Formel E

Formel-E-Gründer Agag lobt Saudi-Arabien: "Hier funktionieren einfach alle Dinge"

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Alejandro-Agag-Mohamad-bin-Salman-Diriyah-Grid

Am 26. Februar beginnt mit dem Diriyya E-Prix die Formel-E-Saison 2021. Für die Elektroserie, die im Sommer 2018 einen 10-Jahres-Vertrag mit Saudi-Arabien unterzeichnete, ist es bereits die dritte Rennveranstaltung auf dem Straßenkurs vor den Toren Riads. Formel-E-Gründer Alejandro Agag will mit dem Event einen gesellschaftlichen Wandel im Königreich begleiten - und wirbt auf einer Investorenkonferenz um die Gunst des saudischen Kronprinzen.

Nach der Rallye Dakar im Januar bildet das Formel-E-Rennen das zweite von insgesamt vier großen Motorsport-Events 2021 in Saudi-Arabien. Nur wenige Wochen nach dem Diriyya E-Prix will die Extreme E in der Al-'Ula-Wüste mit einer Offroad-Rallye ihre Saison starten. Im November ist schließlich sogar ein Formel-1-Rennen auf einem Straßenkurs in der Hafen-Metropole Dschidda geplant.

"Die Dakar-Rallye war wie ein Wunder", findet der Formel-E-Gründer und -Vorstandsvorsitzende Alejandro Agag. Am Rande der FII-Investorenkonferenz führt der Spanier aus: "An dem Tag, an dem die Rallye beginnen sollte, wurde die Einreise nach Saudi-Arabien gestoppt. Das Team im Sportministerium und im Motorsport-Verband hat dennoch Charter-Flüge organisiert bekommen, um 3.500 Personen einzufliegen und das Rennen auszutragen."

Die geringen organisatorischen Hürden seien ein Hauptgrund für den Formel-E-Start in Diriyya: "In Saudi-Arabien funktionieren einfach alle Dinge. (…) Hier ist nichts unmöglich", so Agag. Davon profitiert nun auch die Formel E, denn Kronprinz Mohammed bin Salman hat der Elektroserie trotz geschlossener Grenzen für Einreisende aus gut 20 Ländern eine Ausnahmeregelung erteilt. In einem fast 100-seitigen Dokument wird laut 'The Race' unter anderem geregelt, dass sich das gesamte Formel-E-Personal nach Einreise zunächst 48 Stunden in Quarantäne begeben muss.

Agag: Wirtschaftlicher Erfolg nur mit Klimaschutz

Gegenüber anderen Rennserien habe die Formel E, gemeinsam mit ihrer Schwesterserie Extreme E, einen entscheidenden Vorteil. "Dieses Jahrzehnt ist eines der Klimaschutzmaßnahmen. Wer diese Richtung nicht einschlägt, wird in den nächsten Jahren keinen Erfolg haben", erläutert der ehemalige EU-Parlamentsabgeordnete. "Die Formel E und Extreme E bewerben elektrischen Motorsport und sind damit in der einzigartigen Position, um die Welle der Klimaaktionen voranzutreiben."

Agag weiter: "Ich habe immer gesagt, dass die Formel 1 irgendwann elektrisch werden muss. Das Problem ist, dass sie das nicht können, weil wir mit der Formel E noch eine Exklusiv-Lizenz für die nächsten 19 Jahre haben. Die Welt entwickelt sich dennoch in diese Richtung, genau wie alle Geschäftsmodelle. Wenn wir das Problem des Klimawandels nicht angehen, werden wir in diesem Jahrzehnt keinen Erfolg haben."

Formel E will Gesellschaftswandel begleiten

Mit dem Diriyya E-Prix will Alejandro Agag auch einen gesellschaftlichen Wandel in Saudi-Arabien begleiten. Im November 2018 fand am Tag nach den Formel-E-Rennen bereits ein medienwirksamer "In-Season-Test" statt, bei dem zahlreiche Teams ihre Autos mit Fahrerinnen besetzten.

"Die Beziehung zwischen Saudi-Arabien und der Formel E ist besonders. Wir haben Glück, dass wir hierhin eingeladen worden sind, um den Wandel in Saudi-Arabien zu begleiten", sagt Agag. Auch er erinnere sich noch gut an das erste Formel-E-Rennen im Königreich: "Kurz nachdem Frauen die Erlaubnis bekommen haben, Autos zu fahren, fand hier der erste E-Prix statt. Es war auch das erste Mal, dass große Konzerte stattfinden konnten. All das haben wir Seiner Königlichen Hoheit, dem Kronprinzen, zu verdanken."

"Wir haben großes Glück, ein Teil davon zu sein. Für die Formel E ist Saudi-Arabien ein besonderer Ort, der einen besonderen Platz in unserem Herzen hat. Und es macht uns stolz, auch wenn wir nur ein kleiner Teil dieses Wandels sind."

Meinung von Tobias Bluhm: Auf Kuschelkurs mit einem undemokratischen Regime

Schon als sich die Formel E im vergangenen Sommer mit der #PositivelyCharged-Kampagne für soziale Gerechtigkeit stark machte, kritisierten einige meiner Kolleginnen und Kollegen die Elektro-Meisterschaft für die Worthülsen, die Agag und der Formel-E-Geschäftsführer Jamie Reigle in ihrem offenen Brief verwendeten. Das Duo sprach damals von einer "besseren Zukunft", einer "Vereinigung gegen Diskriminierung in aller Form" und einer neuen "Kultur der Inklusivität". Diese Werte will die Formel E mit dem geplanten "Positive Futures"-Programm auch in der Saison 2021 verteidigen.

Wie viel Substanz hinter den Versprechungen steckt, verdeutlicht kein Event so gut wie der Diriyya E-Prix. Zwar stieß der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman in den vergangenen Jahren zahlreiche gesellschaftliche Transformationen an, um das Image des knochenkonservativen Königreichs umzukrempeln. Bekannt ist aber auch, wie "MBS" dabei die Demokratisierung seines Landes um jeden Preis umgeht. Aktivisten werden für bin Salmans "Vision 2030" beiseite geräumt und vertrieben, kritische Journalisten in Konsulaten getötet, libanesische Premierminister vor laufenden Kameras mutmaßlich zum Rücktritt gezwungen. Stichwort: "Hier funktionieren alle Dinge, nichts ist unmöglich."

Die jüngsten Anbiederungen von Alejandro Agag an den Kronprinzen sollten einem Demokraten das Blut in den Adern gefrieren lassen. Unter dem Eindruck von Agags Kuschelkurs mit dem saudi-arabischen Regime muss Jahr für Jahr aufs Neue die Frage erlaubt sein: Wie kann die Formel E ihre selbsterklärten gesellschaftlichen Prinzipien mit einem Rennen in Saudi-Arabien vereinen? Vielleicht eine Frage, die sich bei einem Gespräch in der Königlichen Loge über der Rennstrecke klären ließe.

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