Formel E: Über den Gen4-Boliden spricht plötzlich auch die Formel 1
Tobias Wirtz
FIA Formula E
Bevor der Gen4-Bolide überhaupt offiziell debütiert, hat er bereits etwas geschafft, woran sich frühere Formel-E-Autos die Zähne ausgebissen haben: Er macht Formel-1-Fahrer neugierig. Wie Formel-E-CEO Jeff Dodds berichtet, haben sich bereits mehrere Formel-1-Fahrer bei ihm gemeldet, um ihr Interesse an einem Test des neuen Fahrzeugs zu bekunden. Damit deutet sich schon vor dem Start der neuen Fahrzeuggeneration ein bemerkenswerter Effekt an: Der Gen4-Rennwagen scheint eine Anziehungskraft zu entwickeln, die frühere Formel-E-Autos in dieser Form nicht hatten.
Dodds macht dabei klar, dass es nicht um vereinzelte Neugier geht, sondern um ein spürbares Echo aus dem Fahrerlager anderer Serien. Namen nennt er nicht. Den Ausschlag gibt aus seiner Sicht der technische Sprung des neuen Autos. Er ordnet dieses im Vergleich zu den bisherigen Generationen als entscheidenden Schritt ein und betont, dass die Formel E damit eine neue Leistungsstufe erreicht.
"Die Gründer der Formel E waren ihrer Zeit voraus", so Dodds bei SoyMotor.com. "Das erste Auto, der Gen1, war technologisch noch nicht so weit: Man brauchte im Grunde zwei Autos für ein Rennen, die Batterie war nicht gut genug, die Endgeschwindigkeit war nicht besonders, die Beschleunigung war okay, aber nicht herausragend. Der Gen4 ist das erste Auto, das schneller sein wird als ein Formel-2-Wagen und der Formel 1 dicht auf den Fersen ist."
Dodds zeichnet den Gen4 damit nicht als gewöhnliches Technik-Update, sondern als Reputationsprojekt. Weg vom reinen Zukunftsversprechen, hin zu einer Performance, die auch außerhalb der Formel E ernst genommen wird. Statt vor allem über Konzept und Zukunftstechnologie wahrgenommen zu werden, rückt mit dem neuen Boliden stärker die Performance in den Mittelpunkt.
"Ein echter Wendepunkt" für die Formel E
Für Dodds ist der Gen4-Bolide deshalb mehr als ein neues Chassis oder ein weiteres Reglement-Kapitel. Er verbindet mit dem Auto ausdrücklich einen strategischen und sportlichen Wendepunkt für die Serie.
"Mit der Zeit wird die Formel E sogar die Formel 1 übertreffen", prognostiziert Dodds. "Ich glaube, es ist das erste Mal, dass man als Formel-1- oder Formel-2-Fahrer auf dieses Auto schaut und wirklich sagt: Das will ich ausprobieren. Sofortiges Gefühl, sofortige Brutalität, wenn du aufs Pedal gehst. Ein ganz anderes Fahrerlebnis, eine unglaubliche Endgeschwindigkeit. Deshalb ist der Gen4 für uns ein ganz wichtiger Moment, ein echter Wendepunkt."
Auffällig ist dabei, wie stark Dodds das unmittelbare Fahrerlebnis betont. Seine Aussagen zielen nicht nur auf die nackten technischen Daten, sondern auf das, was ein Fahrer im Cockpit spürt. Genau das ist auch der Punkt, der für Piloten aus anderen Topserien besonders relevant ist.
Erstmals direkte Anfragen von Formel-1-Fahrern
Besonders deutlich wird der Unterschied zur aktuellen Generation in Dodds’ Schilderung der Kontakte mit Formel-1-Fahrern: "Ich habe mit mehreren Formel-1-Fahrern gesprochen, nicht nur mit einem. Ich werde keine Namen nennen, weil das ihnen gegenüber nicht fair wäre, weil ich ein privates Verhältnis zu ihnen habe. Aber wenn ich ehrlich bin: Zu Gen3-Zeiten hat mir niemand geschrieben und gefragt, ob es eine Möglichkeit gibt, ins Auto zu steigen und es zu testen."
Für die Formel E ist das mehr als ein PR-Effekt. Wenn aktive Formel-1-Fahrer nicht nur öffentlich loben, sondern intern nach Testmöglichkeiten fragen, ist das eine andere Qualität von Aufmerksamkeit. Der Gen4-Rennwagen gewinnt damit Relevanz über die eigene Serie hinaus. Und das nicht nur medial, sondern direkt unter aktiven Fahrern aus der "Königsklasse" des Motorsports.
Positive Rückmeldungen aus dem Fahrerlager als Auslöser
Den Ausschlag geben nach Dodds’ Einschätzung vor allem die Rückmeldungen jener Fahrer, die den Gen4 bereits getestet haben. "Der Gen4 war die erste echte Gelegenheit dafür. Diese Jungs sind generell ja alle miteinander befreundet - alle Fahrer kennen sich untereinander. Wahrscheinlich sind es die Dinge, die die Fahrer hier nach ihren Tests über das Auto gesagt haben, die die Formel-1-Fahrer neugierig gemacht haben und sie fragen lassen, ob sie es ausprobieren können."
Ein klassischer Effekt, nicht nur im Motorsport: Es spricht sich schnell herum, wenn etwas Neues die Leute überzeugt. Für die Rennserie, die auch in ihrer zwölften Saison in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin klar hinter der Formel 1 liegt, dürfte genau darin eine der größten Hoffnungen liegen, die sie mit dem Gen4-Boliden verbindet. Und das noch vor dem ersten Renneinsatz des Autos.
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