Formel E

"Mir ging es total dreckig" - Buemi stürmt bei Formel E in Kapstadt trotz Sonnenstich & Crash auf Platz 5

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Mit dem fünften Platz bei der Formel-E-Premiere in Südafrika hat Sebastien Buemi unverhofft noch wichtige Zähler für die Meisterschaft sammeln können. Dabei startete das Wochenende denkbar schlecht für den Meister aus Saison 2: Neben einem schweren Unfall im 1. Freien Training und einem weiteren Crash in der Anfangsphase des Rennens litt Buemi unter einem schweren Sonnenstich, den er sich bei PR-Aktivitäten zugezogen hatte.

In Kapstadt gab es im Vorfeld des Rennens wie gewöhnlich einige verpflichtende PR-Aktivitäten für die Fahrer. Für Sebastien Buemi waren diese unter anderem ein Rugby-Training mit dem Team der DHL Stormers am Strand sowie der Besuch bei der Crew von 11th Hour Racing beim "Ocean Race". Die Boote des seit 1973 ausgetragenen Segelwettbewerbs machten am E-Prix-Wochenende gerade in Kapstadt Halt. Die Aktivitäten blieben jedoch nicht folgenlos für den Schweizer.

"Ich hatte am Mittwoch nach den beiden Aktivitäten einen schweren Sonnenstich, weil ich dabei keine Mütze tragen konnte", berichtet Buemi bei 'The Race'. "Am nächsten Tag sind wir auf das Boot gegangen, und als ich ins Hotel zurückkehrte, war ich komplett rot."

"Ich musste mich die ganze Nacht übergeben", klagt der Schweizer weiter. "Geschlafen habe ich nicht, ich konnte kein Auge zumachen. Dann hatte ich einen katastrophalen Freitag mit dem frühen Unfall. Mir ging es total dreckig. Mir war kalt und heiß."

Sein Team baute das Fahrzeug bis zum 2. Freien Training am Samstagmorgen wieder auf. Buemi, dem es deutlich besser ging, stand nach seinem Unfall am Freitag aber nur noch ein Reifensatz zur Verfügung. "Mit einem Reifensatz geht man Kompromisse ein, sowohl im Qualifying als auch im freien Training, weil die Reifen irgendwann zu heiß sind", beschreibt der Envision-Pilot. Er konnte im Gegensatz zu seinen Konkurrenten im Gruppen-Qualifying nicht auf einen anderen Reifensatz wechseln.

Buemi zweimal in der TecPro-Barriere

Dennoch zog Buemi mit einer sehr guten Runde erneut in die Duellphase des Qualifyings ein. Dies gelang ihm als einzigem Fahrer zum fünften Mal im fünften Saisonrennen. Im Viertelfinalduell gegen den Markenkollegen Mitch Evans unterlief dem Schweizer jedoch ein Fehler. Er verbremste sich und berührte die TecPro-Barriere, wobei er sich leicht den Frontflügel beschädigte.

Von Startplatz 7 aus schob er sich beim Start des Rennens an Pascal Wehrlein vorbei. Der Porsche-Fahrer verbremste sich jedoch kurz darauf und traf Buemi, der erneut rückwärts in der TecPro-Barriere landete. Mit beschädigtem Heck fuhr Buemi dem Feld hinterher. Hierbei profitierte er davon, dass das Safety-Car auf die Strecke kam, damit der Porsche geborgen werden konnte.

Buemi arbeitete sich wieder durch das Feld und schob sich Platz um Platz nach vorn. Zusätzlich profitierte er von den Durchfahrtsstrafen gegen Evans und Jake Dennis sowie den Ausfällen von Max Günther und Sacha Fenestraz. Das Rennen schloss er auf dem fünften Platz ab und nahm aus einer einst aussichtslosen Position zehn Punkte für die Meisterschaft mit nach Hause.

"Am Ende würde ich sagen, dass der fünfte Platz gut ist", beschreibt Buemi weiter, der trotz des schwierigen Wochenendes nicht komplett zufrieden ist. "Es ist nur schwer, die verpassten Punkte zu verdauen. Ich habe das Gefühl, dass ich besser hätte abschneiden können."

Kommentar von Tobias Wirtz: "Gesundheit der Fahrer sollte vorgehen"

Man mag den Eindruck haben, dass die Saison 2023 der Formel-E-Weltmeisterschaft einen deutlichen Rückschritt bei den Themen Sicherheit und Gesundheit der Fahrer darstellt. Schon in Valencia war Sebastien Buemi einer der Leidtragenden, als er bei den Vorsaisontests mutmaßlich aufgrund eines technischen Defektes an Antrieb oder Batterie hart in die Reifenstapel einschlug.

Der FIA und der Formel E waren die Bremsprobleme der Gen3-Boliden zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten bekannt: Wenn die Rekuperation durch ein technisches Problem wegfiel, waren die lediglich an der Vorderachse mit einer hydraulischen Bremse ausgerüsteten Boliden nicht in der Lage, in angemessener Zeit abbremsen zu können. Mehrere schwere Unfälle bei privaten Testfahrten der Hersteller waren die Folge.

Zwar reagierte die FIA im Anschluss verhältnismäßig schnell und ließ bereits vor dem zweiten Saisonrennen in Diriyya eine Notbremse an der Hinterachse der Fahrzeuge nachrüsten. Aber nicht auszudenken, wenn beim Saisonstart in Mexiko etwas passiert wäre. Die Formel E wäre sehenden Auges in eine mögliche Katastrophe gelaufen.

Das ist jedoch nicht das einzige sicherheitsrelevante Thema mit den Gen3-Boliden: So kritisieren die Fahrer bereits seit Monaten die schlechte Sicht in den Rückspiegeln. Sie war inzwischen Auslöser für mehrere gefährliche Situationen in Trainings, Qualifyings und Rennen. Auch am Samstag beklagte sich Jean-Eric Vergne nach dem Rennen erneut darüber, dass er Antonio Felix da Costa nicht im Spiegel hätte sehen können, als dieser zwei Runden vor dem Ziel sein Überholmanöver durchzog. Besserung ist hier bislang noch nicht in Sicht.

Ein weiterer Punkt: Fehlende gelbe Flaggen nach dem Qualifying-Unfall von Edoardo Mortara sorgten dafür, dass Max Günther nur knapp dem gestrandeten Boliden seines Teamkollegen ausweichen konnte. Sam Bird verlor seinen Jaguar wenige Sekunden darauf und prallte mit hoher Geschwindigkeit in die Mauer und dann in das Mortara-Wrack. Zum Glück war nur sein Jaguar im Anschluss ein Totalschaden.

Verpflichtende PR-Aktivitäten gehören im Motorsport dazu. Natürlich es aber nicht optimal, wenn dann auch noch diese an der Gesundheit der Fahrer nagen. Hier sind die Teams, aber auch die Formel E in der Verantwortung, die Temperaturen im südafrikanischen Hochsommer im Blick zu behalten und angemessene Maßnahmen zu treffen. Auf der Nordhalbhugel würden die meisten wohl auch nicht unbedingt Ende August einen ganzen Tag in der prallen Sonne in Casablanca oder Tripolis verbringen wollen.

Ist es überhaupt sinnvoll, Südafrika im dortigen Hochsommer zu bereisen? Vielleicht sollte die Formel E ihren Rennkalender ein wenig überdenken: Die Berücksichtigung der Jahreszeit könnte man ideal mit einer in meinen Augen sinnvollen Verkürzung der Transportwege innerhalb der Saison kombinieren. Aber dieses Thema ist ja auch alles andere als neu...

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