Formel E

Formel-E-Regelkunde: Darum gewann Nick Cassidy trotz seines schweren Unfalls in New York City

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

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Das elfte Saisonrennen der Formel-E-Weltmeisterschaft 2022 in New York City endete mit einem Rennabbruch: Obwohl Nick Cassidy als erster Pilot Aquaplaning bekam und mit hohem Tempo in die TecPro-Barriere prallte, wurde er nach längerer Unterbrechung und dem schlussendlichen Abbruch als Sieger des Rennens gewertet. Wir erklären, warum.

In der 31. Runde des Samstagsrennens überschlugen sich die Ereignisse: Sintflutartige Regenfälle sorgten für große Pfützen am Ende der Gegengeraden. An dieser Stelle, wo die Fahrzeuge mit deutlich mehr als 200 km/h für die Kurvenkombination 6/7 anbremsen, schwammen mehrere Fahrzeuge auf und "kreiselten" von der Strecke.

Neben Nick Cassidy, dem bis dahin Führenden, erwischte es mit Lucas di Grassi, Stoffel Vandoorne und Edo Mortara auch die Fahrer auf den Positionen 2, 4 und 5. Pascal Wehrlein auf Platz 6 wurde zudem vom hinter ihm fahrenden Sebastien Buemi getroffen. Auch diese beiden Piloten mussten anschließend aussteigen. Wehrleins Porsche blieb nach dem Treffer auf der Strecke stehen und wurde auch noch von Jake Dennis und Sam Bird "auf die Hörner genommen".

Folgerichtig zeigte die Rennleitung 7:30 Minuten vor dem Ende der Rennzeit die rote Flagge und unterbrach das Rennen. Verwirrend war jedoch der angezeigte Zwischenstand: Zum Zeitpunkt des Rennabbruchs führte dort Robin Frijns vor Edo Mortara, Mitch Evans und Nyck de Vries. Die beiden Letztgenannten waren an allen havarierten Fahrzeugen vorbeigefahren, bevor die Rennunterbrechung kam. Hinter ihnen in der Wertung lagen zunächst Cassidy, di Grassi und Vandoorne.

Frijns: "Die Regel ist definitiv gut"

Mehrere Fahrer äußerten in Interviews noch während der Rennunterbrechung und nach dem Rennen, dass es am fairsten sei, die Reihenfolge vor dem Rennabbruch für das Ergebnis zugrunde zu legen. So auch Rennsieger Nick Cassidy: "Ich bin natürlich nicht ganz objektiv, aber denke, das war die richtige Entscheidung." "Die Regel ist definitiv gut. Wir haben verdient gewonnen", stimmt ihm auch sein Teamkollege Robin Frijns zu. Doch wie lautet die Regel?

Dass die Reihenfolge auf den Zeitenmonitoren - egal ob bei einem Rennabbruch oder einer Fortsetzung - keinen Bestand haben würde, war eigentlich von vornherein klar. Paragraf 40.3 des Sportlichen Reglements besagt für den Fall einer Rennunterbrechung: "In jedem Fall wird die Reihenfolge vom letzten Punkt ermittelt, an dem die Position sämtlicher Fahrzeuge festgestellt werden konnte."

Hier wird daher vom letzten Fahrzeug ausgegangen, das in der Reihung vor dem Führenden liegt, in diesem Fall Oliver Askew. Mögliche Punkte, die Reihenfolge der Fahrzeuge zweifelsfrei zu ermitteln, sind neben der Ziellinie auch die beiden Sektorgrenzen sowie die erste und zweite Safety-Car-Linie, die sich im Bereich der Boxenein- und der Boxenausfahrt befinden. Der letzte dieser Punkte, den Oliver Askew vor der Roten Flagge passiert hatte, wäre also maßgeblich zur Ermittlung der Reihenfolge für einen möglichen Neustart.

Dazu kam es jedoch nicht. Die Rennleitung entschied stattdessen, das Rennen abzubrechen. Hierdurch änderte sich die Reihenfolge zurück auf den Stand vor den Unfällen. Aber nicht nur das: Es gab eine weitere Veränderung im Klassement zum Nachteil von Pascal Wehrlein, der in der 30. Runde Sebastien Buemi überholt hatte. Für die Wertung wurde schließlich das Ende der 29. Runde herangezogen, als Wehrlein noch hinter Buemi fuhr.

Gerade so volle Punkte vergeben

Auch hier hatte die Rennleitung keinen Spielraum, um "eine möglichst faire Lösung" zu treffen, denn das Regelwerk ist in Paragraf 40.9 eindeutig: "Wenn ein Rennen nicht wieder aufgenommen werden kann, werden die Ergebnisse vom Ende der vorletzten Runde genommen, bevor das Signal zur Rennunterbrechung gegeben wurde."

Dies war 2:26 Minuten vor dem Rennabbruch. Zum Glück für die Fahrer waren zu diesem Zeitpunkt bereits 35:04 Minuten der Rennzeit absolviert. Aus diesem Grund erhielten die Piloten volle Punkte für die Weltmeisterschaftswertung. Wäre es nur eine Runde weniger gewesen, was bei Renntempo etwas mehr als 1:10 Minuten entspricht, wären nur halbe Punkte vergeben worden. Das hätte beispielsweise zur Folge gehabt, dass Nick Cassidy 12,5 Punkte erhalten hätte.

Auch dieser Fall ist in Paragraf 6.4 der Regeln klar formuliert: "Wenn ein Rennen nach Paragraf 40 unterbrochen wird und nicht fortgesetzt werden kann, werden keine Punkte vergeben, wenn der Führende weniger als zwei Runden absolviert hat. Halbe Punkte werden vergeben, sollten mehr als zwei Runden, aber weniger als 75 Prozent der Renndauer (34 Minuten) absolviert sein. Volle Punkte gibt es dann, wenn der Führende 75 Prozent des Rennens (34 Minuten) oder mehr absolviert hat."

Es lässt sich also festhalten, das die Rennleitung mit Blick auf die Regelanwendung alles richtig gemacht hat. Ob das auch für den Zeitpunkt der ausgerufenen Full-Course-Yellow-Phase zutrifft, ist zu diskutieren. Aus Sicht von Lucas di Grassi hat die FIA "etwas zu spät" gehandelt...

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