Formel E

Formel E: Buemi übersteht schweren Unfall in Valencia unverletzt, doch Sorgen um Sicherheit wachsen

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Sebastien-Buemi-Envision-Box-Valencia

Sebastien Buemi hat am Freitagmorgen für eine Schrecksekunde gesorgt. Der Envision-Pilot kam mit seinem neuen Gen3-Boliden vom Kurs ab und schlug hart in die Streckenbegrenzung ein. Sein Auto wurde dabei an der Front stark beschädigt. Buemi blieb beim Unfall glücklicherweise unverletzt. Dennoch wachsen die Sorgen innerhalb der Formel E weiter, denn für die ersten Saisonrennen droht eine Sicherheitslücke.

Bei den Testfahrten in Valencia hat es am letzten Testtag den ersten großen Unfall gegeben. Sebastien Buemi verlor die Kontrolle über seinen Envision und kam in Kurve 4 von der Strecke ab. Der Gen3-Bolide durchfuhr das Kiesbett und prallte mit hoher Geschwindigkeit frontal gegen die Reifenstapel.

Beim Aufprall wurde die Fahrzeugfront erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Neben dem Frontflügel nahm auch die gesamte vordere Radaufhängung Schaden. Buemi stieg aus eigener Kraft aus dem Fahrzeug aus und wurde mit dem Medical-Car zurück zur Envision-Box gefahren.

Der Schweizer bestätigte wenig später gegenüber 'e-Formel.de', dass er trotz des heftigen Aufpralls in Ordnung sei. Zum Unfallhergang wollte er sich nicht äußern, es sei allerdings nicht seine Schuld gewesen. Das deutet auf einen technischen Defekt hin. Auch Envision-Teamchef Sylvain Filippi wollte auf unsere Nachfrage hin keinen Kommentar abgeben.

Der Elektro-Rennwagen wurde nach dem Unfall auf einen Abschleppwagen gehoben und in einen abgesperrten Bereich im Fahrerlager des Circuit Ricardo Tormo gebracht. Die Test-Session wurde wegen des Crashs für rund 18 Minuten unterbrochen.

"Notbremse" steht bei ersten Saisonrennen wohl nicht zur Verfügung

Die Vermutung liegt nahe, dass der Crash - genau wie einige Unfälle bei privaten Testfahrten in den vergangenen Monaten - aus einem Versagen der Bremse resultiert. Bestätigt wurde dies bislang jedoch nicht. Die Gen3-Fahrzeuge verfügen über keine hydraulischen Hinterradbremsen mehr. Im Heck wird ausschließlich über die Rekuperation des Antriebsstrands verzögert.

Im Falle eines technischen Problems mit dem Antrieb fehlt den Fahrern daher unter Umständen ein erheblicher Teil der Bremsleistung, sodass es zu derartigen Unfällen kommen kann. Berichten zufolge hat die Formel E dieses Problem bereits vor Wochen identifiziert und will eine zusätzliche Notfallbremse an der Hinterachse einführen, weil die kleinen klassischen Frontbremsen allein nicht genügend Kraft haben, um den Rennwagen ausreichend abzubremsen.

Das Problem: In Valencia verfügen die Fahrzeuge noch nicht über jene neuen Notbremsen. Der Entwicklungsprozess wird sich nach Informationen von 'e-Formel.de' sogar noch einige Zeit hinziehen. Auch in den ersten Saisonrennen - voraussichtlich Mexiko und der "Double-Header" in Saudi-Arabien - wird die zusätzliche Bremse aller Voraussicht nach nicht zur Verfügung stehen. Dadurch macht sich mehr und mehr die Sorge breit, dass es während der Saison zu ernsthaften Unfällen kommen kann, schließlich verfügen die meisten Formel-E-Strecken nicht über Kiesbetten oder weitläufige Auslaufzonen.

Nissan-Teamchef Volpe: "Denke nicht, dass wir Probleme damit haben werden"

Hinter den Kulissen wird in diesen Stunden heiß diskutiert, denn gerade die FIA hat sich das Thema Sicherheit in den vergangenen Jahren auf die Fahnen geschrieben. Die meisten Beteiligten halten sich mit öffentlichen Aussagen jedoch zurück.

Nissan-Teamchef Tommaso Volpe sagte jedoch zu den Kollegen von 'The Race': "Mit Blick auf die Gespräche und Offenheit in den letzten zwei Wochen glaube ich, dass die FIA alles Mögliche unternehmen wird, damit es keine größeren Schwierigkeiten gibt, auch nicht in den ersten Rennen. Die Autos sind sicher. Also, ich meine, ich denke nicht, dass wir Probleme damit haben werden."

Formel-E-Neuling Jake Hughes, der für McLaren mit Nissan-Motor fährt, bestätigt ebenfalls, dass er bislang keine vergleichbaren Bremsprobleme erlebt habe. "Ich kann nur für uns selbst sprechen. Aber ich bin zuversichtlich: Was auch immer die FEO und FIA für notwendig erachten, wird richtig sein. Ich vertraue auf ihre Meinungen."

Nichtsdestotrotz konnten wir in Valencia bereits angeregte Debatten zwischen Fahrern und Serienverantwortlichen beobachten. Inwieweit es dort um Sicherheitsdiskussionen ging, können wir an dieser Stelle nur mutmaßen.

Jaguar-Fahrzeuge bleiben als Vorsichtsmaßnahme an der Box

Im Anschluss an den Crash blieben die drei übrigen Fahrzeuge mit Jaguar-Antrieb - Nick Cassidys Envision sowie die Werksautos von Mitch Evans und Sam Bird - für rund zwei Stunden in der Box. Ein Jaguar-Sprecher bestätigte gegenüber 'e-Formel.de', dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handele, weil das Auto von Buemi nach dem Unfall "rot" gewesen sei.

Als "rot" wird ein Auto dann bezeichnet, wenn die entsprechende Warnlampe anzeigt, dass das Fahrzeug möglicherweise unter Spannung steht. In einem solchen Fall gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. So darf der Rennwagen unter anderem nur mit Gummihandschuhen angefasst werden, um das Risiko eines Stromschlags zu verringern.

Ursache für den "roten" Status könnte der Frontmotor sein, mit dem die Gen3-Boliden an der Vorderachse bis zu 250 kW Energie zurückgewinnen. Während beim Gen2-Rennwagen bei Beschädigungen an der Front keine Gefahr bestand, dass das Fahrzeug unter Strom steht, ist es nun anders. Der Frontmotor ist durch ein dickes Stromkabel mit der Batterie im Heck verbunden, sodass Beschädigungen am Motor oder an der Verkabelung jetzt dafür sorgen können, dass das Auto unter Strom steht.

Für Sebastien Buemi sind die Testfahrten damit vorzeitig beendet. Insgesamt konnte der Schweizer in Valencia 96 Runden bzw. 324 Kilometer zurücklegen. Das nächste Mal wird er erst beim Saisonauftakt in Mexiko-Stadt am 14. Januar 2023 am Steuer seines Envision sitzen. Ob er sein Selbstvertrauen bis dahin wird zurückgewinnen können?

zusätzliche Berichterstattung durch Timo Pape

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1 Kommentare

Thomas Imhof ·

Man kann nur hoffen , dass in den ersten Rennen nichts Ernsthaftes passiert

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