Formel E

Meinung: Die wichtigsten Erkenntnisse nach den Formel-E-Testfahrten von Valencia

Timo Pape

Timo Pape

Jaguar-Pitlane-Valencia-2021

Die einzige Standortbestimmung vor der letzten Gen2-Saison der Formel E liegt hinter uns. Zwar kamen bei den Vorsaison-Testfahren in Valencia - wie auch im anstehenden WM-Jahr 2022 - die schon in Saison 7 genutzten Antriebe zum Einsatz. Dennoch lassen sich nach den drei Testtagen ein paar Schlüsse für das neue Jahr ziehen.

Die größte Veränderung in der achten Formel-E-Saison betrifft bekanntlich das Qualifying. Das neue Turnierformat wurde am Testmontagnachmittag auf dem Circuit de Ricardo Tormo erstmals ausprobiert. Zunächst fuhren die beiden Elfergruppen in jeweils zehn Minuten um die besten Rundenzeiten, dann gab es eine ganze Reihe von "Viertelfinal"-Duellen, sodass jeder Pilot einmal zum Zweikampf antreten durfte.

Dabei fiel auf, dass es relativ häufig zu Duellen zweier Teamkollegen kam. Dies könnte auch in Saudi-Arabien der Fall sein, denn jedes Team schickt beim Saisonstart am 28. Januar einen Fahrer pro Gruppe ins Rennen. Kommt es dann später in der Saison zu teaminternen Duellen, wird sich zeigen, ob die Teams je nach Meisterschaftsstand einen ihrer beiden Fahrer einbremsen. Im Normalfall dürften uns aber eher packende Duelle zwischen Teamkollegen erwarten - Rennfahrer haben ja doch auch ihren Stolz.

In jedem Fall dürfte die Qualifying-Leistung entscheidender denn je werden. Topfahrer haben durch das neue Format endlich die theoretische Möglichkeit, bei jedem E-Prix auf die Pole-Position zu fahren. Das war bislang praktisch nicht der Fall. Wie wir schon in der letzten Saison gesehen haben, ist ein guter Startplatz inzwischen viel wichtiger als noch vor einigen Jahren, da die Autos inzwischen weitgehend auf einem sehr ähnlichen Leistungsniveau sind und es kaum noch möglich ist, vom letzten Startplatz aus ein Rennen zu gewinnen.

Beste Qualifyer haben beste WM-Chancen

Vor diesem Hintergrund dürften die besten Qualifyer - und auch die Teams, die auf eine Runde besonders schnell sind - theoretisch die besten Chancen auf die WM haben. Nur wer das Risiko perfekt managt und damit regelmäßig in die K.o.-Phase kommt, wird um den Titel kämpfen können. Dass dies bei Abständen von wenigen Tausendstelsekunden zwischen manchen Teams keine leichte Aufgabe wird, ist selbstverständlich.

Wir erwarten deshalb, dass sich in Saison 8 über die Monate hinweg wieder eine klarere Spitzengruppe herauskristallisieren wird. Vielleicht sehen wir einen Fünfkampf, in dem nur noch die Fahrer mitmischen, die im Qualifying- und Renntrimm eine Macht sind und gleichzeitig noch in einem effizienten Auto sitzen. Es dürfte weniger unterschiedliche E-Prix-Sieger geben als noch in der vergangenen Saison.

Mercedes scheint in dieser Hinsicht am besten aufgestellt zu sein. Der Antriebsstrang ist hervorragend, Nyck de Vries ist amtierender Formel-E-Meister, und auch Stoffel Vandoorne hat schon häufig seine Klasse bewiesen - sowohl im Qualifying als auch im Rennen. Aber: Die Konkurrenz kommt unter anderem aus dem eigenen Lager, denn das Mercedes-Kundenteam Venturi ist stärker denn je!

Nicht nur, dass Vizechampion Edo Mortara in Valencia der Schnellste war. Die Monegassen haben zudem Lucas di Grassi verpflichtet und aus meiner Sicht erstmals in ihrer Geschichte ein echtes "Killer-Line-up". Beide Fahrer haben das Potenzial zur Meisterschaft und sind mindestens ebenbürtig mit den beiden Mercedes-Werksfahrern. An den vier Mercedes-Fahrzeugen führt im Jahr 2022 kein Weg vorbei.

Profitiert Jaguar vom Rennkalender?

Allerdings ist auch von Jaguar einiges zu erwarten. Vielleicht hatten die Briten im vergangenen Jahr sogar das beste Auto, doch am Ende sollte es für Mitch Evans aus verschiedenen Gründen nicht reichen. In der kommenden Saison stehen jedoch wieder mehr klassische Formel-E-Straßenkurse auf dem Programm - die große Stärke des Jaguar-Antriebs. Ohne "Double-Header" in Valencia, Puebla und Berlin könnte die "Raubkatze" noch erfolgreicher als in Saison 7 werden.

Ich rechne außerdem mit dem umbenannten Envision-Team sowie mit DS Techeetah. Für beide gilt es, konstanter zu werden. Jake Dennis im Kunden-BMW von Andretti dürfte vorn mitmischen. Spannend wird zu sehen, ob Porsche endlich angreifen kann, und ob Oliver Rowland Mahindra auf ein neues Level hievt. Ich glaube ja, bedenkt man seine Stärke im Qualifying.

Nissan wird alles daran setzen, sich zumindest wieder ins Mittelfeld der Formel E vorzuarbeiten. Das Duell zwischen Sebastien Buemi und Max Günther wird hierbei besonders spannend. Für die Hinterbänkler-Teams Dragon und Nio 333 sehe ich wenig Hoffnung - armer Antonio Giovinazzi.

Durch die Leistungserhöhung von 200 auf 220 kW im Rennmodus erwarte ich nicht allzu große Unterschiede. Letztlich könnte aber der Attack-Mode etwas weniger bringen, denn hier steigt die Leistung von 235 auf 250 kW an, also nur um 15 kW. Somit ist der Unterschied zwischen Rennmodus und Attack-Mode im nächsten Jahr etwas kleiner als bisher.

Leider sind es noch mehr als sieben Wochen bis zum Saisonstart Ende Januar in Diriyya. Ich kann kaum erwarten, dass es wieder losgeht, denn ich erwarte eine äußerst kompetitive und packende Formel-E-Saison 2022.

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