Großes Dilemma für die Formel E vor Gen4-Start: Fliegt Tokio für 2027 aus dem Rennkalender?
Thomas Grüssmer
FIA Formula E
Im Juli reist die Formel E wieder nach Tokio, um dort die Rennen 14 und 15 der aktuellen WM-Saison auszutragen. Für die kommende Saison könnte sich das aber ändern: Zum jetzigen Zeitpunkt besteht zwischen der Hauptstadt Japans und der Formel E noch kein Deal für ein Rennen nach 2026. Vor dem Start der Gen4-Ära gibt es neben Fragen bezüglich der Eignung der aktuellen Rennstrecke für die deutlich schnelleren Elektroboliden auch Sorgen um die Finanzierung des Events. Sollte eine Einigung nicht zustande kommen, gibt es möglicherweise andere Optionen für die Formel E, auch in Zukunft in Japan fahren zu können.
Es dauerte zehn Jahre, bevor die Formel E 2024 zum ersten Mal nach Japan kam, um dort den ersten Tokio E-Prix auszutragen. Seitdem entwickelte das Event schnell einen gewissen geschützten Status - nicht zuletzt aufgrund von Herstellern wie Nissan und Lolas Technikpartner Yamaha, die in der Elektrorennserie mitwirken. Auch Reifenhersteller Bridgestone, der die Formel E ab der kommenden Saison exklusiv mit Reifen beliefern wird und Porsche-Partner TDK - beides Unternehmen mit Hauptsitz in Japan -, pochen dementsprechend ebenfalls auf ein Heimrennen für 2027.
Laut den Kolleg:innen von The Race soll ein Deal für das Event, wie es aktuell im Kalender ist, für 2027 noch nicht in trockenen Tüchern sein: Es bestehen Zweifel daran, ob die Rennen auch in Zukunft am aktuellen Standort ausgetragen werden können. Gerade aufgrund der zuvor genannten Parteien sei die Rennserie bereit, alles dafür zu tun, dass Japan auch 2027 im Kalender bleibt. Für die Formel E gelte es als "heiliger Gral", in Japan Rennen zu fahren. Bevorzugt in Tokio, nachdem man lange versuchte, in der größten Stadt der Welt zu fahren.
Gen4-Boliden für aktuelle Strecke zu schnell?
Seit dem ersten Event 2024 werden die Renen auf dem Big-Sight-Messegelände im Stadtteil Ariake ausgetragen. Vor der Einführung des Gen4-Autos werden nun Fragen laut, ob die neue Generation der Formel-E-Rennwagen nicht zu schnell für die aktuelle Streckenkonfiguration sei. Dieses Schicksal ereilt beispielsweise die Strecke im ExCeL-Messezentrum in London, die nach der aktuellen Saison voraussichtlich aus dem Formel-E-Kalender verschwinden wird. Beide Strecken ähneln sich zwar grundsätzlich, der erste und dritte Sektor in London besitzt aber sehr enge Kurven, praktisch gibt es hier keine Möglichkeiten, eine Änderung herbeizuführen. Auf dem Messegelände in Tokio hat man jedoch mehr Spielraum.
"Im Moment versuchen wir, die Strecke ein modifizieren, sie ein wenig zu vergrößern und einige Bereiche auszuweiten", sagt Alberto Longo, Chief Championship Officer der Formel E, bei The Race. "Die Simulationen sagen uns aber, dass wir dort auch zukünftig Rennen fahren können, selbst wenn wir nichts verändern."
Longo: "Bin nicht überzeugt davon, dass Tokio ungeeignet ist"
"Ich habe schon mehrere Male gesagt, dass besonders das ExCeL für Gen4 nicht geeignet ist. Bei Tokio bin ich noch nicht ganz davon überzeugt. Wir arbeiten immer noch daran und werden hoffentlich dort fahren", so der Formel-E-Mitbegründer weiter.
Doch nicht nur bei der Strecke selbst herrschen Fragen über die Zukunft des Tokio E-Prix. Ein weiterer Punkt sei die Finanzierung des Events: Die Stadt Tokio trägt zwar zur Finanzierung der Veranstaltung bei, der größte Teil der Kosten bleibt aber weiterhin an der Formel E hängen. Die Kosten werden etwa auf 20 bis 22 Millionen Euro beziffert. Nur ein kleiner Anteil davon durch kommerzielle Einnahmen ausgeglichen. Die Formel E macht mit dem Rennen in Tokio gegenwärtig also eine Menge Verlust, weshalb man händeringend nach einem Partner sucht, der die hohen Kosten übernehmen kann. Welche Optionen hat die Formel E also, falls kein Deal mit Tokio zustande kommen sollte?
Sportsland Sugo oder Fuji Speedway als Ersatz?
Eine Option wäre das Sportsland Sugo. Die Rennstrecke befindet sich nördlich von Fukushima in der Präfektur Miyagi, rund vier Autostunden von Tokio entfernt. Sie befindet sich im Besitz von Yamaha und ist charakteristisch für ihre gefürchteten Kurven und verhältnismäßig wenige Auslaufzonen. Sie bildet sozusagen das japanische Äquivalent zu Jarama. Seit 1987 werden hier Rennen der Super Formula ausgetragen. Wie The Race nun erfahren haben möchte, befindet man sich mit der Strecke in einem frühen Stadium der Gespräche. Sugo könnte als Ersatz bereitstehen, wenn es mit Tokio kein Übereinkommen für die Zukunft gibt.
Auch seitens des bekannten Fuji Speedway soll es Interesse für ein Formel-E-Rennen geben. Die neuen Gen4-Boliden könnten dort vor allem auf der Start-Ziel-Geraden durch ihre Beschleunigung und ihre Höchstgeschwindigkeit Aufsehen erregen. Es müsste jedoch voraussichtlich eine temporäre Schikane installiert werden, um die Zufahrt auf Kurve 1 zu unterbrechen. Der Fuji Speedway dürfte hierzulande vor allem durch die Rennen der Formel 1 in den 2000er Jahren bekannt sein. Die Langstreckenweltmeisterschaft WEC trägt hier jährlich die sechs Stunden von Fuji aus, auch hier gastiert die Super Formula. Die Strecke befindet sich im Besitz von Toyota, die ebenfalls Teilhaber von Yamaha sind.
Klarheit über den Tokio E-Prix wird es frühestens im Juni geben: Dann wird der Weltmotorsportrat der FIA den ersten Kalenderentwurf für die Saison 2026/27 beschließen. Eine weitere Option ist, dass der Termin noch ohne Austragungsort aufgeführt wird und eine Bekanntgabe später erfolgen wird.
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