Formel E

Helden beim Heimspiel: Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum London E-Prix 2021

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Der London E-Prix 2021 brachte mit Jake Dennis und Alex Lynn zwei Heimsieger hervor. Unter normalen Umständen wäre der doppelte Erfolg der Briten wohl die größte Geschichte des Wochenendes - doch die Safety-Car-Kontroverse um Audi-Fahrer Lucas di Grassi stellte selbst die Lokalmatadoren in den Schatten.

Auch abgesehen von Audis viel diskutiertem Taktik-Kniff, den e-Formel.de Redakteur Tobias Bluhm in diesem Beitrag kritisch einordnet, lieferte uns das London-Wochenende zahlreiche Geschichten. Angefangen bei der Rückkehr des Mercedes-Werksteams über bemerkenswerte Unfälle bis hin zu Dragons doppeltem Punkteerfolg. In unserem Fahrer-Rating bewertet unsere Redaktion auch nach dem London E-Prix alle Piloten der Formel E auf einer Skala von 1 bis 10. Viel Spaß beim Lesen!

Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum London E-Prix

Nyck de Vries | 9.8 Punkte

Rennergebnis: Platz 2 / Platz 2
Fahrerwertung: Platz 1

Mercedes schien beim London E-Prix aus seinem jüngsten Formtief zu erwachen. Kurioserweise könnten mehrere Führungsrunden, eine Super-Pole-Teilnahme und vor allem die zwei Podien den Meisterschaftsambitionen von Nyck de Vries allerdings eher geschadet haben. Schließlich muss der neue Gesamtführende nun beim Berlin E-Prix, dem entscheidenden Wochenende der Saison, in Qualifying-Gruppe 1 antreten.

Die in London erzielten Punkte schaden jedoch gewiss nicht. De Vries präsentierte sich bei beiden Platz-2-Ergebnissen von seiner besten Seite, fuhr mit Ruhe und Routine und sammelte 36 wertvolle WM-Punkte.

FAZIT: Eine herausragende Leistung, die jedoch womöglich zur falschen Zeit kam.

Alex Lynn | 9.3 Punkte

Rennergebnis: Platz 3 / Platz 1
Fahrerwertung: Platz 6

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn das gesamte Fahrerlager einer Serie einem Rennsieger den Erfolg gönnt. Alex Lynns Formel-E-Karriere verlief bis zum London E-Prix bestenfalls durchwachsen und war nur selten von Höhepunkten gekennzeichnet. Zum ersten Mal in vier Jahren gelang dem Briten nun ein Sieg in der Elektrorennserie - "endlich", möchte man anfügen.

Schon am Samstag zeigte Lynn, dass bei seinem Heimrennen in London mit ihm zu rechnen sein würde. Zwar konnte er seine Pole-Position nicht in einen Sieg ummünzen, da er, wie auch bei anderen Rennen der Saison, mit einem zu hohen Verschleiß seiner Hinterräder zu kämpfen hatte. Mit Platz 3 wiederholte er dennoch sein bis dahin bestes Formel-E-Resultat.

Sonntags konnte Lynn dank zweier Safety-Car-Phasen seine Reifen schonen, was ihm in der Schlussphase genügend Grip bot, um den herannahenden Nyck de Vries (Mercedes) hinter sich zu halten. Durch Lucas di Grassis (Audi) Disqualifikation konnte er seinen ersten Rennsieg seit seinem Formel-E-Debüt 2017 in New York feiern.

FAZIT: Auch wenn sein Talent schon vor dem London-Sieg unbestritten war, ist es schön zu sehen, wie sich Lynns Geduld auszahlte.

Jake Dennis | 8.8 Punkte

Rennergebnis: Platz 1 / Platz 9
Fahrerwertung: Platz 4

Zwei Siege im Rookie-Jahr - das gelang in der Geschichte der Formel E (ausgenommen Saison 1) noch keinem Fahrer. Abgesehen von einem kurzen Zögern bei der zweiten Attack-Mode-Aktivierung fuhr Jake Dennis am Samstag ein fehlerfreies Rennen, bei dem er von seinem BMW-Team hervorragend gecoacht und begleitet wurde.

Sonntags pflügte er sich von Startplatz 17 durch das Feld und nahm als Neunter WM-Punkte mit. Eine solche Aufholjagd wäre vor einem halben Jahr für ihn noch nicht denkbar gewesen.

FAZIT: Beeindruckend, wie schnell sich Dennis in der Formel E zurechtgefunden hat. Andrettis Fahrerentscheidung 2022 wird immer schwerer.

Stoffel Vandoorne | 8.3 Punkte

Rennergebnis: Platz 7 / Platz 15
Fahrerwertung: Platz 13

Mit Sicherheit wird Stoffel Vandoorne nicht zufrieden mit seiner Punkteausbeute in London sein. Und das zurecht: Der Belgier führte das Sonntagsrennen von der Pole-Position souverän an, bis sich Lucas di Grassi in der Boxengasse an ihm vorbeischlich. Kurz darauf riss Oliver Rowland (Nissan) Vandoorne mit einem rüpelhaften Manöver in Kurve 10 aus dem Kampf um den Sieg.

FAZIT: Vandoorne war zur falschen Zeit am falschen Ort. Schade!

Lucas di Grassi | 7.5 Punkte

Rennergebnis: Platz 6 / DSQ
Fahrerwertung: Platz 14

Selten drifteten die Fan-Meinungen zu einem Vorfall in der Formel E so weit auseinander wie nach Lucas di Grassis kontroversem Safety-Car-Trick in London. Nüchtern betrachtet war die Idee der Boxengassendurchfahrt genial, denn Audi nutzte während des Safety-Cars lediglich eine (allen Teams bekannte) Lücke im Regelwerk aus.

Während viele mit dem mangelnden Sportsgeist der Entscheidung argumentierten, ist es im Motorsport nichts Neues, dass Regel-Schlupflöcher ausgenutzt werden. Hätte di Grassi nur einen Sekundenbruchteil länger auf das Bremspedal gedrückt, wäre er ungestraft davongekommen und hätte das Rennen vermutlich gewonnen.

Die schwarze Flagge hat er ausschließlich seinem Team zu "verdanken", das in Eigenregie über die Berechtigung der Strafe entscheiden wollte und ihn nicht über seine Durchfahrtsstrafe informierte. In diesem Fall war di Grassi ahnungs- und machtlos.

FAZIT: Eine fahrerisch und taktisch souveräne Leistung von di Grassi, der offenbar eine signifikante Rolle bei der Safety-Car-Entscheidung spielte. Allan McNish wäre jedoch gut beraten, sich angesichts der Vorgeschichte Audis (Stichworte: Dieselskandal, Abt-Affäre) nicht im deutschen TV beim Lügen erwischen zu lassen…

Rene Rast | 6.8 Punkte

Rennergebnis: Platz 5 / DNF
Fahrerwertung: Platz 10

Ein eigentlich solides Rennwochenende von Rene Rast wird von seinem Ausfall am Sonntag überschattet. Im Positionsduell geriet er mit Sebastien Buemi (Nissan) aneinander, wobei Rasts Fahrzeug so stark beschädigt wurde, dass er das Rennen nicht beenden konnte. Am Tag zuvor zeigte er hingegen eine sehenswerte Aufholjagd von Startplatz 13, sammelte einen Bonuspunkt für die schnellste Rennrunde und beendete den E-Prix auf Rang 5.

FAZIT: Rast startet in der zweiten Hälfte der Saison so richtig durch!

Mitch Evans | 6.5 Punkte

Rennergebnis: Platz 14 / Platz 3
Fahrerwertung: Platz 8

Zwischen Mitch Evans und Nyck de Vries gibt es auffällig viele Parallelen: Beide schienen sich in London von einem längeren Formtief zu erholen, beide standen in London zum vierten Mal in dieser Saison auf dem Treppchen. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Evans schaffte es bei allen Podestplatzierungen "nur" auf Platz 3, de Vries gewann zwei Rennen.

Vor dem Berlin E-Prix ist der Neuseeländer somit in einer guten Ausgangslage. Er hat genügend Punkte, um in Reichweite der WM-Spitze zu liegen, allerdings ist sein Rückstand groß genug, um samstags einen Platz in Qualifying-Gruppe 2 sicher zu haben.

FAZIT: Ein eher unauffälliges Wochenende bringt Evans in eine gute Position, um in Berlin einen Angriff auf den WM-Titel zu wagen.

Pascal Wehrlein | 6.5 Punkte

Rennergebnis: Platz 10 / Platz 5
Fahrerwertung: Platz 11

Pascal Wehrlein blieb über weite Strecken in London unauffällig. Der Deutsche fuhr zwei besonnene und effiziente Rennen und erzielte am Sonntag einen für die Team-WM wichtigen fünften Platz. Samstags wirkte er stellenweise jedoch machtlos gegen einige seiner deutlich schnelleren Konkurrenten.

FAZIT: Ein Wochenende ohne Glitzer und Schnörkel für Wehrlein, der trotzdem elf wertvolle Punkte sammelte.

Antonio Felix da Costa | 6.3 Punkte

Rennergebnis: Platz 8 / DNF
Fahrerwertung: Platz 5

Der amtierende Formel-E-Meister durchlebte in London eine Art "Best-of" der Elektrorennserie. Am Samstag regnete es in seiner Qualifying-Session, weshalb er sich von Platz 17 durch das Feld arbeiten musste. Hinter Joel Eriksson (Dragon) verlor er jede Menge Zeit, beendete den E-Prix dennoch auf Rang 8. Sonntags wurde er vom "schlechten Verlierer" Andre Lotterer (Porsche) aus dem Rennen gerissen, als sich der Deutsche viel zu aggressiv auf der Start-/Zielgerade verteidigte.

FAZIT: In London ließ der Portugiese etwas zu viele Punkte auf der Strecke - größtenteils jedoch durch Fremdverschulden. Mit Gesamtplatz 5 ist er trotzdem in Reichweite des WM-Titels.

Sergio Sette Camara | 6.3 Punkte

Rennergebnis: Platz 17 / Platz 8
Fahrerwertung: Platz 22

Wieder einmal fuhr Sergio Sette Camara in London weit über dem Niveau, das mit dem diesjährigen Dragon-Antriebsstrang erwartbar ist. Dank herausragender Qualifying-Runden kämpfte der Brasilianer schon am Samstag um die Punkte, beschädigte sich nach einer Attack-Mode-Aktivierung im Duell mit Lucas di Grassi allerdings seine Lenkung und fiel auf Platz 17 zurück.

Am Sonntag qualifizierte er sich erneut in den Top 10, nutzte die Safety-Car-Unterbrechungen aus und erreichte den achten Rang. Es war sein erstes Punkteergebnis seit dem Saisonstart in Diriyya.

FAZIT: Sette Camara wächst in dieser Saison immer wieder über sich hinaus. Es wäre interessant zu sehen, wie er sich in einem besseren Auto schlagen würde.

Die weiteren Positionen im Fahrer-Rating:

 

Position Fahrer Note Ergebnis (Sa) Ergebnis (So)
11. Robin Frijns 6,0 Platz 13 Platz 4
12. Nick Cassidy 5,5 Platz 11 Platz 7
13. Sebastien Buemi 5,3 DSQ Platz 13
14. Joel Eriksson 5,3 Platz 16 Platz 10
15. Maximilian Günther 5,3 Platz 18 Platz 6
16. Andre Lotterer 5,3 Platz 4 Platz 17
17. Edoardo Mortara 5,3 Platz 9 Platz 11
18. Alexander Sims 4,8 DNF Platz 16
19. Tom Blomqvist 4,5 DNF Platz 19
20. Sam Bird 4,0 DNF DNF
21. Jean-Eric Vergne 4,0 Platz 12 Platz 12
22. Oliver Turvey 3,8 Platz 15 Platz 14
23. Norman Nato 3,8 DNF DNF
= Oliver Rowland 3,8 DSQ Platz 18

 

So hat die Redaktion abgestimmt:
Fahrer Tobias Bluhm Svenja König Timo Pape Tobias Wirtz Durchschnitt
01. Nyck de Vries 10 10 9 10 9,75
02. Alex Lynn 10 9 9 9 9,25
03. Jake Dennis 9 9 8 9 8,75
04. Stoffel Vandoorne 8 7 9 9 8,25
05. Lucas di Grassi 7 8 7 8 7,50
06. Rene Rast 7 7 7 6 6,75
07. Mitch Evans 6 7 7 6 6,50
= Pascal Wehrlein 7 7 6 6 6,50
09. Antonio Felix da Costa 8 6 6 5 6,25
10. Sergio Sette Camara 7 5 7 6 6,25
11. Robin Frijns 5 6 6 7 6,00
12. Nick Cassidy 5 6 5 6 5,50
13. Sebastien Buemi 5 7 5 4 5,25
14. Joel Eriksson 6 4 6 5 5,25
15. Maximilian Günther 5 5 5 6 5,25
16. Andre Lotterer 4 6 5 6 5,25
17. Edoardo Mortara 5 6 5 5 4,75
18. Alexander Sims 5 6 3 5 4,75
19. Tom Blomqvist 4 5 5 4 4,50
20. Sam Bird 4 5 4 3 4,00
21. Jean-Eric Vergne 3 4 4 5 4,00
22. Oliver Turvey 4 5 2 4 3,75
23. Norman Nato 3 5 3 4 3,75
= Oliver Rowland 5 4 3 3 3,75

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