Formel E

Nachhaltigkeitsstudie über Rennserien: Formel E klarer Sieger vor Formel 1, Extreme E auf Platz 4

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

In einer Studie der britischen Firma Enovation Consulting sind 106 Motorsportserien auf ihre Nachhaltigkeit hin untersucht worden. Während die Formel-E-Weltmeisterschaft als einzige Rennserie im Jahr 2021 die höchste Bewertung erhielt, lagen andere Elektroserien sogar noch hinter großen Rennserien, in denen aktuell noch mit Verbrennungsmotoren gestartet wird.

Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren ein wichtiges Thema geworden, das auch im Motorsport zunehmen eine Rolle spielt. Die Grundlage für die Studie bildete daher die Aussage "Was du nicht messen kannst, kannst du nicht verbessern". Den Rennserien wurden für den "Sustainable Championship Index" (SChI) eine von fünf verschiedenen Bewertungsstufen zugeordnet. Grundlage bildeten die von den Serien selbst veröffentlichten Daten aus dem Jahr 2021.

Ziel dieser Studie sei es jedoch nicht gewesen, die Leistungen der Rennserien untereinander zu vergleichen. "Vielmehr ist das Ziel dieses Berichts, ein Benchmarking zu erstellen und bewährte Praktiken vorzustellen, die Meisterschaften mit dem Wissen und den Werkzeugen ausstatten, um ihre eigenen Nachhaltigkeitsanstrengungen zu bewerten, verbesserungswürdige Bereiche zu identifizieren, bewährte Praktiken auszutauschen und Änderungen einzuführen, die in Zukunft zu nachhaltigeren Praktiken führen werden", heißt es dort.

Wenig überraschend ist die Formel-E-Weltmeisterschaft mit der höchsten Stufe "High" ausgezeichnet worden - als einzige untersuchte Rennserie. Jedoch merkt der Bericht auch an, dass die Formel E dabei lediglich 79 von 100 möglichen Punkten gesammelt habe und weitere Verbesserungen durchaus im Bereich des Möglichen lägen.

Auf den Plätzen 2 und 3 folgen die Formel-1-Weltmeisterschaft mit 75 Punkten und die Motorrad-Weltmeisterschaft (MotoGP) mit 60 Punkten, die beide die zweithöchste Bewertung erzielt haben. Dann kommen fünf weitere Meisterschaften mit der dritthöchsten Stufe, darunter auch die Extreme E. 26 Meisterschaften erreichten die vierte Kategorie, während mit 72 Rennserien der Großteil in die unterste Bewertungsstufe fällt.

Der FIA eTouring Car World Cup (ETCR, damals noch unter dem Namen Pure ETCR) und die MotoE erhielten nur die vierthöchste Auszeichnung. Andere bedeutende Rennserien, darunter die DTM, die Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC), die IndyCar-Serie oder die Formel 2, erreichten gar die niedrigste Kategorie.

"Nicht verwunderlich, dass die Formel E Vorreiter ist"

"Es ist nicht verwunderlich, dass die Formel E ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit im Motorsport ist", heißt es im Bericht. "Bei ihren insgesamt 15 Rennen in der Saison 2020/21 war der Schlüssel zum Erfolg ihr ganzheitlicher Ansatz in Sachen Nachhaltigkeit - mit dem Ziel, die negativen Auswirkungen zu minimieren und gleichzeitig die Bereiche zu optimieren, wo sie einen positiven Einfluss ausüben kann."

Ausschlaggebend war unter anderem, dass die Formel E neben der 3-Sterne-Akkreditierung des Automobil-Weltverbandes FIA als eine von nur zwei Rennserien über eine ISO20121-Zertifizierung für nachhaltige Veranstaltungen verfügt. Überraschend ist jedoch auch, welche die zweite Rennserie mit dieser Zertifizierung ist: Es handelt sich dabei um die Ferrari Challenge Europa.

Daneben wird angerechnet, dass die Formel E ein Recyclingprogramm für alle Lithium-Ionen-Akkus der Gen-1-Fahrzeuge hatte und Kohlefaserteile, die bei Rennwochenenden 2021 beschädigt wurden, zentral sammelte und anschließend recycelte. Seit 2018 hat die Meisterschaft zudem 200.000 Plastikflaschen durch die Installation von Wassernachfüllstationen im E-Village eingespart.

Die Partnerschaft mit UNICEF wird ebenfalls hervorgehoben: So trug die Rennserie im Jahr 2021 ihren Teil dazu bei, dass 38 Millionen Menschen der Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygienemitteln ermöglicht wurde. 2,5 Millionen Mitarbeiter:innen im Gesundheitswesen erhielten Schulungen in den Bereichen Infektionsprävention und -kontrolle. Ihre Partnerschaft mit UNICEF hatte die Formel E in Saison 6 im Rahmen der Race-at-Home-Challenge  bekannt gegeben und mit Spenden dabei unterstützt, mehr als 224 Millionen Kindern Fernunterricht oder E-Learning zu Hause zu ermöglichen.

Die Formel E ging zudem in Saison 5 Partnerschaften mit 55 lokalen Wohltätigkeitsorganisationen ein und unterstützte so Initiativen, die sich positiv auf die unmittelbare Umgebung der Rennstrecken auswirkten.

Nur 5 Rennserien weltweit berechnen ihren CO2-Fußabdruck

Der Nachhaltigkeitsindex berücksichtigte grundsätzlich fünf verschiedene Teilbereiche: Umwelt, Soziales, Zertifizierungen, Nachhaltigkeit (Konzept und Engagement) sowie Akkreditierungen und Auszeichnungen. Dass viele Serien besonders im Bereich der Zertifizierungen noch Nachholungsbedarf haben, zeigt sich unter anderem darin, dass nur fünf der 106 Rennserien überhaupt eine Ermittlung ihres CO2-Fußabdruckes vornehmen. Keine einzige Rennserie verfügt hingegen über Zertifizierungen im Bereich Arbeitsschutzmanagement (ISO 45001), Umweltmanagementsystem (ISO 14001), Qualititätsmanagement (ISO 9001) oder berücksichtigt den "Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung" (ISO 26000).

Ähnlich sieht es im Bereich Akkreditierungen und Auszeichnungen aus: Nur sieben Rennserien erhielten zum Erhebungszeitpunkt eine Umwelt-Akkreditierung von FIA oder FIM (Motorrad-Weltverband). Drei Rennserien bekamen andere relevante Auszeichnungen aus der Industrie.

Beim Umweltschutz sind deutlich mehr Rennserien gut aufgestellt: Mehr als 60 Serien haben ein Abfallmanagement, achten auf eine effiziente Nutzung natürlicher Ressourcen sowie auf einen umweltfreundlichen Transport. Jedoch unterhalten oder unterstützen nur 19 Rennserien Projekte gegen den Klimawandel, nur 18 verwenden erneuerbare Energien und achten auf Energieeffizienz.

Was die sozialen Kriterien angeht, ist der Handlungsbedarf bei sehr vielen Rennserien deutlich größer: Nur 19 beteiligen sich an Projekten zur Barrierefreiheit, jeweils zwölf führten bei den Rennen gemeinnützige Veranstaltungen durch oder beteiligten sich an gemeinnützigen Initiativen. Zehn Rennserien starteten Initiativen zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung.

Auch das Thema Nachhaltigkeit spielt nur sehr schleppend bei den Motorsportserien eine Rolle: Jeweils zwölf Rennserien schlossen auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Partnerschaften ab oder engagierten ihre Mitarbeiter:innen und Interessenvertreter:innen bei Nachhaltigkeitsprojekten, während nur fünf Serien die lokale wirtschaftliche Entwicklung vor Ort unterstützten.

Jeweils elf Rennserien führten auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Veranstaltungen durch oder verfolgten eine Nachhaltigkeitsstrategie. Einen Nachhaltigkeitsbericht gibt es nur bei zwei der untersuchten Rennserien. Einen Ethikkodex oder eine UNFCCC-Verpflichtung (United Nations Framework Convention on Climate Change; Deutsch: Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen) hatten immerhin 60 Rennserien.

Extreme E profitiert von der Formel E, hat jedoch nur begrenzten Einfluss

Die Extreme E belegte im ersten Jahr ihres Bestehens bereits den vierten Platz im SChI. Der Bericht hebt hervor, das die Offroad-Meisterschaft Unterzeichner des "UN Sports for Climate Action Framework" sei und ihren CO2-Fußabdruck schon vor der ersten Saison neutralisiert hat. Sie verpflichtete sich von Anfang an dazu, sämtliche Aktivitäten zu erfassen und offenzulegen. Auch habe sie Partnerschaften mit großen Universitäten abgeschlossen und ein wissenschaftliches Komitee gegründet.

Die Selbstverpflichtung, die gesamte für die Rennen benötigte Ausrüstung mit dem Schiff St. Helena zu transportieren sowie während jedes Rennens lokale Klimaschutzkampagnen zu unterstützen, wurde ebenfalls berücksichtigt.

"Obwohl die Meisterschaft eine Vorreiterrolle bei der Nachhaltigkeit einnimmt und bewährte Praktiken demonstriert, umfasst sie nur fünf Rennen pro Jahr, was ihren Einfluss auf die Nachhaltigkeit bei Interessenträgern, lokalen Gemeinschaften und Veranstaltern sehr begrenzt macht - verglichen mit den zwölf Rennen der Formel E oder den 18 Rennen der MotoGP", heißt es im Bericht. "Abschließend ist anzumerken, dass die Meisterschaft auch von den vorbildlichen Methoden profitiert, welche die Formel E entwickelt hat. Das zeigt, wie der Austausch zwischen zwei Meisterschaften den Übergang zur Nachhaltigkeit beschleunigen kann."

Enovation Consulting wurde von der Motorsportingenieurin und Nachhaltigkeitsexpertin Dr. Cristiana Pace gegründet. Die Italienerin studierte Maschinenbau und sammelte ihre ersten Motorsporterfahrungen Ende der 1990er-Jahre in der Italienischen Formel 3000. Später arbeitete sie in beratender Funktion bei der FIA sowie bei Williams Advanced Engineering, wo sie für die Strategie-Entwicklung und somit unter anderem auch für das Batterie-Programm der Formel E in der Gen1-Ära zuständig war. Sie promovierte 2020 mit der Thesis "Kohlenstoffarme nachhaltige Übergänge in der Motorsportindustrie: der Fall der FIA Formel E" an der Coventry University. Darüber hinaus vertritt sie den britischen Motorsportverband in der Umwelt- und Nachhaltigkeitskommission des Automobil-Weltverbandes und ist Botschafterin für das "Girls on Track"-Programm.

Der Sustainable Motorsport Index (SMI) von Enovation Consulting ist das einzige globale Leistungssystem seiner Art, das im Motorsport verschiedene Kategorien, darunter Meisterschaften, aber auch Rennstrecken und weitere Akteur:innen, auf der Grundlage öffentlich zugänglicher Daten miteinander vergleicht.

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