Formel E

Kommentar: Formel E wäre eine gute Option für Fernando Alonso

Timo Pape

Timo Pape

"Und herzlich willkommen in der Formel E", schrieb Venturi-Neuling Felipe Massa am Mittwoch auf seinem Instagram-Kanal und richtete sich damit direkt an seinen alten Formel-1-Gefährten Fernando Alonso, der am selben Tag überraschend seinen Rücktritt aus der "Königsklasse" bekanntgegeben hatte. In der Redaktion herrschte daraufhin erst einmal kurz Stirnrunzeln - weiß Massa mehr als wir? Vermutlich war der Satz aber eher als ein "du bist hier willkommen" gemeint. Denn Alonso wird sich nach 17 Jahren nach einer neuen Herausforderung im Motorsport umsehen. Die Frage ist nur: Wo wird er landen?

Schon in den vergangenen Monaten probierte sich der inzwischen 37-Jährige in anderen Kategorien aus. Für ein mediales Feuerwerk sorgte sein Start beim "Indy 500" im Mai 2017, bei dem er lange Zeit auf der "Siegerstraße" war, letztlich aber mit einem technischen Defekt ausschied. Gut ein Jahr später nahm er für Toyota erstmals an den 24 Stunden von Le Mans teil - und triumphierte auf Anhieb. Endlich konnte er in einem wettbewerbsfähigen Fahrzeug mal wieder zeigen, was in ihm steckt. Nun hat Alonso offenbar "Blut geleckt" und kehrt der für ihn zu lange frustrierenden Formel 1 den Rücken.

IndyCar und WEC wären durchaus zwei interessante Alternativen für den zweifachen F1-Weltmeister. Gerade in der US-amerikanischen Formelsport-Serie würden Alonso neue Herausforderungen, ein interessantes Auto und eine prestigeträchtige Meisterschaft mit tollen Events erwarten. Gleichzeitig genießt die IndyCar-Serie allerdings nicht das globale Standing einer Formel 1 und ist womöglich auch nicht so zukunftsorientiert aufgestellt wie manch andere Serie. Oldschool-Motorsport at its finest - eigentlich genau das, was Alonso sucht.

Die Langstreckenweltmeisterschaft WEC, wo er zumindest noch 2019 bei Toyota eingespannt ist, scheint hingegen als alleiniges Engagement nicht ganz so attraktiv zu sein. Zwar orientiert sich die LMP1-Klasse mit ihren Hybridmotoren durchaus Richtung Zukunft, doch nach den Ausstiegen von Audi und Porsche fährt Toyota in diesem Jahr gegen sich selbst. Alonso gewann Le Mans quasi ohne echte Konkurrenz. Respekt in der Fahrerszene und bei den Hardcore-Motorsport-Fans hätte er in der WEC sicher. Aber echte Herausforderungen, die seinen Ansprüchen entsprächen? Voraussichtlich eher nicht.

Bleibt eigentlich nur noch eine weitere Option, die mit Blick auf die Qualität der Fahrer, die zahlreichen involvierten Hersteller und ihren globalen Rahmen wirklich ins Profil und die Ansprüche eines Fernando Alonso passt: die Formel E. Ja, zugegeben, die aktuellen Geschwindigkeiten in der Elektroserie dürften den Spanier nicht unbedingt reizen - dafür aber alles andere. Im umkämpften Feld der Formel E hätte er als Rookie eine echte Herausforderung vor sich und müsste sich routinierten Piloten wie di Grassi, Buemi und Co. stellen. Der wohl größte Anreiz dabei: Dank der winzigen Unterschiede zwischen den Teams läge es vor allem an ihm, erfolgreich zu sein. Schließlich bleibt auch das neue Gen2-Fahrzeug der Formel E ein Einheitschassis. Der Fahrer spielt eine viel größere Rolle als in der Formel 1. Alonso hätte endlich wieder eine ganze Saison lang das Material, mit dem er um Siege und vielleicht sogar Titel kämpfen könnte.

Mercedes, Porsche oder BMW als Chance für Alonso?

Gleichzeitig gibt es aktuell einige vakante Cockpits, die Alonso übernehmen könnte. Mal abgesehen davon, dass ihn wohl fast alle Teams mit Kusshand nähmen, sind auch bei den vermeintlichen Topteams der kommenden Jahre noch Plätze frei, etwa bei Virgin (Audi-Antriebe), BMW, Nissan und - nicht zu unterschätzen - HWA. Zwar ist fraglich, ob das neue Team auf Affalterbach im kommenden Jahr mit Kundenmotoren von Venturi um den Titel kämpfen kann. Ein Jahr später wird aus ihm jedoch das neue Mercedes-EQ-Werksteam hervorgehen. "Das Beste oder nichts" - warum also nicht Alonso holen? Und dann wäre da ja auch noch Porsche ab 2019...

Für die Formel E spräche klar die Perspektive der Serie. Keine andere Kategorie ist derartig vielversprechend für die Zukunft aufgestellt. Nicht nur mit Blick auf die Technik, sondern aus Fahrersicht auch mit Blick auf attraktive Arbeitgeber. Die großen Hersteller zahlen nicht nur ordentliche Gehälter, sondern geben der Meisterschaft auch ihre Relevanz. Und sie stellen weiteres Wachstum in den kommenden Jahren sicher. Sollte Alonso tatsächlich die Formel E in Betracht ziehen, hätte er wohl noch ein paar Jahre "gesunden" Motorsport vor sich, bevor sich seine Karriere irgendwann dem Ende neigt - mit starker Konkurrenz und attraktiven Rennstrecken in den Metropolen dieser Welt.

Damit er den Speed-Aspekt - der in einigen Jahren übrigens auch in der Formel E gegeben sein wird - nicht ganz aus den Augen verliert, wäre auch ein paralleles Programm in einer anderen Serie denkbar. Dass sich die WEC mit ihrem überschaubaren Rennkalender hierzu eignet, haben schon viele anderen Formel-E-Fahrer bewiesen. Und selbst ein Cockpit in der IndyCar-Serie wäre unter Umständen möglich, wenngleich es zwischen März und Juli zu diversen Rennüberschneidungen kommen könnte. Noch steht der Kalender der nächsten IndyCar-Saison nicht fest, doch in diesem Jahr fielen gleich elf Rennen in diesen Zeitraum, von denen sich wiederum drei tatsächlich mit der Formel E überschnitten. Das Indy 500 Ende Mai zählte allerdings nicht dazu.

Ob als volles Programm oder in Teilzeit: Die Formel E wäre für Fernando Alonso durchaus eine interessante Option, bei der er fast alles bekäme, wonach er sich so lange sehnt. Natürlich sind die Geschwindigkeiten noch nicht mit denen der WEC und IndyCar vergleichbar, aber dafür wird die Formel E in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach deutlich stärker wachsen als die anderen beiden Serien. Und das nicht nur technologisch. Auch in Sachen Medienpräsenz und TV-Quoten braucht sich die Elektomeisterschaft schon heute nicht vor den beiden anderen Klassen verstecken.

"Meine oberste Priorität ist, ihn in die Formel E zu bringen", sagte Formel-E-Gründer Alejandro Agag Anfang 2017 bei 'AS' über Fernando Alonso. Wir können also gewiss sein, dass der Spanier seinen Landsmann und alten Bekannten längst kontaktiert hat. Und wenn Agag eines kann, dann ist es zu überzeugen. Nico Rosberg hatte die Formel E bis zu einem Treffen mit ihm auch nicht auf dem Schirm und ist heute nicht nur Anteilseigner, sondern fuhr sogar mit dem neuen Formel-E-Rennwagen durch Berlin. Ich bin gespannt, ob wir Alonso demnächst ebenfalls im Dunstkreis der Formel E sichten. Eine gute Option wäre sie für ihn allemal.

Foto: Sergey Savrasov / Spacesuit Media

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