Formel E

Formel-E-Champion Vergne nach Gen4-Test mit Citroen: "Plötzlich sehe ich aus wie ein großer Star"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Jean-Eric-Vergne-Citroen-Gen4-test-in-the-car-helmet-visor-open

Mit 600 kW, permanentem Allradantrieb und deutlich mehr Abtrieb beginnt für die Formel E in der kommenden Saison eine neue Ära. Auch Stellantis arbeitet bereits intensiv an seinem Gen4-Fahrzeug, das unter den beiden Marken Citroen und Opel eingesetzt werden wird. Im Rahmen von privaten Gen4-Testfahrten des Herstellers sprach Citroen-Racing-Pilot Jean-Eric Vergne über seine ersten Eindrücke, die große technische Herausforderung und die Zukunft der Rennserie.

"Es ist ein großartiges Gefühl", beschreibt Vergne seine ersten Kilometer mit dem neuen Auto. Besonders die Beschleunigung habe ihn beeindruckt: "Mit dem Allradantrieb und 600 kW geht es unglaublich nach vorne. Ich glaube nicht, dass ich schon einmal in einem Auto gesessen habe, das so stark beschleunigt."

Doch nicht nur beim Beschleunigen macht sich der Technologiesprung bemerkbar. "Auch die Verzögerung ist sehr effizient. Dass wir die Differenziale sowohl an der Vorder- als auch an der Hinterachse steuern können, hilft dabei enorm", erklärt der zweimalige Formel-E-Champion. Sein erstes Fazit fällt entsprechend deutlich aus: "Insgesamt ist es ein gutes Auto und definitiv ein gewaltiger Schritt im Vergleich zum aktuellen Fahrzeug."

Vergne: "Gen4 wird ganz anders gefahren als Gen3"

Für die Fahrer bedeutet das neue Auto jedoch nicht nur mehr Leistung. Sie müssen sich auch auf ein grundlegend anderes Fahrverhalten einstellen. "Jedes Auto hat seine Eigenheiten und muss auf eine bestimmte Art gefahren werden", sagt Vergne. "Es gibt Fahrer, die im Gen3 sehr stark sind, es im Gen2 aber nicht waren, weil das eine Auto besser zu ihrem Fahrstil passt als das andere."

Beim Gen4 werde dies nicht anders sein: "Gen4 wird ganz anders gefahren als Gen3." Das mache die Entwicklung zu einer umfangreichen Aufgabe für Fahrer und Ingenieure. "Man muss wirklich jedes Detail verstehen", erklärt Vergne. "Wenn bei den Einstellungen, den Systemen, dem Set-up oder der Reifenvorbereitung nur eine Sache nicht stimmt, kann man schnell eine Sekunde verlieren."

Entscheidend sei deshalb nicht nur die Qualität einzelner Ingenieure, sondern vor allem ihre Zusammenarbeit. "Ein starkes Team wird eines sein, in dem die Ingenieure auf bestimmte Bereiche des Autos spezialisiert sind, sehr gut miteinander kommunizieren und alle Systeme perfekt zusammenspielen."

Auch der Fahrer müsse jederzeit genau wissen, was ihm das Auto zur Verfügung stelle. "Um das schnellste Team zu sein, wird wahrscheinlich noch mehr Arbeit nötig sein als in der Vergangenheit. Bei diesem Auto gibt es sehr viele Dinge, die man falsch einstellen kann. Deshalb wird es extrem wichtig sein, perfekt vorbereitet zu sein."

2 Aero-Pakete sorgen für deutliche Unterschiede

Eine zusätzliche Herausforderung sind die beiden unterschiedlichen Aerodynamik-Konfigurationen des Gen4-Fahrzeugs. Auf Nachfrage von e-Formel.de bestätigt Vergne, dass der Unterschied aus Fahrersicht deutlich spürbar ist. Zu den notwendigen Veränderungen am Setup will er keine konkreten Angaben machen. Mit einem Augenzwinkern behauptet der Franzose zunächst, der Umbau dauere fünf Stunden und das Auto müsse dabei "von A bis Z" verändert werden.

Beim Fahrverhalten wird Vergne anschließend konkreter: "Es gibt einen deutlichen Unterschied. Ich weiß nicht genau, wie viele Sekunden es sind, aber vor allem in schnellen Kurven und beim Bremsen ist er klar spürbar. Gerade beim Bremsen ist der Unterschied groß."

Das neue Fahrzeug dürfte nach Ansicht des Citroen-Piloten nicht nur sportlich, sondern auch bei den Fans einen großen Schritt nach vorne darstellen. "Hundertprozentig", antwortet Vergne auf die Frage, ob der Gen4 die Popularität der Meisterschaft steigern könne.

Als Beispiel nennt er die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. "Schaut euch einen beliebigen Formel-E-Fahrer an, der ein Bild seines Autos von einem Rennen veröffentlicht. Und dann vergleicht das mit einem Foto des Gen4 oder des Citroen Gen4 mit dieser Lackierung. Plötzlich sieht es so aus, als wäre ich ein großer Star. Wenn ich Bilder vom Gen3 poste, sieht es dagegen so aus, als wäre ich ein Niemand."

Für Vergne ist diese Begeisterung nicht nur Teil einer Marketingkampagne. "Es gibt Dinge im Leben, die man nicht vortäuschen kann. Natürlich ist das Auto am Ende auch ein Marketingprodukt. Aber dieses Produkt ist großartig." Auch die Fahrer müssten ihre Begeisterung nicht vorspielen: "Man merkt, wie ehrlich wir sind, wenn wir über dieses Auto sprechen. Beim Gen3 war ich nie so begeistert."

Mehr Grip, echte Regenreifen & langfristig Slicks?

Auch die neuen Bridgestone-Reifen hinterließen bei Vergne einen grundsätzlich positiven Eindruck. Besonders die Einführung eines speziellen Regenreifens begrüßt der Franzose: "Ich finde es großartig, dass wir jetzt einen richtigen Regenreifen haben. Mit den bisherigen Hankook-Reifen können wir im Regen praktisch keine Rennen fahren."

Die neuen Pneus bieten laut Vergne zudem mehr Grip als ihre Vorgänger. Ganz zufrieden ist er dennoch nicht. "Als Fahrer hätte ich mir einen noch größeren Schritt gewünscht. Das Auto ist schwerer, wodurch ein Teil des zusätzlichen Grips wieder ausgeglichen wird."

Vergne hofft deshalb auf eine Weiterentwicklung während der Gen4-Ära. "Ich hoffe, dass wir nach der ersten Saison weitere Verbesserungen bei den Reifen sehen. Langfristig sollte das Ziel sein, mit richtigen Slickreifen zu fahren."

Der Verschleiß bereitet ihm bislang keine größeren Sorgen. "Er ist in Ordnung. Die Reifen reagieren recht empfindlich auf thermischen Abbau, ansonsten sind sie gut", erklärt Vergne. Bridgestone wisse jedoch, wie solche Reifen entwickelt werden müssten: "Dort arbeiten sehr gute Leute, die wissen, wie man testet."

"Ich würde mich immer für das schnellere Auto entscheiden"

Mit den gestiegenen Leistungen verändert sich zwangsläufig auch die Auswahl möglicher Rennstrecken. Vergne gilt seit Jahren als Befürworter von Stadtkursen und sieht Rennen im Zentrum großer Metropolen weiterhin als einen wichtigen Teil der Formel-E-Identität.

"Ich war immer ein großer Fan davon, mitten in den Städten zu fahren, weil das für mich zur DNA der Formel E gehört", sagt er. Viele frühere Strecken seien für die neuen Fahrzeuge jedoch schlicht zu klein geworden. "Wenn ich mir den Kalender aus der Gen1- und Gen2-Zeit anschaue, können wir auf viele dieser Strecken heute nicht mehr zurückkehren. Das Auto ist ein echtes Biest: breiter, länger, deutlich schneller und schwerer."

Vor die Wahl zwischen traditionellen, engen Stadtkursen und einem leistungsfähigeren Fahrzeug gestellt, ist Vergnes Entscheidung eindeutig: "Ich würde mich zu 100 Prozent immer für das schnellere Auto entscheiden."

Dass die Formel E inzwischen häufiger auf größeren Rennstrecken oder weitläufigeren Kursen antritt, sei daher eine logische Entwicklung. Komplett auf Stadtrennen verzichten möchte Vergne dennoch nicht. "Es ist gut, dass wir einige Stadtkurse behalten. Ich würde gerne noch mehr davon sehen, aber sie müssen groß genug sein." Als Beispiele nennt er Strecken wie Baku oder Singapur, die von der Formel 1 genutzt werden. "Solche großen Stadtkurse wären schön. Aber einige der Strecken, auf denen wir früher gefahren sind, sind für dieses Auto einfach zu klein."

Dass die Entwicklung des Gen4 parallel zur laufenden Saison stattfindet, bereitet Vergne persönlich derweil keine großen Schwierigkeiten. Seine Begründung liefert er mit Humor: "Für mich ist das nicht besonders schwierig, weil meine Meisterschaft in diesem Jahr eindeutig nicht mehr am Leben ist. Deshalb bin ich lieber hier, als zuletzt in Shanghai."

Du nutzt Google und willst Inhalte von e-Formel.de besser finden? Dann kannst du die neue Google-Funktion "bevorzugte Quellen" aktivieren. Um e-Formel.de als "bevorzugte Quelle" zu hinterlegen, klicke einfach auf diesen Button und setze einen Haken. Fertig!

e-Formel.de als "bevorzugte Quelle" bei Google festlegen

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 6 plus 7.