Formel E

Massencrash, Startverzicht & Paddock-Evakuierung: Die größten Formel-E-Geschichten 2023

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Das Jahr 2023 war ein besonders denkwürdiges für die Formel E. Während Envision Racing und Jake Dennis der ersten Saison der Gen3-Ära ihren Stempel aufdrückten und ihre jeweils ersten WM-Titel gewannen, gab es auch einige negative Highlights, die uns wohl für immer in Erinnerung bleiben werden. Ein Rückblick.

16 Rennen, sieben verschiedene Sieger, 22 Fahrer mit WM-Punkten - soweit die Statistik. Das abgelaufene Jahr war jedoch auch von verschiedenen Rückschlägen für Teams, Fahrer und die gesamte Formel E geprägt. Was das Fahrerlager in den vergangenen zwölf Monaten beschäftigte, liest du in unserem traditionellen Jahresrückblick.

8. Formel E führt Notfall-Bremssystem ein

Es war eine der großen technischen Neuerungen des Gen3-Fahrzeugs: Die Rekuperation mit bis zu 350 kW an der Hinterachse sollte dort hydraulische Bremsen überflüssig machen. Im Normalfall funktionierte dies auch einwandfrei. Bei einem technischen Problem mit dem Heckmotor oder der Batterie fiel gelegentlich jedoch die Rekuperation aus - und damit auch die Bremswirkung an der Hinterachse. Dies führte zu mehreren Unfällen, die glücklicherweise allesamt glimpflich ausgingen.

Unter anderem war Envision-Pilot Sebastien Buemi betroffen, der bei den Vorsaison-Testfahrten in Valencia mit hoher Geschwindigkeit in die Streckenbegrenzung einschlug. FIA und Formel E reagierten und ließen innerhalb weniger Wochen ein Notfall-Bremssystem entwickeln, das bereits ab dem zweiten Saisonrennen in Diriyya einsatzbereit war. Und mit Erfolg: Unfälle wegen Bremsversagens blieben in der restlichen Saison aus.

7. DS Penske erhält Rekordstrafe nach Datenscanner-Affäre

25.000 Euro Geldstrafe, dazu der Start aus der Boxengasse für beide Fahrer des Teams: DS Penske erhielt beim Portland E-Prix 2023 eine der höchsten Strafen in der Formel-E-Geschichte. Mitarbeiter:innen des US-Rennstalls hatten beim Heimrennen einen RFID-Scanner in der Boxengasse installiert, um die Seriennummern der Reifen von Konkurrenten automatisiert auslesen zu können. Sowohl das Montieren von Equipment in der Boxengasse als auch das drahtlose Auslesen von Daten sind in der Rennserie jedoch strengstens verboten.

Insbesondere Jean-Eric Vergne sah sich in der Folge genötigt, die Handlungen seines Teams zu verteidigen: Man habe lediglich eine andere technische Lösung für etwas gefunden, was die Konkurrenz auch tue, und sich mit dieser Aktion keinerlei Vorteil verschaffen wollen. Trotz des Rekordes von 403 Überholmanövern im Rennen beendeten die beiden DS-Penske-Piloten den Portland E-Prix nur auf den Positionen 11 und 12, nachdem sie dem Feld vom Start weg hinterherfahren mussten.

6. Jaguar-Kollisionen kosten Evans & Cassidy vermeintlich Fahrertitel

Neben der Konstanz von Jake Dennis gibt es einen weiteren Grund, warum sich der Brite den Fahrertitel 2023 sichern konnte: Die Jaguar-motorisierte Konkurrenz war ganze viermal in Kollisionen untereinander verwickelt. Besonders das Werksteam traf es dabei hart: Sam Bird fuhr sowohl in Hyderabad als auch in Jakarta dem in aussichtsreicher Position vor ihm liegenden Mitch Evans ins Heck. Dieser schied beide Male aus.

Aber auch Evans ist nicht ganz unschuldig: In Rom schoss der Neuseeländer seinen Landsmann und zukünftigen Teamkollegen Nick Cassidy aus dem Rennen. Endgültig gelaufen war der Titelkampf für Cassidy dann nach dem Samstagsrennen in London, wo er mit Envision-Teamkollege Sebastien Buemi kollidierte und mit Reifenschaden zurückfiel.

5. Attack-Charge kommt doch erst 2024

Eine weitere große Neuerung der Gen3-Boliden: Die Fahrzeuge sind schnellladefähig und können mit bis zu 600 kW aufgeladen werden. Die Formel E plante daher, im Jahr 2023 ausgewählte Rennen mit dem sogenannten Attack-Charge auszutragen, was jedoch bereits im Vorfeld auf große Kritik gestoßen war. So sprach sich unter anderem Porsche-Teamchef Florian Modlinger sehr deutlich gegen eine Regeländerung während der laufenden Saison aus.

Die Rennserie reagierte und verschob die Schnelllade-Boxenstopps auf das Jahr 2024. Wann diese in der kommenden Saison durchgeführt werden, ist jedoch weiterhin unklar: Lieferant WAE Technologies schaffte es selbst bei den Vorsaison-Testfahrten in Valencia im vergangenen Oktober nicht, genügend Ladegeräte für alle elf Teams zur Verfügung zu stellen. Fortsetzung folgt...

4. Valencia-Fahrerlager nach Batteriebrand evakuiert

Der größte Aufreger bei den Vorsaison-Testfahrten ereignete sich bereits nach nur drei Stunden Fahrzeit: Bei einer Batterie-Überprüfung durch Lieferant WAE Technologies fing ein defekter Akku Feuer. In der WAE-Box brannte es lichterloh. Das Fahrerlager musste evakuiert werden, die Testfahrten wurden für zwei Tage unterbrochen.

Zusätzlich kam es durch das Feuer und die Löscharbeiten zu großen Schäden in der Nachbargarage von Mahindra Racing. Das Team musste die beiden restlichen Testtage mit nur noch einem Auto bestreiten, durfte die verlorengegangene Zeit aber bei einem zusätzlichen privaten Test nachholen.

3. Jake Dennis sichert sich in London den WM-Titel

Ein Heimsieg ist in einer internationalen Rennserie etwas sehr Besonderes - man frage nur einmal Daniel Abt nach dem Berlin E-Prix 2019. Noch spezieller muss es sein, sich bei seinem Heimrennen einen WM-Titel sichern zu können. Und genau das gelang Andretti-Pilot Jake Dennis in der britischen Hauptstadt: Dennis gewann mit einem zweiten Platz im Samstagsrennen die Fahrermeisterschaft.

Der London E-Prix stand dabei sinnbildlich für die gesamte Saison des früheren BMW-Werksfahrers: Der dritte Platz im Sonntagsrennen war sein elftes Podiumsergebnis des Jahres 2023. Kein anderer Fahrer schaffte es, in diesem Jahr so konstant auf die vorderen Ränge zu fahren. Und das, obwohl Dennis im Frühjahr vier Rennen in Folge ohne Punkte geblieben war und den Anschluss mit 32 Punkten Rückstand auf die Spitze verloren hatte.

2. Mahindra-Technik-GAU: Startverzicht beim Kapstadt E-Prix

Dramatische Wendung für ABT Cupra und Mahindra in Kapstadt: Während des Qualifyings zum einzigen Afrika-Rennen 2023 gaben beide Teams bekannt, aufgrund von "Sicherheitsbedenken bezüglich der Hinterradaufhängung" nicht an Qualifying und Rennen teilzunehmen - ein bis heute einmaliger Vorgang in der Geschichte der Elektrorennserie.

Zuvor hatten Techniker:innen bei allen vier Fahrzeugen mit Mahindra-Antrieb festgestellt, dass sich die vom indischen Hersteller konstruierten Querlenker verbogen hatten. Das Risiko, dass diese unter Belastung auf dem Highspeed-Kurs am "Kap der guten Hoffnung" sogar brechen könnten, war zu groß. Somit verpasste Mahindra-Pilot Lucas di Grassi sein erstes Formel-E-Rennen, ABT-Pilot Kelvin van der Linde durfte bei seinem Heimrennen ebenfalls nur zuschauen.

1. Massencrash sorgt für Rom-Aus

Die wohl größte Formel-E-Geschichte des Jahres war der von Sam Bird ausgelöste Unfall beim Samstagsrennen des Rom E-Prix: Nicht weniger als acht Fahrzeuge waren in die Massenkollision an einer der schnellsten Stellen des Circuito Cittadino dell'EUR involviert. Was war passiert?

Bird verlor auf einer Bodenwelle die Kontrolle über seinen Wagen, drehte sich und kam unmittelbar hinter der "blind" durchfahrenen Kurve quer auf der Strecke zum Stehen. Mehrere Piloten konnten dem Jaguar so gerade noch ausweichen, doch Sebastien Buemi und Edo Mortara trafen Bird mit hoher Geschwindigkeit. Ein "Albtraumszenario", wie es Jaguar-Teamchef James Barclay im Anschluss beschrieb. Das Rennen wurde für mehr als 40 Minuten unterbrochen, um die beschädigten Fahrzeuge zu bergen und die Trümmer auf der Strecke zu beseitigen. Glücklicherweise blieben alle Fahrer dank der hohen Sicherheitsstandards der Autos unverletzt.

Der Unfall sollte das Aus für den bei Fans und Fahrern sehr beliebten Rom E-Prix bedeuten - so zumindest die offizielle Begründung der Serie. Die FIA und Formel E verlegten das Italien-Rennen für 2024 nach Misano.

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