Formel E

Mit neuem Hauptsitz & Herstellerstatus: Wie Nio 333 zurück in die Formel-E-Erfolgsspur finden will

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Formula-E-Blue-Nio-333

Die Ausgeglichenheit des Starterfeldes gehört seit Jahren zum kommunikativen Mantra der Formel-E-Geschäftsführung. Doch während sich auch 2022 ein enger Titelkampf zwischen mehreren Teams anbahnt, scheinen sich am Ende des Feldes abermals Dragon und Nio 333 um die "rote Laterne" zu duellieren. Wie Nio 333 mit einem jüngst erneuerten Herstellerstatus den Weg zurück an die Spitze schaffen will, erklärt Co-Teamchef O'Hagan im Exklusiv-Interview mit 'e-Formel.de'.

Längst vorüber sind die Zeiten, in denen Nio 333 um Siege in der Formel E kämpfen konnte. Der direkte Vorgänger des Teams, das damals noch unter dem Namen "NextEV TCR" antrat, gewann zwar 2015 mit Nelson Piquet jr. den ersten Fahrertitel der Serie. Durch steigende Budgets, wiederholt notwendige interne Neuaufstellungen und die wachsende Herstellerkonkurrenz rutschte der Rennstall jedoch schrittweise gen Ende des Formel-E-Feldes ab. Seit 2018 konnte kein Nio-Fahrer mehr ein Top-5-Resultat erzielen.

Vor der Saison 2019/20 übernahm schließlich Shanghai Lisheng Racing den Rennstall. Das strukturelle Organigramm von Nio 333 ist seither einigermaßen konfus, funktioniert aber ungefähr so: Die chinesischen Mehrheitseigner, die auch hinter der Organisation der chinesischen TCR-Serie stehen, steuern die Formel-E-Einsätze nicht selbst, sondern überlassen die Geschäftsführung einer in England registrierten Tochterfirma. Diese trägt den Namen "Brilliant in Excellence" (BIE). Die BIE-Verantwortungen teilen sich als Co-Teamchefs wiederum Russell O'Hagan sowie der ehemalige Rennfahrer Alex Hui.

Hui ist darüber hinaus der Direktor von Nio 333s Antriebspartner Gusto Engineering, der seit einigen Jahren maßgeblich für die Herstellung der Motorenpakete des Herstellerteams verantwortlich zeichnet. O'Hagan leitet als "Chief Operating Officer" seit November 2021 die Geschäfte an der Rennstrecke und in der Nio-333-Fabrik. Er folgte dabei auf den bisherigen Teamboss Christian Silk, der den Rennstall aus Altersgründen im vergangenen Sommer verließ.

Neues Werk in Silverstone eröffnet: "Mehr Vorteile als erwartet"

Auf die ersten Monate an der Spitze des Nio-333-Teams blickt O'Hagan zufrieden zurück: "Es lief gut! Die Zeit war sehr arbeitsreich und vielfältig", erinnert er sich, als 'e-Formel.de' ihn zum Exklusiv-Gespräch hinter der Nio-333-Garage in Rom trifft. "Zu Beginn mussten wir den Übergang von Christian (Silk) zu mir organisieren. Wir haben uns vom ersten Gespräch an sehr gut verstanden, was es sehr unkompliziert gemacht hat."

"Ich finde, dass wir als Firma stolz auf das letzte Jahr sein können. Das Team kommt besser denn je zusammen, wodurch sich die Fahrer auch stärker gegenseitig pushen. Das Schöne an der Formel E ist allerdings auch: Es ist nicht so, dass das Mittelfeld meilenweit von der Spitze entfernt ist. Wir müssen nicht sofort vom letzten auf den ersten Platz stürmen, sondern wissen, dass es als acht- oder neuntschnellstes Team Möglichkeiten für Podien oder Rennsiege geben kann. Das ist das große Ziel, auch wenn es harte Arbeit ist."

Dabei helfen soll auch ein neues Hauptquartier in Silverstone, das das Team im September 2021 bezog. Die letzten Schritte des Umzugs - Testfahrten, Corona-Lockdowns und den ersten Saisonrennen sei Dank - schloss Nio 333 allerdings erst kurz vor dem letzten E-Prix-Wochenende in Italien ab. "Das war schon geplant, als ich im März letzten Jahres dem Unternehmen beitrat ", sagt O'Hagan über den Umzug. "Ich hatte damit gerechnet, dass es durchaus vorteilhaft sein könnte, die gesamte Operation unter einem Dach zu haben. Es gibt aber sogar mehr Vorteile, als ich erwartet hatte."

"Natürlich erleichtert es die Kommunikation, wodurch sich auch der Teamgeist verbessert. Zweitens bekommen wir einen besseren Einblick in die täglichen Arbeitsroutinen (unserer Kolleg:innen), was allen ungemein hilft. Aus einer Management-Perspektive wird es ebenfalls einfacher, seine eigenen Standards für die Arbeit in der Firma festzulegen und mit der Gruppe beziehungsweise mit einzelnen Personen zu kommunizieren."

Co-Teamchef überzeugt: Nio 333 "nah dran" an Anschluss zum Mittelfeld

Das neue Werk in Silverstone umfasst neben Büroräumen, Garagen und Prüfständen auch den eigenen Driver-in-the-Loop-Simulator sowie die "Mission Control" von Nio 333. In der Kommandozentrale arbeiten, zusätzlich zu den Teammitgliedern an der Strecke, bis zu sechs Ingenieur:innen zeitgleich an der Analyse von Fahrzeugdaten, der Entwicklung von Rennstrategien und der Beobachtung der Konkurrenz. Dazu zählt unter anderem die Überwachung des Teamfunks, der in der Regel über die Formel-E-App öffentlich zugänglich ist.

"Das Niveau der Fahrer, Teams und Ingenieure ist unglaublich hoch, was diese Serie so komplex macht", beschreibt der Brite den Bedarf an einer Leitstelle in der Nio-333-Basis. "Zwischen den Events arbeiten wir sehr hart, um Schritte nach vorn zu machen. Doch alle anderen versuchen ebenfalls, auf unsere Entwicklungen Antworten zu finden. Das macht es aber auch umso schöner, wenn man tatsächliche Fortschritte erkennt. Ich hoffe einfach, dass wir bald wieder den Anschluss an die Mittelfeldgruppe herstellen. Und ich denke, wir sind nah dran!"

Die ersten Schritte auf dem Weg ins Formel-E-Mittelfeld gelangen Nio 333 beim fünften Lauf der aktuellen Saison. In Rom schaffte es O'Hagans Rennstall zum ersten Mal seit dem Buenos Aires E-Prix 2017 mit beiden Fahrern in die Top 10. Zwischen diesen beiden Rennen lagen sage und schreibe 1.877 Tage. Damals wurden Piquet jr. und Oliver Turvey Fünfter und Neunter.

Gen3-Auto "ein Megaprojekt", erneut kollektive Herstellertests geplant

Parallel zur 2022er-Kampagne arbeitet Nio 333 auch am Gen3-Projekt, das im Winter starten soll. Das Regelwerk für das neue Formel-E-Fahrzeugmodell erlaubt allen Herstellern den Bau von leistungsstärkeren Antriebssträngen, die, gepaart mit einem innovativen Rennformat inklusive Schnellladeboxenstopps, für noch spektakulärere Rennen sorgen sollen.

Neben Porsche, Nissan, Jaguar, Mahindra und DS Automobiles/Maserati ist Nio 333 einer von sechs Herstellern, die jüngst auf der FIA-Konstrukteursliste auftauchten. Die Chines:innen werden also weiterhin ihre eigenen Antriebe bauen.

"Das ganze Gen3-Projekt ist sehr herausfordernd", sagt O'Hagan über die Konstruktion des neuen Autos, die fortan ebenfalls aus dem neuen Werk in Silverstone koordiniert wird. "Allein schon wegen des generellen Zustands der globalen Lieferketten. Mikroprozesse laufen langsamer, und es ist schwerer, an Rohmaterialien zu kommen, beispielsweise für Antriebswellen."

"Vor diesem Hintergrund würde ich sagen, dass es bislang ganz gut läuft. Für das Team ist es spannend, ein ganz neues Projekt aufzunehmen. Wir werden im Juni einen ersten Shakedown mit dem Auto bestreiten, später sind dann mindestens zwei kollektive Testtage mit allen Herstellern geplant. Das ist ein Megaprojekt, aber die sechs Hersteller kommunizieren sehr gut untereinander sowie mit der Serie und der FIA."

Bereits vor der Gen2-Ära gab es nicht-öffentliche Kollektivtests, die einige Hersteller gemeinsam im spanischen Monteblanco bestritten. Auch in diesem Jahr dürften die Tests "mit offenen Büchern" durchgeführt werden, so O'Hagan: "Das ist wirklich einzigartig. Ich freue mich riesig darauf. Wir werden als Gruppe einen guten Weg finden, um dieses Projekt umzusetzen."

Wann das erste Gen3-Rennen stattfinden wird, ist derzeit noch nicht genau bekannt. Nachdem ursprünglich ein Saisonstart im Dezember 2022 geplant war, soll der Auftakt in die neue Formel-E-Ära laut Medienberichten nun doch ins neue Jahr rutschen. Einen Vorgeschmack auf Gen3 bekommen Fans der Serie aber schon vorher: Am Donnerstag will die Formel E die neue Karosserie enthüllen. Einen weiteren Teaser des Heckflügels twitterte die Serie am Freitag (siehe unten). Kurz darauf startet Nio 333 am 30. April zum Monaco E-Prix, bei dem das Team abermals die Punkteränge fest im Visier haben wird.

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