Formel E

Millionen Runden gegen sich selbst: Di Grassi will KI-Zwilling für Formel-E-Fahrer

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

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Lucas di Grassi will künstliche Intelligenz stärker in die Formel E bringen und hat dafür eine ungewöhnliche Idee: Ein virtueller Zwilling soll Fahrstil, Techniken und Vorlieben eines Piloten möglichst genau abbilden, Millionen Simulationsrunden absolvieren und anschließend als Trainingspartner dienen. Der ehemalige Formel-E-Titelträger betont jedoch, dass die KI den Menschen keinesfalls ersetzen soll - im Gegenteil: Der Fahrer soll dadurch noch stärker in den Mittelpunkt rücken.

Lucas di Grassi hat seine aktive Formel-E-Karriere beendet, Gedanken über die technische Zukunft der Rennserie macht sich der Brasilianer jedoch weiterhin. Bei einer Medienrunde in London, an der auch e-Formel.de teilnahm, sprach der Meister der Saison 2016/17 ausführlich darüber, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig im elektrischen Motorsport spielen könnte.

"Wir müssen jetzt anfangen, darüber nachzudenken, wie wir KI in verschiedenen Bereichen in die Formel E integrieren können", sagt di Grassi. Mit künstlicher Intelligenz und autonomem Fahren beschäftigt sich di Grassi bereits seit Jahren. Neben seiner Fahrerkarriere war der Brasilianer zeitweise CEO von Roborace, einer Rennserie für autonom fahrende Elektro-Rennfahrzeuge, bei der Software und KI eine zentrale Rolle spielten.

Eine seiner konkretesten Ideen ist ein virtueller Zwilling des Fahrers. "Eine Möglichkeit wäre, einen virtuellen Zwilling des Fahrers zu erschaffen, der ihm hilft, sich weiterzuentwickeln und besser zu trainieren."

Für den virtuellen Zwilling soll ein digitales Modell des jeweiligen Piloten entstehen, das dessen Fahrtechniken, Vorlieben und individuelle Eigenheiten abbildet. Di Grassi spricht dabei allgemein von künstlicher Intelligenz, nennt jedoch kein konkretes technisches Verfahren. Machine Learning wäre grundsätzlich eine denkbare technische Grundlage für ein solches System, darauf legt sich di Grassi jedoch nicht fest.

Dieses digitale Fahrermodell könnte anschließend Millionen virtuelle Runden absolvieren, bevor der reale Fahrer selbst in den Simulator steigt und mit dem Modell trainiert. "Die KI könnte ein Modell erschaffen, mit dem der Fahrer praktisch gegen sich selbst trainiert - gegen eine virtuelle Version von sich, die zuvor Millionen Runden gefahren ist."

"KI soll den Fahrer nicht ersetzen"

Dabei geht es di Grassi ausdrücklich nicht darum, den Piloten aus dem Rennwagen zu verdrängen. "Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben. Im Motorsport geht es darum, dass die besten Fahrer die Autos fahren. KI bedeutet nicht, dass sie den Fahrer ersetzen soll. Im Gegenteil: Sie soll ihn unterstützen." Nach seiner Vorstellung könnte der Einsatz künstlicher Intelligenz zugleich helfen, Kosten zu senken und Entwicklungsprozesse zu beschleunigen.

"Damit können wir die Meisterschaft günstiger und besser machen, uns schneller weiterentwickeln und bessere Lösungen finden", sagt di Grassi. KI solle nach seiner Vorstellung den Fortschritt der Meisterschaft beschleunigen, ohne den Menschen aus dem Mittelpunkt zu verdrängen.

Von Rennlinien bis Streckendesign: Di Grassi sieht weitere KI-Einsatzfelder

Der virtuelle Fahrer-Zwilling ist dabei nur ein Teil seiner Vorstellungen. Di Grassi sieht zahlreiche weitere Bereiche, in denen künstliche Intelligenz in der Formel E eingesetzt werden könnte.

"KI könnte Teile des Autos steuern, dabei helfen, andere Rennlinien zu entwickeln oder sogar neue Kurven zu entwerfen", erklärt der Brasilianer. Auch bei Simulationen sowie beim Abgleich großer Datenmengen sieht er Potenzial.

"Es gibt sehr viele Dinge, mit denen KI den Motorsport sicherer und günstiger und die Formel E effizienter und schneller machen könnte", sagt di Grassi. Entscheidend sei dabei weiterhin die Rolle des Menschen: "Sie soll die Formel E stärker auf die Fahrer ausrichten, nicht weniger. Der Fahrer soll stärker im Mittelpunkt stehen."

Die Formel E hält der 42-Jährige für besonders geeignet, um solche Technologien zu erproben. "Ich glaube wirklich, dass die Formel E prädestiniert dafür ist, diese KI-Revolution voranzutreiben. Wir müssen sie in die Meisterschaft holen."

Welche seiner Ideen tatsächlich umgesetzt werden, ist bislang offen. Zumindest beim virtuellen Fahrer-Zwilling hat di Grassi jedoch konkrete Ambitionen: "Der virtuelle Zwilling ist nur eine Sache, die ich so schnell wie möglich entwickeln möchte. Ich glaube, dass er den Teams enorm helfen könnte."

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