Formel E

Hankook-Motorsport-Direktor Sandbichler im Interview: "Fahrer können mit Gen3-Evo-Reifen noch mehr ans Limit gehen"

Timo Pape

Timo Pape

Manfred-Sandbichler-Hankook-Motorsport-Direktor

Hankook ist als Reifenausrüster längst in der Formel E angekommen. Mit dem überarbeiteten Gen3-Evo-Auto, das ab nächster Saison an den Start geht, führt der koreanische Hersteller auch eine weichere Gummimischung ein, die einen Leistungssprung verspricht. Im Exklusiv-Interview mit e-Formel.de verrät Hankooks Motorsport-Direktor für Europa, Manfred Sandbichler, was vom neuen Pneu zu erwarten ist. Außerdem spricht er offen über den schmerzlichen Formel-E-Abschied in etwas mehr als zwei Jahren.

Manfred, ihr verpasst eurem Reifen ein Upgrade. Was können wir vom neuen Gen3-Evo-Reifen erwarten?

Wir wissen aus zahlreichen Tests, dass der Reifen ein deutlich höheres Performance-Level hat. Wir erwarten klar schnellere Rundenzeiten. Gleichzeitig sind wir durch das Fahrzeug und die Strecken limitiert. Allein in Sao Paulo haben wir neun verschiedene Asphaltuntergründe. Es ist daher schwierig, dass in Prozent oder Rundenzeiten zu beziffern. Wir erwarten - konservativ geschätzt - eine Verbesserung von einer bis anderthalb Sekunden pro Runde.

Es klingt, als spiele die Rundenzeit gar nicht so eine große Rolle für dich.

Wichtiger ist für uns das, was der Fan mitbekommt. Er wird deutlich mehr Action geboten bekommen, weil der Reifen in einem ganz anderen Leistungsfenster arbeitet. Die Fahrer werden mit dem Reifen noch mehr ans Limit gehen können, und wir werden noch mehr Überholmanöver sehen. Auch im Attack-Mode erhoffen wir uns einen größeren Unterschied als bisher.

Gibt es trotz des Leistungssprungs weiterhin eine zweigeteilte Lauffläche mit verschiedenen Gummimischungen für trockene und nasse Bedingungen?

Ja, das bleibt erhalten. Wir sind weiterhin bestrebt, einen Reifen zu haben, der auch im Regen funktioniert. Aber so, dass wir im Trockenen immer noch einen Leistungsvorteil haben. Das ist eine Gratwanderung. Letztlich muss man einen guten Kompromiss finden. Das Dual-Compound-Konzept an sich beeinträchtigt die Performance allerdings gar nicht.

Manche Fahrer und Teams wünschen sich, dass der Reifen schneller ins optimale Arbeitsfenster kommt. Wird sich das Aufwärmverhalten verändern?

Unsere Bestrebung war durchaus, dass man den Reifen im Qualifying schneller auf Temperatur bekommt. Doch es gibt Grenzen. Bei einem Slick hätten wir da ganz andere Möglichkeiten, aber wir halten uns natürlich an die Vorgaben der Formel E. Da ist eine Veränderung in diese Richtung nicht unbegrenzt möglich.

Wie sieht es hinsichtlich Nachhaltigkeit aus?

Die steht nach wie vor ganz oben auf der Agenda. Der neue Reifen besteht zu 35 Prozent aus nachhaltigen Materialien. Nach den Rennen werden immer alle Reifen eingesammelt, an einen speziellen Ort gebracht und dort gelagert. Wenn genug da sind, gehen sie in den Recycling-Kreislauf. Dort werden die Materialien - soweit es technisch möglich ist - wiederaufbereitet und dann in den Produktionsprozess neuer Formel-E-Reifen zurückgeführt. Es dauert nur ein bisschen, bis wir genügend Reifen beisammen haben, weil ja nicht viele verbraucht werden. In den Kreislauf wird nichts anderes beigemischt, um die hohe Qualität reproduzieren zu können.

Man hört immer mal wieder, dass die Teams für ihre Simulatoren gern eine realistische Reifenmodellierung hätten. Gibt es so was gar nicht?

Nein, das machen wir überhaupt nicht. Theoretisch ist das natürlich machbar - wir haben solche Programme, um das zu simulieren. Aber diese Daten bleiben bei uns hinter verschlossener Tür, weil wir sehr unterschiedliche Hersteller und Privatteams in der Formel E haben. Einer ist vielleicht in der glücklichen Situation, einen Simulator zu haben, ein anderer wiederum nicht. Wir wollen keinem einen Vorteil verschaffen.

Inzwischen haben sich die ersten vier Hersteller für die Gen4-Ära eingeschrieben. Warum seid ihr dann nicht mehr dabei?

Wir haben ganz normal an der Ausschreibung der FIA teilgenommen, die aber nicht zu unseren Gunsten ausgegangen ist. Das bedauern wir wirklich sehr. Wir hatten eigentlich geplant, die Formel E länger zu begleiten. Wir schließen sonst immer langfristige Vereinbarungen und haben kein Interesse an kurzfristigen Aktionen. Nun ist es leider so gekommen, dass wir mit unserem 4-Jahresvertrag nur eine Periode dabei sein können.

Wie hat sich diese Nachricht auf die Stimmung im Team ausgewirkt? Es ist ja nicht mal Halbzeit in der Hankook-Formel-E-Ära - mehr als zwei Saisons liegen noch vor euch.

Als wir davon erfahren haben, war die Stimmung natürlich erst mal auf dem Nullpunkt, denn wir hatten uns sehr viele Gedanken gemacht, bevor wir an der Ausschreibung teilgenommen haben. Nach der Entscheidung sind wir kurzzeitig in ein kleines Loch gefallen, haben dies aber schnell überbrückt, weil wir uns gesagt haben: Wir werden bis zum letzten Augenblick mit vollem Einsatz, Herzblut und Engagement dabeibleiben und uns dann - leider - aufrechten Ganges verabschieden.

Was hat sich sonst seit unserem letzten Gespräch vor gut einem Jahr verändert - seid ihr mit der Formel E zufrieden?

Es hat sich einiges getan. Wir haben in unserer zweiten Saison bereits viel mehr Präsenz und Kontakte geknüpft. Auch die Formel E hat sich meiner Ansicht nach gewandelt, was den öffentlichen Auftritt angeht. Wir arbeiten alle zusammen und haben das gleiche Ziel vor Augen. Mein Zwischenfazit ist aber das gleiche wie letztes Jahr: Für uns ist die Formel E die Topserie, die wir betreuen. Wir stehen voll hinter ihr und dem, wofür sie steht. Jeder, der Elektrorennsport kritisiert, dem sage ich: Guckt euch mal so ein Rennen an - mehr Action gibt es nirgendwo.

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 9 und 4?