Formel E

"Kommissare wirkten überfordert" - Kommentar zu strittigen Entscheidungen beim Formel-E-Finale

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Nachdem es in der Formel E längere Zeit ruhiger um die Entscheidungen der Rennleitung wurde, entfachten sich beim London E-Prix erneut heftige Diskussionen. Während Rennleiter Scot Elkins dabei für seine Arbeitsweise ausdrücklich gelobt wurde, kamen die Rennkommissare und das Team des Technischen Delegierten in der britischen Hauptstadt nicht gut weg. Mehrere strittige Entscheidungen sorgten für viel Kritik unter den Fahrern. Ein Kommentar.

In Abwesenheit von Achim Loth, der seit einigen Jahren bei den meisten Formel-E-Rennen als Chef-Steward fungiert, übernahmen Xavier Bone, Eric Cowcill und Michael Schwägerl die Aufgabe, über Regelverstöße zu urteilen und Strafen auszusprechen. Unterstützung erhielten sie von Ex-Rennfahrer Paul Belmondo. Dabei kamen jedoch insbesondere im Samstagsrennen einige äußerst fragwürdige Entscheidungen zustande. Von außen betrachtet wirkten die FIA-Rennkommissare überfordert.

Den Anfang machte Stoffel Vandoorne: Der zu diesem Zeitpunkt noch amtierende Champion bremste sich in der vierten Runde im Zweikampf vor Kurve 1 an Norman Nato vorbei. Dabei traf er jedoch den vor Nato fahrenden Edoardo Mortara am linken Hinterrad. Der Maserati-Pilot drehte sich und fiel ans Ende des Feldes zurück. Außerdem musste er zu einem Reparaturstopp an die Box kommen.

Der Vorfall wurde untersucht, doch zur allgemeinen Überraschung lautete das Urteil der Rennkommissare: "Keine weiteren Maßnahmen. Die Sportkommissare prüften die Beweisvideos und kamen zu dem Schluss, dass kein Fahrer die alleinige oder überwiegende Schuld trug."

Wenn in einem Unfall mit zwei Beteiligten keiner der beiden "die alleinige oder überwiegende Schuld" trägt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass beide Fahrer etwas falsch gemacht und etwa 50 Prozent der Schuld tragen. Wo Mortara, der in dieser Situation im normalen Renntempo auf der Rennlinie fuhr, etwas falsch gemacht haben soll, erschließt sich hier aber niemandem.

Laut Maserati-Teamchef James Rossiter bei The Race wurde Vandoorne deshalb nicht bestraft, weil er "die Kurve bekommen hätte, wäre Mortara nicht da gewesen". Eine abenteuerliche Argumentation. "Die Kurve bekommen" hätte vielleicht auch Sam Bird in Hyderabad, als er bei einem Überholversuch gegen Sacha Fenestraz seinen Teamkollegen Mitch Evans abschoss - an diese Szene erinnerte der Unfall nämlich. Bird hingegen erhielt damals eine Rückversetzungsstrafe um fünf Positionen für das nächste Rennen und zwei Strafpunkte.

Felix da Costa: Präzedenzfall, dass man bei Reifenschaden nicht weiterfahren darf?

Es ging weiter: Kurz vor Rennende erhielt Antonio Felix da Costa eine noch nie dagewesene Zeitstrafe von drei Minuten, da der vorgeschriebene Mindestdruck an seinem rechten Vorderreifen unterschritten wurde. Anders als in einigen Fällen in der Vergangenheit, bei denen Teams im Training damit experimentierten, beim Reifendruck bis an die Grenzen der Legalität und darüber hinaus zu gehen, war beim Portugiesen jedoch ein schleichender Plattfuß der Auslöser.

Der Reifen verlor durch eine Beschädigung langsam an Luft, nachdem Felix da Costa wohl über Trümmerteile gefahren war. Er schimpfte im Anschluss über die aus seiner Sicht ungerechte Entscheidung: Die Rennkommissare seien "einfach nicht gut genug". Es ist dabei unzweifelhaft, dass sein Reifendruck vorn rechts unterhalb von 1,2 Bar lag, wie Lieferant Hankook als Mindestdruck vorschreibt.

Aber ist ein beschädigter Reifen nicht ein Grund, auf "höhere Gewalt" zu entscheiden? Wenn man der Argumentation der Rennkommissare folgt, müsste jeder Pilot, der einen Reifenschaden erleidet, sein Auto bei Unterschreiten der Grenze von 1,2 Bar sofort abstellen oder aber eine derartige Strafe erhalten. Das Auto muss schließlich zu jedem Zeitpunkt legal sein! Selbst wenn der Fahrer zu diesem Zeitpunkt bereits in die Boxengasse abgebogen ist, um dort den Reifen wechseln zu lassen.

Defekter Frontflügel nur bei manchen Fahrern ein Sicherheitsproblem

Das war aber noch nicht alles: In der zweiten Rennunterbrechung ging einer der sechs stellvertretenden Technischen Delegierten der FIA zu Nio 333 und wies das Team aus Sicherheitsgründen an, die beschädigte Fahrzeugnase bei Sergio Sette Camara zu wechseln. Das Team reagierte darauf mit der Aussage, dass die Fahrzeugnase bereits bei der ersten Rennunterbrechung beschädigt gewesen sei und dort nicht beanstandet wurde, das Fahrzeug befände sich nach Meinung des Teams in einem sicheren Zustand. In der Tat hatte Sette Camara bereits bei einem Kontakt mit Robin Frijns, der sich in der sechsten Runde des Rennens unmittelbar vor dem Brasilianer gedreht hatte, seinen Frontflügel verloren.

Das Team wehrte sich nicht ohne Grund gegen die Anweisung: Eine Reparatur hätte dafür gesorgt, dass der Brasilianer an das Ende des Feldes rückversetzt würde. So fuhr Sette Camara mit seinem nicht reparierten Auto auf die Strecke zurück, wofür er im Anschluss an das Rennen disqualifiziert wurde. "Im Anschluss" ist übrigens relativ: Die Entscheidung fiel am nächsten Morgen, ganze 14 Stunden nach Rennende. Die Begründung der Kommissare für die Disqualifikation: Das Team habe den Anweisungen eines Offiziellen nicht Folge geleistet.

Mehrere Fahrer, darunter Pascal Wehrlein und Rene Rast, mussten auf Anweisung von Offiziellen ebenfalls ihre beschädigten Fahrzeugnasen wechseln lassen, während hingegen andere, darunter Sam Bird und Norman Nato, ohne Frontflügel weiterfahren durften. Nach welchen Kriterien entschieden wurde, welcher Fahrer Reparaturen vornehmen lassen musste und welcher nicht? Eine klare Linie war auch hier nicht erkennbar.

Nissan-Pilot Nato erhielt ebenfalls eine unverständliche Strafe: Vier Runden vor dem Ziel griff er Sebastien Buemi an, der zuvor das Tempo um fast zehn Sekunden pro Runde gedrosselt hatte, damit seine sechs Minuten Attack-Mode bis zum Erreichen der Ziellinie ausgelaufen waren. Dies schreibt das Reglement vor. Buemi verteidigte sich gegen den Angriff, indem er in der Bremsphase die Linie wechselte und Nato, der bereits neben ihm fuhr, in die Mauer drückte. Beides klare Regelverstöße des Schweizers.

Da sich die Autos ineinander verkeilten, und mehrere dahinter liegenden Piloten aufeinander auffuhren, musste das Rennen mit der roten Flagge unterbrochen werden. Dennoch wurde nicht Buemi, sondern Nato für das Verursachen einer Kollision mit einer Zeitstrafe von fünf Sekunden belegt. "Super gefährlich und nicht akzeptabel", beschrieb Sam Bird, der unmittelbar hinter den beiden fuhr, die Aktion. Jedoch nicht die von Nato, sondern die von Buemi. "Wenn du eine rote Flagge verursacht, solltest du nicht einfach weitermachen und ein Podium feiern dürfen", so Bird bei e-Formel.de.

Als Nissan auf sein Recht auf Überprüfung der Strafe bestand, wurde eine Neubewertung abgelehnt, da hierfür neue, relevante Beweise vorgelegt werden müssen. Diese hatte Nissan jedoch nicht, folglich hatte die Entscheidung der Rennkommissare Bestand. Interessant ist jedoch ein anderes Detail aus dem Urteil, das sich auf den Ablauf bei der Verhängung der Strafe bezog: "Mithilfe des Fahrerberaters wurde entschieden, dass Wagen 17 (Nato) die volle Schuld an dem Zusammenstoß trägt."

Besetzung des Fahrerberaters sollte überdacht werden

Man könnte jetzt mit Verweis auf Vandoorne argumentieren, dass Nato die Kurve sicherlich bekommen hätte, wäre Buemi nicht da gewesen. Aber das Urteil zeigt in meinen Augen ein anderes Problem auf: Die Verantwortlichen sollten einmal überdenken, ob ein 60-Jähriger, der nach meinen Informationen vor 18 Jahren seinen letzten Fahrereinsatz im professionellen Motorsport hatte und sogar vor mehr als 29 Jahren sein letztes Monoposto-Rennen gefahren ist, für die Formel E wirklich ein geeigneter Fahrerberater ist.

Mir würden auf Anhieb ein paar Dutzend (Ex-) Piloten einfallen, deren Qualifikation höher einzuschätzen ist. Insbesondere, da so gut wie alle Fahrer immer wieder die Besonderheiten der Formel-E-Boliden im Vergleich zu anderen Rennwagen betonen.

Die Inkonsistenz bei Strafen ist in der Formel E schon seit Jahren immer mal wieder Thema. Als offizielle FIA-Weltmeisterschaft sollte man jedoch höhere Standards an den Tag legen, als es beim Saisonfinale der Fall war, und gegebenenfalls auch personelle Veränderungen in Betracht ziehen.

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