Formel E

"Hollywood" an der Themse: Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum London E-Prix 2022

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Andretti-Venturi-Racing-in-London

14 Rennen sind absolviert, nur noch ein Wochenende steht bevor: Die Formel-E-Saison 2022 neigt sich langsam, aber sicher ihrem Ende. Mit dem London E-Prix bestritt die Elektroserie am vergangenen Wochenende ihr letztes Europarennen in der Gen2-Fahrzeugära. An der Themse gewannen Jake Dennis (Andretti) und Lucas di Grassi (Venturi), doch auch andere Fahrer konnten Aufsehen erregen.

So sammelte beispielsweise Sergio Sette Camara die ersten Punkte des Jahres für das chronisch unterlegene Dragon-Team. Oliver Askew (Andretti) erzielte das beste Resultat seiner bisherigen Formel-E-Karriere, und das Mercedes-Duo konnte mit herausragendem Renntempo überzeugen. Wie unsere Autor:innen die individuellen Leistungen aller Piloten bewertet haben, liest du in unserem Fahrer-Rating.

Hierfür vergibt die Redaktion von e-Formel.de nach jedem Rennwochenende Punkte auf einer Skala zwischen 1 und 10 an alle Fahrer. Anschließend werden die Piloten nach ihrem durchschnittlichen "Rating-Score" geordnet, und die besten zehn Leistungen von unserem Formel-E-Reporter Tobias Bluhm kommentiert. In die Wertung fließen ausschließlich die individuellen fahrerischen Leistungen ein, nicht das Potenzial des Autos oder äußerliche Umstände. Viel Spaß beim Lesen!

Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum London E-Prix 2022

1. Jake Dennis | Avalanche Andretti | 9.8 Punkte

Seinem Spitznamen "Hollywood" machte Jake Dennis in London alle Ehren. Beflügelt von der Unterstützung des britischen Publikums drehte er an der Themse zum ersten Mal in der Saison 2022 richtig auf. In den Freien Trainings und Qualifyings war er an beiden Tagen unschlagbar: zwei Pole-Positions an zwei aufeinanderfolgenden Tagen! Das gelang bislang nur vier Fahrern vor ihm (Mortara in Berlin 2022, Felix da Costa in Berlin 2021, Sims in Diriyya 2021, Buemi in New York 2018).

Sowohl samstags als auch sonntags stimmte Dennis' Renntempo, wenngleich er sich am zweiten Tag dem höchst effizienten Lucas di Grassi geschlagen geben musste. Dennoch: Dennis reiste mit 51 Punkten aus London ab! Auf der ExCeL-Strecke erzielte er somit mehr als die Hälfte seiner bislang im Jahr 2022 gesammelten Zähler.

FAZIT: Einfach nur ein fabelhaftes E-Prix-Wochenende vom Lokalmatador!

2. Lucas di Grassi | ROKiT Venturi | 9.3 Punkte

Er hat es wieder getan! Nach der Schmach der Samstagsqualifikation, bei der die FIA alle Rundenzeiten von di Grassi strich, weil er Mitch Evans (Jaguar) auf einer schnellen Runde aufgehalten haben soll, blühte der Brasilianer am Sonntag förmlich auf. Er arbeitete sich in die erste Startreihe vor und setzte sich dank einer cleveren Attack-Mode-Strategie vor Dennis.

Auf die unschlagbare Pace von di Grassi hatte der Brite keine Antwort. In London fuhr der Venturi-Pilot seinen 13. Karrieresieg ein und zog somit in der "ewigen Statistik" mit Sebastien Buemi (Nissan) gleich, der bis zuletzt alleiniger Rekordhalter für die meisten Siege war.

FAZIT: Di Grassis bestes Wochenende der Saison!

3. Stoffel Vandoorne | Mercedes-EQ | 8.8 Punkte

Nach dem E-Prix von London kann man es kaum anders formulieren: Stoffel Vandoorne hat bereits eine Hand an der WM-Trophäe der Formel E. Samstags hielt er sich bewusst im Zweikampf mit Jake Dennis zurück und sicherte Platz 2 ab. Sonntags reichte es nach einem durchwachsenen Qualifying und einer beherzten Fahrt durchs Mittelfeld "nur" zu Platz 4. Seine WM-Kontrahenten liegen dennoch mindestens 36 Punkte hinter ihm.

FAZIT: Vandoorne tat in London genau das, was ein Formel-E-Champion in spe tun muss. Der Belgier reist als Topfavorit zum Saisonfinale in Seoul.

4. Nyck de Vries | Mercedes-EQ | 8.0 Punkte

Der Niederländer Nyck de Vries blieb in London größtenteils unauffällig - dabei erreichte er das Ziel an beiden Eventtagen auf dem dritten Platz. Im ersten Rennen verteidigte sich der amtierende Champion jedoch mit deutlich zu harten Bandagen gegen Nick Cassidy (Envision), was ihm nachträglich eine 5-Sekunden-Zeitstrafe einbrachte. Diese warf ihn auf Platz 6 zurück.

Sonntags konnte er das Tempo des Führungsduos di Grassi/Dennis nicht ganz mitgehen, blieb direkt dahinter aber souverän und fuhr nach einer ignorierten Stallorder - er sollte seinen auf Platz 4 fahrenden Teamkollegen Vandoorne eigentlich vorbeilassen - auf dem dritten Rang ins Ziel. Die 15 Punkte schaden seinen Ambitionen im Kampf um einen Top-5-Platz in der WM gewiss nicht, das Mercedes-Debriefing nach dem Rennen dürfte aber interessant gewesen sein.

FAZIT: Ein weiteres sehr gutes Wochenende von de Vries, damit sollte er zufrieden sein.

5. Sergio Sette Camara | Dragon Penske Autosport | 7.8 Punkte

Nach einer durchwachsenen Saison hat wohl kaum ein Fahrer seinen ersten Punkteerfolg 2022 so sehr verdient wie Sergio Sette Camara. Der Brasilianer überraschte schon mit der Bestzeit im 1. Freien Training, bevor er sich im Samstagsqualifying für die zweite Startreihe qualifizierte. Eine falsch konfigurierte Software zwang ihn jedoch zur Aufgabe des Rennens in der letzten Runde - er fiel somit aus den Top 10.

Sonntags sah alles danach aus, als würde ausgerechnet sein Teamkollege Antonio Giovinazzi Dragons erste Punkte des Jahres sammeln können. Doch ausgehend von Startrang 19 arbeitete sich Sette Camara Schritt für Schritt vor. Letztlich profitierte er auch von einigen Ausfällen seiner Rivalen, doch das ist der Ergebnistabelle egal: Platz 9 und die ersten zwei Punkte für die WM!

FAZIT: Sette Camara sammelte zwei überaus verdiente Punkte im Sonntagsrennen. Der Brasilianer ist längst bereit für ein Formel-E-Topteam.

6. Mitch Evans | Jaguar TCS Racing | 7.0 Punkte

Wie grausam der Motorsport sein kann, erfuhr einmal mehr Mitch Evans beim London E-Prix am eigenen Leibe. Fünf Runden vor der karierten Flagge fuhr der Neuseeländer im Sonntagsrennen noch auf Platz 4, ehe sein Fahrzeug den Geist aufgab und ausrollte. Mutmaßlich versagte der Inverter - ausgerechnet jenes Bauteil, das ihn schon 2021 beim Berlin E-Prix die mögliche Meisterschaft kostete.

Am Vortrag sammelte er nach einer großartigen Aufholjagd immerhin zehn Punkte, doch angesichts von Stoffel Vandoornes Ausbeute dürfte das nicht genug sein. Der Jaguar-Pilot muss in Seoul auf einen Mercedes-Stolperer hoffen, um noch eine Rolle im WM-Duell zu spielen.

FAZIT: Evans wurde mal zum zweiten Mal Opfer von Jaguars Inverter-Zuverlässigkeit - bitter!

7. Antonio Felix da Costa | DS Techeetah | 6.8

So schlecht es gerade für den ehemaligen Titelkandidaten Jean-Eric Vergne läuft, so gut läuft es für seinen Teamkollegen Antonio Felix da Costa. In London hatte er zwar keineswegs das Tempo der Führungsfahrzeuge, konnte aber stets um den "Best of the Rest"-Rang kämpfen. Er sammelte 16 Punkte und liegt nun auf Position 5 im WM-Klassement.

FAZIT: Sollten Vergne und Felix da Costa in Seoul genau wie in London performen, könnte der Portugiese in der "Endabrechnung" sogar vor seinem Teamkollegen landen - wer hätte das vor einigen Wochen gedacht?

8. Nick Cassidy | Envision Racing | 6.8 Punkte

Auf der Zielgeraden der Saison blüht Nick Cassidy zur wohl besten Form in seiner bisherigen Formel-E-Karriere auf. Nach dem Erfolgswochenende in New York fiel seine Punkteausbeute in London zwar deutlich kleiner aus, dennoch zeigte der Neuseeländer gutes Renntempo - vor allem am Samstag.

Im ersten E-Prix von London profitierte er von einer Strafe gegen de Vries, dank der er nachträglich Platz 3 übernahm. Sonntags blieb ihm eine Zieleinfahrt allerdings verwehrt, nachdem er in der Startrunde mehrfach von Rivalen getroffen wurde und das Rennen schließlich an der Box aufgab.

FAZIT: Ein ziemlich gutes Wochenende von Cassidy, der seine New-York-Pace aber nicht wiederholen konnte.

9. Oliver Askew | Avalanche Andretti | 6.5 Punkte

Nach seinem Achtungserfolg beim Debüt in Diriyya lag der US-Amerikaner mehrfach in Reichweite der Top 10, konnte wegen Balanceproblemen aber seither nicht mehr die Punkteränge erreichen. In London platzte dieser Konten endlich. Während Andretti-Teamkollege Dennis allen davonfuhr, erreichte Askew das Ziel samstags auf einem hervorragenden fünften Platz, der nach der de-Vries-Strafe sogar zu Rang 4 wurde. Endlich Punkte!

Sonntags lief es in der Qualifikation etwas holpriger, wodurch er in der Startphase des Rennens in zwei Unfälle verwickelt wurde. Die FIA sah Askew in beiden Fällen als Schuldigen und belegte ihn mit Strafen. Letztlich stellte er nach 21 Runden jedoch ohnehin seinen beschädigten Wagen an der Garage ab.

FAZIT: Ein zweiseitiges Wochenende für Askew. Samstags top, sonntags Flop.

10. Sebastien Buemi | Nissan e.dams | 6.3 Punkte

Nach dem zweiten Rennen in London kam es in der Boxengasse beinahe zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Buemi und seinem Porsche-Rivalen Pascal Wehrlein, der den Schweizer einiger zu harter Verteidigungsmanöver bezichtigte.

"Viel Lärm um nichts", mag sich in dieser Situation manch Zuschauer:in denken, schließlich ging es bei den beiden lediglich um Rang 7. Im WM-Positionskampf zählt jedoch sowohl für Porsche als auch für Nissan jedes Pünktchen. Letztlich konnte sich Buemi gegen den Deutschen durchsetzen und nach Evans' Ausfall sogar Rang 6 vor Robin Frijns (Envision) absichern. Dank der damit verbundenen acht Punkte setzte sich Nissan e.dams in der Teamwertung weiter von Mahindra ab.

FAZIT: Ein mittelmäßig bis gutes Wochenende von Buemi. Doch allein der Fakt, dass es Nissan nun regelmäßiger in die Punkte schafft, dürfte Mut für Seoul machen.

Die weiteren Positionen im Fahrer-Rating:

 

Position Fahrer Note Ergebnis (Sa) Ergebnis (So)
11. Sam Bird (Jaguar) 6.3 DNF Platz 8
12. Maximilian Günther (Nissan e.dams) 5.8 Platz 8 Platz 15
13. Robin Frijns (Envision) 5.5 Platz 16 Platz 7
14. Pascal Wehrlein (Porsche) 5.5 Platz 10 Platz 10
15. Antonio Giovinazzi (Dragon) 5.5 DNF DNF
16. Andre Lotterer (Porsche) 4.4 Platz 12 Platz 12
17. Edoardo Mortara (Venturi) 4.3 Platz 18 Platz 13
18. Jean-Eric Vergne (DS Techeetah) 4.0 Platz 14 DNF
19. Alexander Sims (Mahindra) 3.8 Platz 13 Platz 11
20. Oliver Turvey (Nio 333) 3.8 Platz 15 Platz 14
21. Dan Ticktum (Nio 333) 3.3 Platz 17 DNF
22. Oliver Rowland (Mahindra) 3.0 DNF DNF

 

So hat die Redaktion abgestimmt:
Fahrer Tobias Bluhm Tobias Wirtz Timo Pape Svenja König Durchschnitt
01. Jake Dennis 10 9 10 10 9.75
02. Lucas di Grassi 10 9 9 9 9.25
03. Stoffel Vandoorne 9 9 8 9 8.75
04. Nyck de Vries 9 8 7 8 8.00
05. Sergio Sette Camara 7 9 8 7 7.75
06. Mitch Evans 6 8 7 7 7.00
07. Antonio Felix da Costa 7 7 7 6 6.75
08. Nick Cassidy 7 7 6 7 6.75
09. Oliver Askew 7 6 7 6 6.50
10. Sebastien Buemi 6 6 6 7 6.25
11. Sam Bird 7 6 7 5 6.25
12. Maximilian Günther 6 5 6 6 5.75
13. Robin Frijns 6 5 7 4 5.50
14. Pascal Wehrlein 5 6 6 5 5.50
15. Antonio Giovinazzi 6 6 5 5 5.50
16. Andre Lotterer 4 5 4 5 4.50
17. Edoardo Mortara 4 6 3 4 4.25
18. Jean-Eric Vergne 4 4 5 3 4.00
19. Alexander Sims 4 5 4 2 3.75
20. Oliver Turvey 4 4 5 2 3.75
21. Dan Ticktum 3 4 4 2 3.25
22. Oliver Rowland 3 4 3 2 3.00

 

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