Formel E

Meinung: Die Formel E wird zu kompliziert - wer soll das noch verstehen?

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Nissan-Dragon-Nio-Dragon-Valencia

Am vergangenen Wochenende stand die Formel E ausnahmsweise auch bei "klassischen Motorsportfans" im Rampenlicht. Die Vorfreude auf das erste Rennen auf einer permanenten Rennstrecke war groß, das Interesse der Rennsport-Community auf einem seltenen Höhepunkt. Was dann folgte, darf getrost als Fiasko bezeichnet werden: Massenstromausfall in der Elektroserie!

Bereits seit ihrem ersten Rennen im September 2014 fürchtete sich die Formel-E-Führung vor dem Image-Schaden, den der Ausfall derart vieler Fahrzeuge mit sich bringen würde. Erwartungsgemäß spottete das Netz am Samstagabend über die Serie, die unter anderem mit zunehmender Motoreneffizienz eigentlich eine Antwort auf die "Reichweitenangst" bei Elektroautos finden will.

"Schwer zu rechtfertigen, warum ich das als professionellen Sport ernst nehmen soll", twitterte eine Nutzerin, "ein Haufen Clowns" ein anderer. Die auflagenstarke britische Boulevardzeitung 'The Sun' betitelte ihren Rennbericht mit den Worten: "Die Hälfte des Formel-E-Grids bleibt in Valencia liegen, weil den Fahrern in der letzten Runde die Energie ausgeht".

Die Elektroserie antwortete trocken mit den Worten "Live-Sport ist unschlagbar in Sachen Drama, oder?". Und Formel-E-Chef Jamie Reigle postete - sicherlich sehr zum Unmut der Fahrer und Teams - auf seinem persönlichen Instagram-Account ein Foto mit der Bildbeschreibung: "Energy. Management."

Vollkommen unabhängig davon, ob sich nun die FIA oder die Teams bei der Energiereduktion verrechnet haben, liegt dem großen Echo in den sozialen Medien jedoch ein anderer Umstand zugrunde. Die Formel E ist zu kompliziert geworden.

Es könnte so einfach sein…

Eigentlich ist das Konzept der Serie kinderleicht zu erklären: 24 Elektroautos fahren so lange im Kreis, bis nach 45 Minuten und einer Runde der Sieger feststeht. Um ins Ziel zu kommen, müssen sich alle Fahrer ihre Energie so gut wie möglich einteilen, unter anderem durch Rückgewinnung, und dabei so schnell wie möglich sein. Deswegen können sie nicht immer mit Vollstrom fahren.

In den vergangenen Saisons fügte die FIA dem Regelwerk jedoch immer neue Passagen hinzu, die für noch spannenderes Racing sorgen sollten. Dabei verkomplizierte sie den Sport so sehr, dass inzwischen selbst eingefleischte Fans Probleme bekommen, dem Geschehen auf der Strecke zu folgen.

Warum verschwinden in der TV-Anzeige plötzlich 15 Prozent aus den Akkuständen? Wieso mussten die Fahrer den E-Prix mit 19 kWh weniger als geplant beenden? Warum hat Qualifying-Gruppe 1 auf Straßenkursen einen Nachteil? Weshalb wollte im Sonntagsrennen von Valencia eigentlich niemand anführen? Wieso kann man sich nie sicher sein, dass das finale Resultat einer Session am nächsten Morgen noch dasselbe ist? Warum ändert sich das Strafmaß in der Formel E ständig? Wo ist der Unterschied zwischen FANBOOST und Attack-Mode?

Auf all diese Fragen gibt es zwar Antworten. Diese erfahren neue Zuschauer:innen jedoch nicht auf den ersten Blick, egal wie gut die (übrigens hervorragenden!) Erklärungen von Daniel Abt bei Sat.1 sind.

In meinen Augen muss die Formel E "zurückkehren zu ihren Wurzeln" und simpler werden. Neue Fans müssen am Fernsehschirm den Ton ausschalten und dem Renngeschehen trotzdem folgen können.

Die Stimmung ist im Keller

Im Fahrerlager heißt es hinter vorgehaltener Hand inzwischen, dass sich die Serie wohl kein schlechteres Jahr für ihre erste Saison als FIA-Weltmeisterschaft hätte aussuchen können.

Die Stimmung ist seit den Ausstiegsankündigungen von Audi und BMW ohnehin im Keller. Doch auch Kalenderanpassungen (Chile erst als Saisonstart, dann im Juni, dann gar nicht mehr), wiederholte Terminkollisionen (der Berlin E-Prix mit dem offiziellen Le-Mans-Testtag) und die Kommunikation mit den FIA-Regelhüter:innen (die Möglichkeit des Valencia-Debakels war am Tag vor dem Rennen offenbar ein Thema im Meeting der Teammanager:innen) sorgen für Frust. Ganz zu schweigen davon, dass die Serie beim ersten Rennwochenende der Saison in Saudi-Arabien offenbar einem Raketenangriff auf Riad entging.

Das derzeit größte Problem ist jedoch, dass der sündhaft teure FIA-Weltmeisterschaftsstatus das Interesse an der Serie bislang mutmaßlich kaum steigern konnte. Während die Formel 1 mit ihrer Netflix-Serie "Drive to Survive" mehrere Millionen neue Zuschauer:innen in ihren Bann ziehen konnte, gewinnt die Formel E seit dem Beginn der Corona-Pandemie kaum mehr neue Fans in den Innenstädten hinzu. Der aufwändig produzierte Dokumentarfilm "And We Go Green", der auf dem YouTube-Kanal der Formel E frei verfügbar ist, hat zum aktuellen Zeitpunkt magere 45.000 Aufrufe.

Anders gesagt: Die altehrwürdige Formel 1 schafft es derzeit besser denn je, der jungen und vermeintlich zukunftsfähigeren Formel E die neuen Fans wegzunehmen. Und wie antwortet die Elektroserie auf diesen Stillstand? Mit der Schaffung der x-ten Simracing-Serie, der Gründung eines neuen Influencer:innen-Kollektivs und dem Aufstellen von eingetopften Olivenbäumen auf leeren Tribünen.

Wie die Formel E nach dem Energie-GAU von Valencia wieder Momentum aufnehmen kann, ist ungewiss. Ich finde allerdings: In der Serie ist ein großer Umbruch nötig, damit sie das Interesse ihrer Fans - und wohlgemerkt auch ihrer noch unentschlossenen Hersteller - halten und zurückgewinnen kann. Die derzeitige Negativspirale muss beendet werden.

Für die Serienverantwortlichen dürfte dies der "Quadratur des Kreises" gleichen, doch nichts anderes ist mit Blick auf die dritte Fahrzeuggeneration (2022-2026) nötig. Der erste Schritt auf diesem Weg sollte es sein, dass die Serie für neue Fans wieder verständlich wird. Frei nach dem Motto: Weniger ist manchmal mehr.

Zurück

7 Kommentare

Derbe_klopp_te ·

Also ich würde die Kirche mal im Dorf lassen.
Ich finde die Regeln nicht zu schwer. Das sind einfach sensationsmedien, die jetzt mal einen anhatspunkt gefunden haben um irgendwas in den dreck zu ziehen.
Insbesondere im vergleich zur F1 sind die Regeln doch sehr klar umrissen. (F1. Keiner checkt mehr wie das mit den Reifen genau funktioniert, jede halbe studne muss ein reifensatz abgegeben werden, jetzt gibt es ein alternatives Wochenendszenario, bei dem noch mehr fragezeichen sind.) Einzig die Rennlänge ist in der F1 genauer definiert, und da wäre ich dabei, dass man wieder auf ein Rundenbasiertes Rennen und kein Zeitbasiertes Rennen gehen sollte.
Die f1 hat grade recht viele Zuschauer, da man auf vielen neuen/alten (Tradition-)Strecken fährt. So eine Basis hat die Fe nach 6? Jahren halt noch nicht

HWE ·

Die Basis der Formel 1 wird die FE auch nie erreichen, vor allem nicht auf den ständig wechselnden Carrera-Bähnchen-Strecken und mit Rennställen die keinerlei Tradition haben.
Es interessiert draußen keine "Sau" ob da Mercedes, BMW oder Audi fährt, wenn nix anderes geboten wird oder nur Sky für Geld überträgt schaut Mann*innen halt kreischende Stromer an denen sich tatsächlich "Alibi-Brands" finden, wie inzwischen in allen Sportarten.

HWE ·

Sorry, Nachtrag: die Regeln sind evtl. wirklich nicht schwer , evtl. sind die Zuschauer nur zu be-kloppt.....Hauptunterschied zwischen Rennen und SC-Phase, bei SC fährt vorne ein anderes Auto was auch noch vom Rest zu unterscheiden ist....

Trockensumpfpumpe ·

Ich sehe ehrlich gesagt auch kein Stück, warum man da jetzt derartige Hiobsbotschaften an die Wand pinseln sollte. Es ist jetzt erstmals ein Problem mit dem Energieabzug aufgetreten, in der zweiten Saison in Folge, in der das ganze benutzt wird. Für eine Rückkehr zum rundenbasierten Rennen wäre ich zwar auch aber wenn das alleine das Problem lösen würde (und das würde es) kann man auch nicht von zu komplizierten Regeln sprechen.
Ansonsten funktioniert die Formel E wirklich super, das haben gerade die Rennen in Rom gezeigt. Im Grunde darf und sollte man sich einfach nicht an die Konservatisten im Motorsport anbiedern, die wollen ohnehin nur das Haar in der Suppe finden und ballern seit Saison 1 die immergleichen, schlechten Argumente raus.

Karl3 ·

Also dem Beitrag kann ich mal überhaupt nicht zustimmen.

Die Charakteristik des Gleichstommotors (volles Drehmoment bei Drehzahl 0, Leistung steht praktisch immer voll zur Verfügung) erfordert nun mal die Nutzung anderer strategischer Elemente. "Vollstromrennen" wären nicht sehr unterhaltsam.
Man möge nur das letzte Interview von Rene Rast lesen - immerhin amtierender DTM Meister - welcher sagt, wie fordernd diese Autos zu fahren sind.

Und wer macht sich denn lustig über den "Stromausfall" in Valencia? Diejenigen, die sich sowieso nicht interessieren dafür. Es ist die Hälfte des Feldes liegen geblieben, aber natürlich hat es auch die gegeben, welche die (exakt definierte!) Anforderung gemeistert haben.

Der Ausstieg von Audi war doch nur eine Frage der Zeit. Ebenso auf der Langstrecke werden die doch nicht dauerhaft gegen Porsche fahren. Das wäre doch Unsinn.
Und bei BMW ist die Elektromobilität noch nicht richtig angekommen. Vor acht Jahren mit dem i3 Vorreiter, hängen sie jetzt völlig hinterher.
Was mir gar nicht gefällt ist der Mini als PaceCar. Wer nicht über die 60er Jahre und MonteCarlo weiß, wird Mini nicht mit Motorsport assoziieren. ;-)

"Drive2Survive" ist wirklich gut gelungen, v.a. weil es die Dramatik auch in den mittleren in hinteren Rängen zeigt: ein Ausgleich zu der Langeweile auf den vorderen Rängen.

Die F1 als problemloses Erfolgsmodell zu zeichnen, ist doch völlig realitätsfremd: sie kämpfen mit völlig überbordenden Kosten, dass das erste Mal ein Limit eingezogen wird. Seit Jahren 20 Autos statt 24 (früher sogar noch mehr, die durch die Quali mussten). Honda steigt aus, kein neuer Hersteller in Sicht. Renault ständig ausstiegs gefährdet usw.

Synthetic Fuels hin oder her, auch die F1 muss sich was einfallen lassen, jugendliche Nachwuchsfans gibt es kaum ...

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 4 plus 5.