Formel E

Gen3-Enthüllung, neue Hersteller & Mercedes-Aus: Die größten Formel-E-Geschichten 2022

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Vandoorne-Seoul-World-Champion-Tartanbahn

Sowohl auf als auch abseits der Strecke liegt ein bewegendes Jahr hinter der Formel E. Während Stoffel Vandoorne in der vorerst letzten Mercedes-Saison Kurs auf seinen ersten WM-Titel nahm - und am Ende erfolgreich war -, stellte die Elektroserie politisch die Weichen für ihre eigene Zukunft. Das Gen3-Auto wurde vorgestellt, und auch sonst gab es viele Neuerungen im Jahr 2022. Ein Rückblick.

16 Rennen, acht verschiedene Sieger, ein neuer Champion - soweit die Statistik. Inmitten der letzten Auswirkungen der Corona-Krise und wirtschaftlichen Herausforderungen absolvierte die Formel E 2022 ihre achte Rennsaison. Das vergangene Jahr war geprägt von immer neuen Wendungen: Hersteller stiegen aus und ein, Fahrer kamen und gingen, Regeln wurden angepasst.

Was das Fahrerlager der Formel E in den vergangenen zwölf Monaten beschäftigte, liest du in unserem traditionellen Jahresrückblick. Vielen Dank für deine Treue - und auf ein erfolgreiches 2023! Übrigens: Wenn du unsere unabhängige Berichterstattung im neuen Jahr unterstützen möchtest, möchten wir dir unser freiwilliges, vollkommen flexibles Supporter-Modell auf Steady ans Herz legen.

Die größten 10 Formel-E-Geschichten des Jahres 2022

Millionenpublikum bei erstem Jakarta E-Prix

Mit einer Mischung aus Skepsis und Vorfreude wurde der erste Jakarta E-Prix vom indonesischen Publikum verfolgt. Für den Formel-E-Lauf finanzierte die Stadtverwaltung den Bau einer neuen, semi-permanenten Strecke im Norden der Metropole.

Wie groß das Interesse am Rennen tatsächlich war, überraschte die Formel E aber wohl selbst: 27,6 Millionen Menschen schalteten allein in Indonesien den Fernseher zum Rennen ein. Nie gab es mehr Zuschauer:innen in einem Land bei einem E-Prix. Zum Vergleich: Der Deutschland-Rekord, aufgestellt beim New York City E-Prix 2021 von Sat.1, liegt derzeit bei 1,7 Millionen.

Formel E verabschiedet Kostendeckel für 2023

Mehrere Monate dauerte das Ringen um den Kostenrahmen für die Zukunft der Formel E an. McLaren machte die Begrenzung der Ausgaben gar zum Einstiegskriterium. Schließlich fiel die Entscheidung in enger Abstimmung mit der FIA: Ab 2023 dürfen die Teams der Formel E nur noch in einem beschränkten Rahmen Ressourcen investieren.

Zwar beklagten sich einige Rennställe anschließend über den ihrer Meinung nach weit gefassten Rahmen. Nichtsdestotrotz dürfte die Beschränkung aller Teamausgaben auf jährlich zunächst 13 Mio. Euro, ab 2024 dann 15 Mio. Euro (inklusive Fahrergehälter) wegweisend für die Zukunft der Formel E sein.

Maserati & McLaren verkünden Einstiege

Das Feld der Formel E wandelt sich ständig - so auch in diesem Jahr. Nachdem Mercedes im Sommer 2021 den Ausstieg aus der Meisterschaft bekannt gegeben hatte, suchte die Elektroserie gemeinsam mit den Stuttgartern nach Wegen, um die Mitarbeiter:innen bei einem Nachfolgerennstall anzustellen.

Die Lösung konnte die Serie im Sommer ankündigen: McLaren gründete ein eigenes Formel-E-Team. Zwar als Kundenteam von Nissan, sehr wohl aber mit einer eigenen Teamführung, bestritt das britische Team in Papaya-Orange im Dezember seinen ersten öffentlichen Test. Ab 2023 werden Jake Hughes und Rene Rast für McLaren in die Lenkräder greifen.

Ebenfalls schrieb sich in diesem Jahr Maserati ein. Nach 63 Jahren ohne einen Einsatz im Formelsport wird die Marke mit dem Dreizack-Logo künftig in der Formel E antreten, angetrieben von DS-Motoren und gemeinsam mit den routinierten Fahrern Edoardo Mortara und Maximilian Günther. Die Ausstiege der deutschen Konstrukteure Audi, BMW und Mercedes, die in der Vergangenheit für Negativschlagzeilen sorgten, gehören somit endgültig der Vergangenheit an.

Venturi wird zur Monaco Sports Group

Für den Einstieg in die Formel E organisierte sich Maserati die Dienstleistungen des ehemaligen Mercedes-Kundenteams Venturi. Die Mannschaft, die seit dem ersten Jahr der Elektroserie antritt, durchlief nach dem Saisonfinale in Seoul einen umfangreichen Wandel: Das Team wurde in "Monaco Sports Group" (MSG) umbenannt, die Führungsriege um Susie Wolff (CEO) und Jerome d'Ambrosio (Teamchef) ausgetauscht. Seitdem koordiniert James Rossiter die Geschicke von MSG.

Der Name Venturi Racing gehört der Vergangenheit an. Venturi-Präsident Gildo Pastor hat allerdings schon Pläne, wie es künftig mit dem Unternehmen weitergehen soll: Venturi fokussiert sich künftig auf den Bau von elektrischen Mond- und Mars-Rovern, die bei der Erkundung des Weltalls eingesetzt werden sollen.

Mercedes gewinnt in seinem letzten Rennen den Titel

Seit rund einem Jahr war bekannt, dass Mercedes der Formel E den Rücken kehren wird. Das Team aus Stuttgart und Brackley verließ die Elektro-Meisterschaft aber nicht ohne ein letztes Highlight: Im vorerst letzten Rennen der "Silberpfeile", dem Seoul E-Prix 2022, sicherte sich Stoffel Vandoorne seinen ersten WM-Titel in der Formel E.

Der Belgier hatte im Saisonverlauf lediglich einen E-Prix gewonnen, fuhr allerdings häufiger als alle anderen Fahrer in die Punkteränge. Außerdem ging auch der Teamtitel zum zweiten Mal in Folge nach Stuttgart. Die beeindruckende Mercedes-Bilanz nach vier Jahren (inklusive HWA): je zwei Fahrer- und Teammeisterschaften, 22 Podestplatzierungen, davon sieben Mal als Sieger, acht Pole-Positions und 647 erzielte Punkte. Und all das in nur 42 gefahrenen Rennen.

Das Drama um den Vancouver E-Prix

Ein "windiges" Organisationskomitee, verschollenes Geld und noch viel mehr erzürnte Fans - das ist, was von der Saga des Vancouver E-Prix übrig blieb. Eigentlich wollte die Formel E im Sommer zum ersten Mal seit dem Pannen-Saisonfinale 2017 wieder in Kanada fahren. Doch die Veranstaltung in British Columbia entwickelte sich zur Farce.

Die Organisator:innen in Vancouver waren trotz - oder gerade wegen - ambitionierten Plänen für ein "Canadian E-Fest" nicht in der Lage, die Finanzierung des Events zu gewährleisten. Unerfüllte Verträge veranlassten die Formel E schließlich dazu, den E-Prix aus dem Kalender zu streichen und durch einen Lauf in Marokko zu ersetzen. Auch 2023 wird nicht in Vancouver gefahren. Tausende unzufriedene Fans warten übrigens bis heute auf die Rückzahlung von Ticketkosten.

Bremsprobleme überschatten Gen3-Vorbereitungen

Im Frühjahr 2022 begannen die Formel-E-Hersteller, sich auf die Gen3-Ära der Serie vorzubereiten. Bei privaten Tests identifizierten mehrere Konstrukteure allerdings ein Problem, das Mitarbeiter:innen der FIA seither einige schlaflose Nächte bereitet haben dürfte: Bei mehreren Teams kam es in der Saisonvorbereitung zu schweren Unfällen. Da die neuen Autos an der Hinterachse nur über die Rekuperation verzögert werden, sind sie bei Antriebsstrang-Problemen deutlich anfälliger für Bremsversagen.

Bekannt sind Fälle bei Mahindra, Jaguar, Envision, Nissan und Porsche, deren Fahrer in den vergangenen Monaten an teils heftigen Unfälle auf privaten Rennkursen beteiligt waren. Die FIA arbeitet derzeit an einem Notfallbremssystem - dieses soll aber noch nicht für den bevorstehenden Saisonstart in Mexiko-Stadt verfügbar sein. Es bleibt zu hoffen, dass das Bremsproblem nicht auch 2023 ein Thema bleibt…

ABT Sportsline kehrt zurück

Der Startschuss zum Diriyya E-Prix 2022 dürfte in der ABT-Zentrale in Kempten eine Menge Unbehagen ausgelöst haben. Schließlich war der Lauf in Saudi-Arabien der erste in der Formel-E-Geschichte, bei dem kein Fahrzeug mit dem Schriftzug der Allgäuer Firma antrat. Hinter den Kulissen begann alsbald die Organisation eines neuen Einsatzes für 2023 - mit Erfolg.

Im Sommer präsentierte Geschäftsführer Thomas Biermaier sein kleines Team, das sich eine Startlizenz für die nächste Saison gesichert hatte. In den vergangenen Monaten wurde im Hintergrund eifrig am Comeback von ABT Sportsline gearbeitet, das mit der Bekanntgabe des Antriebslieferanten Mahindra und des technischen Partners Cupra endgültig besiegelt wurde. Die "Äbte" werden im nächsten Jahr das elfte Team in der Startaufstellung sein: willkommen zurück!

Regenchaos & Massencrash beim New York City E-Prix

Nick Cassidy (Envision) lag in Führung, als am "Big Apple" schwerer Regen einsetzte. Binnen weniger Minuten war die Strecke geflutet, und die gegen Rennende schon stark abgenutzten Allwetterreifen schienen nicht mehr in der Lage zu sein, das Wasser auf der langen Gegengeraden zu verdrängen. Cassidy flog in Kurve 4 spektakulär und mit hoher Geschwindigkeit ab. Ihm folgten mehrere Autos in die kurze Auslaufzone.

Wie durch ein Wunder konnten alle sich Beteiligten ohne größere Blessuren aus ihren Wracks befreien. Der E-Prix wurde abgebrochen und nicht mehr neu gestartet. Was für ein Chaos! Das Bild des Carbon-Schrotthaufens in Brooklyn zählt zu den eindrucksvollsten des Jahres.

Formel E enthüllt Gen3-Auto in Monaco

Über Monate kursierten verschiedene technische Angaben zum Gen3-Auto. Die Formel E veröffentlichte im Frühjahr schließlich erste Teaserfotos des neuen Wagens in den sozialen Medien. Bei einer Veranstaltung im Jachtclub Monacos war es dann im April schließlich so weit: Die Serie enthüllte die Karosserie des neuen Gen3-Boliden.

Die Optik des Autos wurde von der Fangemeinde mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Manche lobten den futuristischen Look, andere zogen Vergleiche zwischen dem Auto und einem Papierflieger oder Nacho-Chip. Die technischen Daten können sich dennoch sehen lassen: Der Wagen hat künftig mehr Leistung, kann mehr Energie denn je zurückgewinnen und bei Schnellladeboxenstopps während der E-Prix geladen werden. Das Datum für den ersten Renneinsatz des Gen3-Flitzers ist der 14. Januar 2023.

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