Formel E

Nach Formel-E-Aus: Hankook wollte weitermachen & schließt Gen5-Rückkehr nicht aus

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Hankook-Reifen-Envision-Racing-in-front-of-the-garage

Nach vier Saisons endete beim London E-Prix die Zeit von Hankook als offiziellem Reifenlieferanten der Formel E. Im Interview mit e-Formel.de verrät Motorsportchef Manfred Sandbichler, dass Hankook gerne weitergemacht hätte, spricht über die verlorene Gen4-Ausschreibung und schließt eine spätere Rückkehr nicht aus. Zudem zieht er eine bemerkenswerte Bilanz: In vier Jahren habe es keinen einzigen Reifenschaden gegeben.

"4 Jahre ohne einen Reifenschaden"

Nach vier Jahren Formel E: Wie fällt die Bilanz von Hankook aus?

Die Bilanz ist ganz einfach: vier Jahre ohne einen Reifenschaden, vier Jahre ohne ein Reifenproblem. Was den Reifen angeht, sind wir rundum zufrieden. Auch mit den Teams gab es keine Probleme. Unsere Ingenieursmannschaft hat über die gesamte Zeit sehr gut mit ihnen zusammengearbeitet.

Auch unsere Marketingabteilung ist mit dem Output und dem Return on Investment durch die Formel E sehr zufrieden.

Ich möchte persönlich noch hinzufügen: vier Jahre mit Freunden. Wir haben neue Freunde gefunden und Freundschaften vertieft, was den Abschied natürlich noch etwas schwerer macht. Da muss man ehrlich sein. Insgesamt fällt unser Resümee aber mehr als positiv aus. Die Formel E und Hankook sind bis zum Schluss ein wirklich starkes Team und wir sind stolz darauf, Teil dieser Familie zu sein.

Wenn die Bilanz so positiv ausfällt: Warum endet die Zusammenarbeit trotzdem?

Du weißt, wie es im Motorsport läuft. Es gibt Ausschreibungen. Es gibt Tage, an denen gewinnt man, und Tage, an denen die anderen gewinnen. Dieses Mal haben wir die Ausschreibung nicht gewonnen.

Wir hätten sehr gerne weitergemacht, um Gottes willen. Das war unsere Intention. Aber man muss auch ein fairer Verlierer sein und sagen: Okay, jetzt ist jemand anderes an der Reihe. Dann darf er sich beweisen.

Formel-E-Rückkehr? "Wir sind für alles wieder offen"

Bridgestone übernimmt zur Gen4-Ära. Wenn die Formel E den Reifenvertrag erneut ausschreibt: Wäre Hankook wieder interessiert?

Wir schauen uns jede Ausschreibung sehr genau an, das ist ganz klar. Wenn man sich anschaut, welche Eckdaten die Gen4-Ausschreibung mitgebracht hat, ist das ein Riesenschritt im Vergleich zu Gen3.

Natürlich wird sich auch die Formel E weiterentwickeln. Wir werden uns das genau anschauen und dann relativ zeitnah entscheiden, ob ein Wiedereinstieg für uns infrage kommt. Aber grundsätzlich sind wir, wie ich schon gesagt habe, für alles wieder offen.

Die Formel E wird häufig als Entwicklungslabor für die Automobilhersteller bezeichnet. Was hat die Rennserie Hankook technisch gebracht?

Die Formel E bringt uns genauso viel wie jede andere Rennserie. Wie du gerade gesagt hast: Wir sind im Prinzip ein rollendes Entwicklungszentrum. Was unsere Ingenieure weltweit entwickeln, wird im Motorsport unter Extrembedingungen getestet. Mit allem, was wir machen, gehen wir ans Limit oder sogar darüber hinaus.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir heute ein Rennen fahren und morgen sagen: Diese Entwicklung übernehmen wir jetzt eins zu eins in die Serie. Aber es fließen immer wieder einzelne Erkenntnisse in die Reifenproduktion ein. Das können Rohmaterialien sein oder neue Kombinationen verschiedener Materialien.

Gerade beim Thema Elektromobilität hat uns die Formel E viel gebracht, weil die Anforderungen immer größer werden. Die Fahrzeuge werden schwerer und vor allem leistungsstärker. Wir sprechen heute über Leistungen von 1.000 PS, die mittlerweile fast schon selbstverständlich geworden sind. Dafür brauchst du natürlich auch einen Reifen, der diesen Anforderungen gewachsen ist.

Von daher war die Formel E für uns ein optimales Entwicklungszentrum, weil wir hier wirklich ans Limit gehen können.

Mehr Reifen verkauft? Warum sich der Formel-E-Effekt kaum messen lässt

Lässt sich beziffern, wie viele zusätzliche Reifen oder neue Kunden euch die Formel E gebracht hat?

Wenn ich dir das beantworten könnte, wäre ich der Marketing-Guru auf diesem Planeten. Ich kann es dir nicht sagen. Wahrscheinlich kann das auch niemand wirklich beziffern.

Es wäre natürlich schön, wenn man nach einem erfolgreichen Rennwochenende sagen könnte: Morgen strömen die Massen zum Reifenhändler und verlangen nach einem Hankook iON. Aber so funktioniert es leider nicht.

Was wir wissen: Wenn wir uns die generelle Entwicklung des Unternehmens anschauen, geht der Trend nach wie vor sehr gut nach oben. Also kann das, was wir machen, nicht ganz falsch sein.

Neben der Formel E ist Hankook unter anderem in der Rallye-Weltmeisterschaft aktiv. Was steht für dich nun im Motorsport im Fokus?

Die Welt spricht natürlich immer über die großen Rennserien, beispielsweise über die Formel E oder die Rallye-Weltmeisterschaft. Aber allein in Europa betreue ich noch rund 30 weitere Rennserien, die zuletzt etwas ins Hintertreffen geraten sind.

Darauf werde ich jetzt wieder etwas mehr Augenmerk legen. Dabei werde ich auch viele alte Freunde wiedersehen. Mit manchen Rennserien arbeiten wir seit 15 Jahren zusammen. Da ist es auch mal wieder an der Zeit, dass ich mich dort häufiger sehen lasse.

Das heißt aber nicht, dass wir im Hintergrund nicht weiterarbeiten, um zu gegebener Zeit vielleicht wieder in diesem Bereich aktiv zu werden.

"Ihr seid Teil der Familie": Sandbichlers schönste Formel-E-Erinnerung

Was ist deine schönste Erinnerung aus vier Jahren Formel E?

Jedes Event hat für sich schöne Erinnerungen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir aber die Vorpräsentation in Valencia, bevor das Auto zum ersten Mal gefahren ist. Damals wurde der Wagen in einem sehr intimen Kreis vorgestellt.

Ich war damals mit meinem CEO dort. Abends saßen wir noch im Garten des Hotels. Es war ein wunderschöner Spätsommerabend. Dann kam die gesamte Führungsmannschaft der Formel E dazu und setzte sich zwei Tische neben uns.

Nach fünf Minuten kam Alberto zu uns rüber und sagte: "Ihr kommt zu uns an den Tisch. Ihr seid Teil der Familie." Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Und die schlimmste Erinnerung?

Etwas wirklich Schlimmes gibt es eigentlich nicht. Vielleicht diese extremen Regenschauer zuletzt in Tokio, als wir evakuiert wurden. Wir waren selbst schuld und überhaupt nicht darauf vorbereitet. Anschließend waren wir klatschnass bis auf die Haut. Da habe ich gesagt: Das brauche ich nicht unbedingt.

Was ebenfalls hängen bleibt, sind die Hitzeschlachten in Jakarta oder Sanya. Temperaturen von bis zu 35 Grad sind wir als Mitteleuropäer einfach nicht gewohnt.

Deshalb kann ich bei dieser Frage eigentlich nur auf solche persönlichen Erinnerungen zurückgreifen. Über die vier Jahre hatten wir mit jedem Team, jedem Ingenieur und jedem Fahrer ein durchweg sehr freundschaftliches und gleichzeitig professionelles Verhältnis.

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