägung in eine Richtung, die kaum noch zu rechtfertigen ist. Influencer:innen im Auto? Von mir aus. Aber dann bitte so, dass Sicherheit nicht hinter der Show zurückstehen muss. Denn im Zweifel zahlen nicht die Klickzahlen den Preis, sondern Menschen.
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