Formel E

Lucas di Grassi beschreibt Formel-E-Entwicklung: "Bedeutung des Fahrers hat eindeutig stark abgenommen"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

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Der Brasilianer Lucas di Grassi gehört zu den erfolgreichsten und erfahrensten Fahrern in der Formel E: Als einer von nur zwei Piloten war er bei jedem der bislang 87 E-Prix am Start. Seit seinem Sieg im allerersten Rennen am 13. September 2014 in Peking hat sich viel verändert - die Rennserie ist deutlich professioneller geworden. Auch der Job als Fahrer ist nicht mehr der von damals.

Teams und Hersteller operieren inzwischen mit Budgets im zweistelligen Millionenbereich, was die Verantwortlichen der Rennserie sogar zur Einführung eines Budgetdeckels brachte. Der Einfluss der Ingenieuren und Software auf die Leistung der Piloten hat sich außerdem stark vergrößert.

"Der Ingenieur kann einem sagen, dass man keine Zeit mit jemandem verschwenden soll, der zwei bis drei Prozent mehr Energie hat, oder ob der Abstand groß genug ist, um den Attack-Mode zu aktivieren, ohne viele Plätze zu verlieren", beschreibt di Grassi bei 'Autosport'. "Letztendlich ist es aber die Entscheidung des Fahrers."

Das sei allerdings eine Ausnahme, gesteht der Brasilianer. "Abgesehen davon hat die Bedeutung des Fahrers eindeutig stark abgenommen. In der Formel E hat jedes Team einen Computer, der für die Fahrer entscheidet, was die optimale Strategie zum Energiesparen ist", so di Grassi weiter. Der Pilot bekomme anschließend von der Software signalisiert, wie er sich verhalten muss. "An einem bestimmten Teil der Strecke wird das entweder durch akustische Signale oder durch verschiedenfarbige Lichter am Lenkrad angezeigt", beschreibt er weiter.

Die Software könne jedoch mit unterschiedlichen Parametern operieren, die dem Fahrer insbesondere bei Positionskämpfen helfen. "Während eines Rennens kann man den Modus auf eine defensivere oder offensivere Strategie umstellen, der Computer optimiert also bereits viele Dinge." Ähnliche Systeme gibt es jedoch auch in anderen Motorsportkategorien.

"Wichtig, dass Fahrer weiterhin die Kontrolle über das Auto behält"

Eine Entwicklung, die Motorsportpuristen ein Dorn im Auge ist. Für di Grassi gibt es diesbezüglich aber keinen Weg zurück. "Wir können nicht zu einer analogen Welt des 'reinen Fahrens' zurückkehren, in der man Gilles Villeneuve ohne jegliche Computereingriffe um die Kurven rutschen sähe." Dafür sei die Elektronik auch im Motorsport viel zu wichtig geworden. "Sie ist ein integraler Bestandteil unserer Systeme, wie z. B. bei Autos mit Hybridsystemen, Turbomotoren, Brake-by-Wire und so weiter."

Als möglicher Weg in die Zukunft schwebt di Grassi vor, die Kontrolle der Piloten auf die wichtigsten Systeme beizubehalten und Software da einzusetzen, wo sie für die Leistung nicht zwingend relevant ist: "Es ist wichtig, dass der Fahrer im Zuge der technologischen Entwicklung weiterhin die Kontrolle über das Auto behält. Aber das muss ein Mittel zum Fortschritt sein und darf nicht auf Kosten des Motorsports gehen."

Der Formel-E-Champion von Saison 3 hat zwei konkrete Beispiele vor Augen, die nach einer Erprobung im Motorsport den Weg auf die Straße finden könnten: "Entwicklungen wie Torque-Vectoring (elektronische Drehmomentverteilung auf die angetriebenen Räder) oder eine Hinterradlenkung zur Unterstützung der Richtungsänderung des Fahrzeugs in Haarnadelkurven - auch wenn dies softwareunterstützt wäre - ist straßenrelevanter als die Piepser, die wir in unseren Ohren haben."

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