Formel E

Herstellerflut in der Formel E: Droht jetzt die Kostenexplosion?

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Immer mehr Hersteller drängen in die Formel E. Erst in der vergangenen Woche bestätigte Nissan die Übernahme der Startlizenz von Renault e.dams, ab nächstem Jahr tritt zudem erstmals BMW mit einem Werksteam an. Mit den neuen Namen in der Elektroserie steigt allerdings nicht nur die Vielfalt in der Startaufstellung, sondern auch das Risiko von unkontrollierbar steigenden Kosten.

Bisher sind Motor, Getriebe, Inverter und Hinterradaufhängung die einzigen Bereiche, bei denen die Hersteller selbst aktiv werden dürfen. Doch wenn Audi, BMW, Citroen (mit der Tochtermarke DS), Jaguar, Mercedes, Nissan und Porsche demnächst mit Werksteams gegeneinander antreten, könnte sich das ändern: Gerade die großen Automobilhersteller, die für die Formel E andere große Motorsportprojekte in der WEC oder DTM aufgegeben haben, drängen im Kampf um die Spitze auf neue Entwicklungsfreiräume, um ihre technische Kompetenz zu beweisen.

Das Thema Kosten macht auch Schaeffler-Entwicklungschef Peter Gutzmer, der für die Entwicklung des Antriebsstrangs des Audi-Werksteams verantwortlich ist, Sorgen. Für eine aufstrebende Rennserie wie die Formel E sei es wunderbar, zugleich aber auch ein Risiko, dass so viele Werke antreten werden. "Ich hoffe, dass die Sorgen noch möglichst lange unbegründet sein werden", sagt der Deutsche bei 'Motorsport-Total.com'.

Hersteller mit hohen Erwartungen

Audi-Entwicklungschef Peter Mertens stimmt ihm zu. Neben der Kostensteigerung sieht er auch grundsätzlich das Risiko, dass der Hersteller, der am meisten investiere, die Rennserie anschließend dominiere. "Das glaube ich im Fall der Formel E aber noch nicht. Die Öffnung des Reglements geschieht sehr vernünftig", so Mertens. Aber: "Selbstverständlich müssen wir trotzdem bei allen gewünschten Freiräumen die Kosten im Auge behalten."

Hans-Jürgen Abt, der das ABT-Team bis zum Verkauf an Audi als Teamchef leitete, gibt zu bedenken, dass es bei zehn Herstellern durchaus sein kann, dass ein Hersteller zehn Jahre lang keinen Titel gewinnt. "Es kann also sein, dass in der Formel E die Hersteller kommen und gehen - je nach Interesse. Aber das ist reine Mutmaßung, möglicherweise läuft es auch ganz anders", so der Kemptener.

Sein Nachfolger, Allan McNish, sieht einen Teil der Verantwortung bei den Herstellern selbst: "Die Formel E ist ein zartes Pflänzchen, das mit aller Vorsicht gehegt und gepflegt werden muss, damit es gesund wachsen kann. Wir dürfen nichts überstürzen und zu schnell zu viel erwarten", so der Schotte. "Trotz aller Euphorie dürfen wir die Kosten niemals aus den Augen verlieren. Um die Kosten zu kontrollieren, müssen wir erst einmal die Erwartungen im Zaum halten."

Das Antreten vieler namhafter Hersteller sorge für die Erwartungshaltung, dass die technische Entwicklung sofort enorm an Tempo aufnehme. Aber genau dies sei es, was die Kosten ansteigen lasse. McNish rät: "Wir müssen behutsam und geduldig an das Thema herangehen und die Entwicklung nur mit Augenmaß zulassen."

Es sei aber auch klar, dass es viele enttäuschte und frustrierte Verlierer gebe, wenn viele Hersteller mit dem Anspruch zu siegen teilnehmen. Daraus ergebe sich die Gefahr, dass sich einige wieder zurückzögen: "Wichtig ist, dass sich die Verantwortlichen der Formel E der Gefahr bewusst sind und auf Abschiede gefasst sind. Nur dann kann man damit umgehen, ohne unterzugehen."

Entwicklung bleibt vorerst eingefroren

Dieter Gass, Motorsportchef bei Audi, gesteht der Formel E in diesem Punkt keine Sonderstellung zu, sondern verweist auf andere Rennserien: "Auch dort gab es immer wieder überschaubare Phasen mit vielen Herstellern, bis der eine oder andere die Lust verloren und aufgehört hat. In der Formel E wird das wahrscheinlich genauso sein", so der 54-Jährige.

Neben der Software seien Motor und Getriebe der Spielraum, den ein Hersteller hat. Mehr wolle Gass derzeit auch gar nicht, zumal der Weg bis zur siebten Saison durch die Technical Roadmap bereits vorgegeben ist. Gerade in den bislang ausschließlich mit Einheitsteilen besetzten Bereichen Batterie und Aerodynamik sei Weiterentwicklung nicht nur teuer, sondern hätte auch, zumindest im Fall der Aerodynamik, nur eine überschaubare Relevanz für Straßenfahrzeuge.

Zweifelsohne tut die Formel E also gut daran, die technische Weiterentwicklung der Fahrzeuge bis auf Weiteres einzugrenzen, um die drohende Kostenexplosion zu verhindern. Schließlich investiert die vergleichsweise junge Rennserie nach wie vor einen Großteil ihres Budgets in Reichweitenvergrößerung und Marketing. Erst wenn sich die Rennserie weltweit in jeder Hinsicht etabliert und stabilisiert hat, können Formel-E-Fans wohl mit ersten eigenen Batterien von Audi, BMW und Co. rechnen. Bis dahin dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.

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