Formel E

Mercedes verliert London-Doppelsieg durch "viel zu optimistischen Angriff" von Rowland, de Vries erneut 2.

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Julius-Baer-Formula-E-London

Nyck de Vries stieg beim London E-Prix der Formel E wie der sprichwörtliche "Phönix aus der Asche" auf. Nachdem er mit einem Podium am Samstag sein seit Wochen andauerndes Formtief beendete, erreichte er auch im Sonntagsrennen das Treppchen. Pole-Sitter Stoffel Vandoorne fiel nach einem "wahnsinnigen" Unfall mit Oliver Rowland (Nissan) weit zurück.

Dabei begann der Rennsonntag für Vandoorne eigentlich mit jeder Menge Grund zur Freude. Im Qualifying sicherte sich der Belgier souverän die Pole-Position vor Rowland, der auch in der Startphase nicht an Vandoorne vorbeikam.

Während einer Safety-Car-Phase rutschten beide hinter Lucas di Grassi (Audi) zurück, der sich mit einer kontroversen Abkürzung durch die Boxengasse die Spitzenposition des Rennens holte. Im Positionskampf um Rang 2 verbremste sich Rowland schließlich vor Kurve 10 und schlitterte mit blockierenden Rädern in Vandoornes Fahrzeug. Beide verloren zahlreiche Positionen.

"Das ist unheimlich enttäuschend und frustrierend", sagt der Belgier. "Ich hatte alles unter Kontrolle und stehe nun ohne Punkte da. Ich habe mit Oliver gesprochen, und er hat Verantwortung für den Zwischenfall übernommen. Es schmerzt, so viele Punkte und einen möglichen Rennsieg auf diese Art zu verlieren. Die Punkte wären immens wichtig gewesen, weil es in dieser Saison so eng ist."

Oliver Rowland entschuldigte sich nach dem Rennen auch öffentlich bei Mercedes. "Heute war ein enttäuschender Tag", sagt der Brite. "Wir hatten gute Pace im Qualifying und im Rennen, allerdings hat ein Fehler das Rennen von Stoffel und mir ruiniert. Es tut mir für ihn und das Team leid. Wir schlagen in Berlin zurück!"

Mercedes-Chef kritisiert Rowland für "folgenschweren Zwischenfall"

Mercedes-Teamchef Ian James zeigte sich nach dem Ende des Rennens ähnlich enttäuscht wie Vandoorne, wird jedoch etwas deutlicher: "Das zweite Safety-Car hat die Dinge heute auf den Kopf gestellt", analysiert der Brite. "Erst hat di Grassi die Führung übernommen, als er in der Boxengasse auch an Stoffel vorbeigefahren ist. Sobald das Safety-Car wieder reinkam, wurde Stoffel dann bei einem viel zu optimistischen Angriff von Rowland aus dem Rennen gerissen."

"Er hat sein Auto beschädigt und ihn auf Platz 15 zurückgeworfen. Das war ein unglaublich frustrierender und folgenschwerer Zwischenfall, der Stoffel einen möglichen Sieg gekostet hat", so James. "Zum Glück hat sich Nyck aus dem Wahnsinn herausgehalten und das Auto auf einem verdienten zweiten Platz nach Hause gebracht."

Der Niederländer de Vries tauschte in der Startphase des Rennens mehrfach die Führung mit Vandoorne, lag zum Zeitpunkt des Rowland-Zwischenfalls jedoch hinter seinem Teamkollegen. 16 Minuten vor Ablauf der Rennzeit überholte ihn Alex Lynn (Mahindra) mit Unterstützung des FANBOOSTs in Kurve 1, sodass de Vries zwischenzeitlich auf Rang 3 abrutschte. Nach di Grassis Disqualifikation wurde der Mercedes-Pilot als Zweiter gewertet.

De Vries: "Di Grassi hatte dort nicht sein dürfen"

"Das ist mein zweites Podium an diesem Wochenende, aber letztlich bin ich ein wenig enttäuscht, heute nur Zweiter geworden zu sein", erklärt de Vries. "Am meisten tut es mir aber für meinen Teamkollegen Stoffel leid, der meiner Meinung nach den Sieg verdient hatte, aber von Oliver Rowland aus dem Rennen genommen wurde. In solchen Fällen kann man nichts machen."

"Alles in allem hatten wir ein bisschen Pech mit dem Safety-Car, denn wir hatten gerade den Attack-Mode aktiviert, als es auf die Strecke kam. Das hat mich nach dem Restart verwundbar gemacht, und dann war Lucas di Grassi plötzlich vorne und kämpfte um die Führung. Das hat mich wirklich überrascht, denn er hätte dort nicht sein dürfen", findet er.

"Am Ende waren Alex Lynn und Mahindra die verdienten Sieger. Ich habe alles gegeben, aber leider war es nicht möglich, neben ihn zu kommen und einen weiteren Angriff zu starten."

De Vries übernahm dank seines Doppelpodiums in London die Gesamtführung in der Fahrer-WM vor seinem Landsmann Robin Frijns (Virgin), der sonntags Platz 4 erreichte. Vandoorne schaffte es beim Zieleinlauf nur auf Platz 15. Der mehrfache Rennsieger benötigt beim Saisonfinale in Berlin zwei herausragende Ergebnisse, um in den Titelkampf einzugreifen. Mercedes liegt dank des London-Wochenendes nun auf der zweiten Position in der Teammeisterschaft.

Mercedes' Formel-E-Team von F1-Gerüchten unbeeindruckt

Die insgesamt erfolgreichen Saisons von de Vries und Vandoorne bleiben auch in anderen Rennserien nicht unbemerkt - allen voran in der Formel 1. Seit mehreren Wochen ranken sich Gerüchte um die Zukunft beider Fahrer, die womöglich für das Team Williams F1 infrage kommen könnten. Im Winter 2020 absolvierten beide beim Nachwuchsfahrer-Test der Formel 1 einige Runden mit dem Mercedes-Team in Abu Dhabi (siehe Bild).

Insbesondere de Vries gilt für das britische Team als heißer Kandidat, sollte George Russell in der kommenden Saison anstelle von Valtteri Bottas für das Mercedes-Werksteam antreten. "Das ist eine persönliche Philosophie von mir, aber meiner Meinung nach sollte man Menschen unterstützen, wenn sich eine (Karriere-) Möglichkeit für sie auftut", findet Mercedes' Formel-E-Chef James.

Bei den Kollegen von 'The Race' fügt er an, dass er "momentan trotzdem entspannt" sei: "Es gibt keine Pläne oder Entwicklungen in diese Richtung." Scheinbar ist ein möglicher Abgang von Vandoorne oder de Vries noch nicht auf Mercedes' Radar. Das erfolgreiche London-Wochenende von de Vries blieb jedoch sicherlich nicht unbemerkt, zumal mit Motorsportchef Toto Wolff ein einflussreicher Mercedes-Entscheidungsträger in der F1 das Samstagsrennen live verfolgte.

Eine Entscheidung zur Zukunft von de Vries und Vandoorne wird derzeit nicht vor dem Finale der Saison 2021 erwartet. Dieses findet am 14./15. August 2021 in Berlin statt, wo die Formel E abermals auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof gastiert.

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