Formel E

Kommentar: Sergio Sette Camara ist reif für ein Formel-E-Topteam

Timo Pape

Timo Pape

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Sergio Sette Camara sorgte beim New York City E-Prix der Formel E am vergangenen Wochenende mehrfach für Aufmerksamkeit. Einerseits bewies er beim Heimrennen seines Teams Penske Dragon Autosport seine schiere Pace, andererseits ging er auch einmal über das Limit hinaus, verunfallte und verpasste den Samstagslauf. Trotzdem: Sette Camara ist reif für ein Topteam.

Im Motorsport gehört ein schnelles Fahrzeug zum Erfolg dazu - das gilt über fast alle Kategorien hinweg. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Fahrer, die regelmäßig Highlights setzen, obwohl es ihr Auto eigentlich kaum zulässt. Sergio Sette Camara ist so einer. Seit dem "Sixpack von Berlin" 2020 fährt der Brasilianer inzwischen für das chronisch unterlegene Dragon-Team und sah in dieser Zeit mehrere Teamkollegen kommen und gehen.

Er selbst hat sich trotz weniger zählbarer Erfolge in der Formel E festgebissen. Der Grund hierfür: Sette Camara ist auf eine Runde extrem schnell und holt häufig auch im Rennen das Maximum aus seinem Dragon heraus. Seinen Teamkollegen - Ex-Formel-1-Star Antonio Giovinazzi - dominiert er offensichtlich mit Leichtigkeit. Ebenso, wie er es auch mit dessen Vorgängern getan hat. Darüber hinaus ist der 24-Jährige ein professioneller Teamplayer und auch in Interviews ein sehr angenehmer Zeitgenosse.

In New York blitzte das Talent des Sergio Sette Camara mehrfach auf. Immer wieder erschien das Kürzel SET weit oben auf dem Zeitentableau. Das 1. Freie Training am Freitagabend beendete er gar als Zweitschnellster, nachdem ihm der WM-Führende Stoffel Vandoorne kurz vor Schluss noch den Sessionsieg wegschnappte. "P2 im FP1 - ein großartiger Start für uns ins Wochenende!", freute er sich nach der Auftaktsession auf seinen Social-Media-Kanälen.

Quali-Crash verhindert Rennstart am Samstag

In der Qualifikation wollte er jedoch zu viel: In der langgezogenen Linkskurve 14 verlor Sette Camara sein Fahrzeug und prallte mit Wucht gegen die Streckenbegrenzung. Nicht nur die Chance auf eine Startposition weit vorn war damit dahin, sondern auch sein übriger Rennsamstag: Der Dragon hatte so großen Schaden genommen, dass sein Team das Auto nicht mehr rechtzeitig zum Rennstart repariert bekam. So musste er beim ersten Teil des Heimspiels zusehen.

Zurück in der Box entschuldigte sich Sette Camara bei jedem Mechaniker einzeln. Im TV-Weltsignal gab er sich selbstkritisch und enttäuscht ob der verpassten Gelegenheit: "Ausgerechnet hier! New York ist vielleicht die beste Strecke für uns als Team, außer vielleicht noch London. Wir hatten ein sehr schnelles Auto und das Potenzial, in die Duelle zu kommen. Es tut mir leid für das Team. Wenn man sich jedes Mal am Limit bewegt, unterlaufen einem allerdings auch mal Fehler. Ich hatte lange keinen mehr gemacht."

Am Sonntag machte es Sette Camara besser. In seiner Quali-Gruppe setzte er sensationell die Bestzeit und zog souverän ins Viertelfinale ein. Zwar musste er sich im Duell mit Porsche-Pilot Andre Lotterer um 41 Tausendstelsekunden geschlagen geben. Dennoch stand am Ende ein hervorragender vierter Startplatz für ihn zu Buche.

"Ich bin sehr happy mit P4 hier in New York. Wir waren außerdem die Schnellsten in unserer Gruppe. Die Dragon-Jungs haben einen fantastischen Job gemacht, das Auto nach dem Crash am Samstag zu reparieren. Nun gehen wir zuversichtlich in das Rennen", twitterte er nach der Qualifikation.

Im zweiten Lauf des New York City E-Prix musste sich Sette Camara jedoch wie gewohnt nach hinten orientieren. Der Traum der ersten Saisonpunkte beim Heimrennen ausgeträumt. Nach 39 Runden beendete er das Rennen gar als 17. und damit letzter aller gewerteten Fahrer. Grund dafür war mutmaßlich ein erhöhter Energieverbrauch während des Rennens.

"Im Rennen habe ich mein Bestes gegeben, um die Position zu halten", erklärt Sette Camara gegenüber 'grandepremio.com.br'. "Ich bin eine gute Zeit lang Vierter oder Fünfter geblieben. Bis zur Hälfte des Rennens würde ich sagen, dass wir sehr gut in der Punkteregion lagen. Aber dann begann unser Auto, seine Schwäche zu zeigen, nämlich das Renntempo. So fielen wir immer weiter zurück, bis wir ganz hinten waren."

Der neue Max Günther?

Obwohl Sette Camara und Dragon auch vier Rennen vor Saisonschluss noch ohne Punkte dastehen, gelang es dem Mann aus Belo Horizonte wie schon so oft in der Vergangenheit, mit überraschend starker Pace herauszustechen und ein Bewerbungsschreiben durch das Fahrerlager zu senden. Diese regelmäßigen Highlights ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Formel-E-Karriere. Daher wird es endlich Zeit für ein Cockpit bei einem Topteam. Sette Camara hat es sich verdient.

Aktuell sind die Aussichten jedoch gar nicht so rosig. Vor Beginn der Gen3-Ära wird gemunkelt, dass Dragon im nächsten Jahr mit DS Automobiles zusammenarbeitet. In dem Zuge soll Stoffel Vandoorne kommen und an der Seite von Jean-Eric Vergne starten. Für Sette Camara wäre somit kein Platz mehr in Team. Auch die Cockpits der Topteams scheinen weitgehend vergeben. Realistische Optionen wären derzeit noch Nio oder womöglich das neue McLaren-Team.

Dass Dragon trotz fehlender Pace ein Sprungbrett für junge Fahrer sein kann, hat einst bereits Maximilian Günther bewiesen. Der Deutsche konnte ebenso hin und wieder mit guten Ergebnissen glänzen und zog damit das Interesse der Topteams auf sich. Letztlich nahm ihn BMW als Werksfahrer unter Vertrag und gab ihm ein konkurrenzfähiges Auto. Günther wurde 2019 in Santiago de Chile zum jüngsten Rennsieger der Formel-E-Geschichte, holte weitere E-Prix-Siege und etablierte sich.

Dieses Potenzial hat mutmaßlich auch Sette Camara. Gern würde ich sehen, ob und wie er sich mit einem wettbewerbsfähigen Fahrzeug gegen die starke Konkurrenz behauptet. Ich lehne mich aus dem Fenster: Kommt Sergio Sette Camara in Saison 9 bei einem Spitzenteam unter, wird er nächstes Jahr sein erstes Formel-E-Rennen gewinnen.

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1 Kommentare

Merdavon ·

Es wäre dem Brasilianer zu vergönnen! Es ist mir teils wirklich kaum erklärlich, wie er es schafft, solche Leistungen aus dem Dragon rauszukitzeln! Erinnernt mich an den jungen Mark Webber damals in der F1 bei Minardi. Und wir alle wissen, was er dann für eine Karriere hingelegt hat.

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