Formel E

Lucas di Grassi über Brief an die FIA: "Es gibt viele Wege, den Sport besser und fairer zu machen"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

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Ein interner Brief der Formel-E-Fahrer an FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem ist an die Öffentlichkeit gelangt und anschließend kontrovers diskutiert worden. Lucas di Grassi weist den Eindruck eines Frontalangriffs oder gar einer Revolte jedoch klar zurück. Stattdessen wirft er im Exklusiv-Interview mit e-Formel.de vor allem den Medien vor, das Thema unnötig hochgekocht zu haben und das Schreiben als deutlich aufrührerischer dargestellt zu haben, als es aus seiner Sicht war.

Der geleakte Brief der Formel-E-Fahrer an FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem hat in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt. Vor allem die direkte Ansprache an Ben Sulayem und die darin formulierte Kritik an Abläufen und Entscheidungen wurde intensiv diskutiert. Lucas di Grassi macht jedoch deutlich, dass es dem Fahrerfeld nicht um Eskalation gegangen sei. "Die Motivation war, den Sport besser zu machen. Es ging darum, wie wir die Formel E verbessern können: die Abläufe, die Methodik und die Entscheidungen."

Kein Bruch mit der FIA, sondern Ergebnis eines längeren Prozesses

Di Grassi weist den Eindruck ausdrücklich zurück, die Fahrer hätten den üblichen Weg über die zuständigen FIA-Vertreter bewusst umgangen. Nach seiner Darstellung stehen die Piloten seit vielen Jahren in engem Austausch mit den Verantwortlichen vor Ort. "Wir sprechen mit Pablo Martino, und zwar jedes Rennwochenende. Wir sprechen seit zwölf Jahren regelmäßig mit ihm und mit der FIA." Das Schreiben sei deshalb kein Ausdruck eines Kommunikationsabbruchs, sondern vielmehr das Ergebnis eines längeren Prozesses.

Der Brasilianer verweist darauf, dass die Gespräche mit der FIA in der Vergangenheit durchaus viele Verbesserungen angestoßen hätten. So nennt er als Beispiel frühere Anpassungen im Umgang mit Auslassen von Schikanen oder Veränderungen am Qualifying-Format. Aus Fahrersicht gebe es jedoch Themen, die sich nicht allein auf operativer Ebene lösen ließen. "Es gibt Themen, bei denen Prozesse innerhalb der FIA verändert werden müssten, damit wir wirklich einen Schritt nach vorn machen."

Di Grassi kritisiert Berichterstattung und spricht von "Clickbait"

Besonders deutlich wird di Grassi bei der Einordnung der öffentlichen Debatte nach dem Leak. Der Brief sei aus seiner Sicht nie als öffentlicher Angriff gedacht gewesen, sondern als gemeinsames, internes Schreiben mit Verbesserungsvorschlägen. Entsprechend überrascht zeigte er sich darüber, wie Teile der Berichterstattung das Thema aufgegriffen hätten.

"Es war eine Überraschung für mich, gerade auf der Clickbait-Seite, dass das als Brandbrief oder als irgendetwas Aufrührerisches dargestellt wurde. Das stimmt überhaupt nicht", sagt di Grassi. Aus seiner Sicht habe der Inhalt eine deutlich sachlichere Stoßrichtung gehabt: "Es ist ein einfacher Brief, in dem wir sagen, dass wir glauben, den Sport gemeinsam besser machen zu können."

Gerade die Geschlossenheit des Fahrerfeldes habe dem Schreiben besonderes Gewicht verliehen. "In diesem Brief ist klar: Bei all diesen Punkten herrscht Einigkeit." Dass sich alle Fahrer hinter gemeinsame Forderungen gestellt hätten, sei in einem stark kompetitiven Umfeld alles andere als selbstverständlich.

Formel E braucht aus Sicht di Grassis mehr Fachwissen und Konstanz

Ein Kernpunkt der Kritik betrifft für di Grassi die besonderen Anforderungen der Formel E. "Gerade in der Formel E ist das wichtig, weil unsere Rennserie sehr speziell ist." Wechselnde Sportkommissare würden die Eigenheiten des elektrischen Rennsports häufig nicht ausreichend kennen. Gerade beim Energiemanagement oder bei Rennsituationen, die sich von klassischen Serien unterscheiden, sieht di Grassi deshalb Nachholbedarf.

Seine Forderung ist entsprechend klar: "Ich bin zum Beispiel schon lange dafür, dass die Sportkommissare bezahlt werden und professionell arbeiten." Darüber hinaus wünscht er sich mehr personelle Kontinuität. "Ich finde, es wäre absolut angemessen, einen permanenten Chefkommissar zu haben, der zu jedem Rennen reist, und einen professionellen Fahrerberater mit Formel-E-Erfahrung." Für den Champion von Saison 3 ist das "keine revolutionäre Forderung, sondern etwas völlig Vernünftiges."

Konkrete Kritik an Entscheidungen

Dass die Kritik im Brief nicht nur theoretischer Natur ist, zeigt di Grassi auch an konkreten Beispielen. So verweist er auf den Saisonauftakt in Brasilien und einen Vorfall um Nick de Vries in der Startphase. Der Niederländer hatte die erste Schikane ausgelassen und dabei nach Darstellung di Grassis nicht angehalten. Dennoch habe Renndirektor Marek Hanaczewski diesen Vorfall nicht einmal zur Untersuchung an die Rennkommissare weitergeleitet.

"Das ist nur ein Beispiel, und es gibt viele weitere", erklärt er. Entscheidend ist für ihn weniger die einzelne Szene als vielmehr die Frage, wie Entscheidungen zustande kommen und wie man Fehler in Zukunft vermeiden kann. "Wenn wir verstehen, warum eine Entscheidung so getroffen wurde, und wenn wir den Prozess dahinter verändern, dann können wir den Sport verbessern". Genau darum gehe es den Fahrern im Kern.

Mehr Automatisierung als möglicher Lösungsweg

Besonders konkret wird di Grassi bei möglichen technischen Lösungen. "Wenn jemand eine Schikane abkürzt, könnte man automatisch die Leistung reduzieren." Der Brasilianer denkt dabei an eine Art "negativen Attack-Mode", der den Fahrer unmittelbar und automatisiert bestraft. "Dann braucht der Renndirektor gar nicht mehr einzugreifen."

Auch beim Thema Track Limits sieht di Grassi vergleichsweise einfache Ansätze. "Dafür braucht man keine Kamera mit KI – ein Sensor im Auto könnte genau denselben Zweck erfüllen." Aus seiner Sicht könnte die Formel E davon profitieren, wenn bestimmte Prozesse automatisiert werden, damit sich die Rennleitung auf die wichtigen Dinge konzentrieren kann. "Wenn eines der Probleme ist, dass in der Formel E so viel gleichzeitig passiert, dann sollten wir versuchen, Dinge zu automatisieren."

Sein Grundgedanke: weniger Interpretationsspielraum, mehr Konsistenz, mehr Fairness. Oder, wie er selbst sagt: "Es gibt viele Wege, den Sport besser und fairer zu machen. Wenn wir diese Diskussion jetzt eröffnen und anfangen zu innovieren, dann ist das gut für alle."

FIA hat Gesprächsbereitschaft signalisiert

Immerhin scheint das Schreiben bei der FIA nicht ungehört geblieben zu sein. Nach Angaben di Grassis habe der Weltverband bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert. Einen sofortigen Durchbruch erwartet er allerdings nicht. "Natürlich wird manches, was wir fordern, nicht umsetzbar sein. Aber wir müssen herausfinden, wo die tief hängenden Früchte sind, also wo man tatsächlich relativ schnell etwas verbessern kann."

Entscheidend sei nun, dass aus dem Brief ein strukturierter Prozess werde und nicht nur eine Debatte im Rahmen eines Rennwochenendes. "Wenn nicht mehr in diesem Jahr, dann eben im nächsten. Aber wir brauchen zumindest eine Vision."

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