Formel E

Hersteller gegen Kundenteams: Der vergessene Kampf im Titelrennen der Formel E 2023

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Rome-E-Prix-London-Race-Start-Chaos

An diesem Wochenende fällt die Entscheidung in der Formel-E-Saison 2023: Jake Dennis kämpft gegen drei Rivalen um seinen ersten WM-Titel in der Fahrerwertung der Elektroserie. Abseits der medialen Aufmerksamkeit bahnt sich beim Hankook London E-Prix aber auch ein spannender Kampf in der Teammeisterschaft an. Es geht um Ruhm, Ehre und den direkten Vergleich zwischen Werks- und Kundenteams.

Die Zahl 195 ist vor dem Hankook London E-Prix 2023 allgegenwertig. In Rechenspielen, Social-Media-Grafiken und Medienberichten taucht Anzahl der von Jake Dennis (Andretti) erzielten Punkte immer wieder auf. 195 Punkte - das sind schon jetzt die drittmeisten Zähler, die ein Fahrer in einer Saison erzielen konnte. Einzig Jean-Eric Vergne und Stoffel Vandoorne, die 2018 beziehungsweise 2022 insgesamt 198 und 213 Zähler sammelten, liegen in dieser Wertung noch vor Dennis. Beide wurden am Jahresende Champion.

Im Mittelfeld der Formel E träumen viele Teams hingegen davon, auch nur in die Nähe der 195-Punkte-Marke zu gelangen. Maseratis Fahrer Maximilian Günther und Edoardo Mortara sammelten gemeinsam erst 130 Zähler, das DS-Penske-Duo Vergne/Vandoorne immerhin schon 153. In der Fahrerwertung rangiert das Quartett bislang nur im Mittelfeld. Doch insbesondere dort spielt sich vor dem Hankook London E-Prix ein spannender Wettstreit ab, der bislang nur wenig Aufmerksamkeit erfahren hat: der Kampf um die besten Herstellerergebnisse.

Wenige Punkte trennen McLaren von Top-10-Ergebnis in Debütsaison

Die Ausgangslage: In der Formel-E-Saison 2023 statten mit Ausnahme von Nio 333 alle Konstrukteure nicht nur ein Werks-, sondern auch ein Kundenteam mit Antriebssträngen aus. Per Reglement müssen sie das tun, sobald sie ein interessierter Rivale darum bittet. Die Kooperation mit anderen Rennteams hat unbestrittene Vorteile für die Hersteller, sodass sich viele inzwischen wohl auch freiwillig nach Kundenteams umsehen würden.

Denn statt zwei können vier Autos Daten sammeln, für die wiederum Software-Lösungen in gemeinsamen Briefings entwickelt werden. Zum Teil werden auch Ersatzfahrer miteinander geteilt. Und es gibt mehr Testtage für den Hersteller.

Der Nachteil der Motorenkooperation ist, dass sich große Herstellerteams auf diesem Weg Konkurrenz "aus den eigenen Reihen" schaffen. Denn die Hardware, also das gesamte Antriebspaket inklusive der Motoren, Getriebe und Inverter, ist bei Werks- und Kundenteams baugleich. Und so überrascht es nicht, dass es in London für viele Hersteller auch um eine gehörige Portion Prestige geht, die Saison vor dem eigenen Kundenteam abzuschließen, das in der Regel weniger Mittel zur Verfügung hat.

Stellantis-, Mahindra- & Nissan-Teams im Wettstreit

Dieser Gedanke führt uns zurück zu DS, Maserati und Co. Gerade mal 23 Zähler liegen nach 14 Rennen zwischen den beiden Mannschaften aus dem Stellantis-Konzern - DS liegt derzeit vorn. "Das Podium ist das Ziel von allen", gibt Maserati-Motorsportchef Giovanni Sgro die Marschrichtung für das Finale vor. MSG-Teamchef James Rossiter ordnet ein: "Vor dem letzten Rennwochenende fehlen uns 23 Punkte auf einen Platz innerhalb der Top 5. Wir werden unser Bestes geben, um das aufzuholen."

Übersicht: Die "Herstellerwertung" der Formel E 2023

Pos. Punkte Hersteller Werksteam Kundenteam
1 481 Jaguar Jaguar (228) Envision (253)
2 457 Porsche Porsche (239) Andretti (218)
3 283 Stellantis * DS Penske (153) Maserati MSG (130)
4 165 Nissan Nissan (79) McLaren (86)
5 50 Mahindra Mahindra (33) ABT Cupra (17)
6 34 Nio 333 Nio 333 (34) -

 
Stand: Rom E-Prix 2023

* beide Marken sind de facto jeweils eingeschriebene Konstrukteure, teilen sich aber den von DS entwickelten Antriebsstrang

Ähnlich ist die Situation bei Mahindra und ABT (16 Punkte zwischen beiden) sowie Nissan und McLaren. Hier liegt das Kundenteam McLaren sogar nur sieben Zähler vorn. "Das bisherige Jahr war ein Abenteuer", resümiert Ian James, Teamchef des britischen Teams, schon vor dem finalen E-Prix. "Wir hatten aber auch herausfordernde Zeiten und haben eine Reihe von schlechten Ergebnissen erzielt, die hinter unseren Erwartungen zurückblieben. Das Team hat dennoch viel gelernt", so James.

Sein Fahrer Rene Rast ist vor den London-Rennen optimistisch: "Wir hoffen, dass wir im Qualifying und in den Rennen alles zusammenbringen und einige Punkte holen können. Unsere Pace war (in diesen Sessions) immer stark. Wir möchten die Saison mit einem Höhepunkt beenden."

Nur 25 Punkte zwischen den Top 3 der WM

Am spannendsten ist es in der Teamwertung aber an der WM-Spitze, denn es geht nicht nur um Prestige, sondern um den Titel: Envision Racing liegt nur 15 Punkte vor dem Werksteam Jaguar. Porsche hat einen Vorsprung von 19 Zählern gegenüber dem eigenen Kundenteam Andretti. Bei theoretisch noch 94 möglichen Punkten für die Teammeisterschaft steht der Sieger noch längst nicht fest. "Wir müssen hart arbeiten", sagt Porsche-Boss Florian Modlinger. "Wer in London keine Fehler macht, ist am Ende ganz vorn. Das ist unser Ziel."

Die Entscheidung über den Ausgang der Meisterschaften fällt am kommenden Wochenende (29./30. Juli). ProSieben überträgt beide Rennen, die jeweils um 18 Uhr beginnen, live im TV. e-Formel.de ist vor Ort und begleitet zudem jede Session des Wochenendes im Hankook Formel-E-Liveticker.

Gesamtwertung (Fahrer & Teams)

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 2 plus 8.